Ich hatte Fracksausen. »Tafeln mit Rossini – italienisch singen und kochen« hieß der Kurs. Eine Woche Toskana, schöne Landschaft, gutes Essen – das war verlockend. Aber italienisch singen? Und es ging nicht etwa um Adriano Celentano oder Eros Ramazzotti. »Bitte bereiten Sie zwei bis drei Stücke der italienischen Gesangskunst vor«, stand in den Teilnahmebedingungen. Das überforderte mich schon darum, weil mir außer ’O Sole Mio nicht viel einfiel, was als »italienische Gesangskunst« durchgegangen wäre. Singen an sich war nicht das Problem – ich singe gerne und viel, in Chören und Ensembles, allerdings nur Pop, Rock und Jazz. Um die Klassik habe ich bislang einen Bogen gemacht, da wird doch irgendwie anders gesungen. Kann ich das? Oder werde ich mich völlig blamieren?

Mit derart gemischten Gefühlen komme ich im Landhotel Il Rigo an. Es liegt zwischen Feldern, Wiesen und kleinen Wäldern im Hinterland von Siena. Zwei Kilometer Schotterweg winden sich von der Hauptstraße einen Hügel hinauf, einsam steht das vierhundert Jahre alte Gemäuer auf der Anhöhe. Wie aufgereihte Bleistifte säumen Zypressen die Einfahrt.

Offenbar ist noch keiner der Mitsänger da. Ich beziehe das einfach eingerichtete Zimmer. Der Blick, den ich aus meinem Fenster habe, hängt so ähnlich an mancher Wand. Das Orcia-Tal ist toskanische Musterlandschaft, viel gemalt und seit acht Jahren Weltkulturerbe der Unesco. Im lauschigen Innenhof der Herberge bestelle ich ein Glas Vernaccia und warte ab. Nach und nach trudeln die übrigen acht Kursteilnehmer ein. Beim Abendessen beschnuppert man sich ein wenig. Wie erfahren sind die anderen? Reicht mein Niveau, um hier mitzuhalten? Dabei müsste ich mir eigentlich keine Sorgen machen. Wir würden einzeln unterrichtet, hat mir die Dozentin Donna Woodward vor der Reise versichert. Kaum Gelegenheit also, sich zu blamieren – wäre da nicht das Abschlusskonzert.

Wenn man unsere Gruppe auf einen Nenner bringen will, bietet sich das Schlagwort von der Toskana-Fraktion an: fast alles gut situierte deutsche Bildungsbürger in den Fünfzigern. Früher fuhr man zum Töpfern in die Toskana, nun also zum Singen und Kochen. Ein Italiener käme nie auf die Idee, einen solchen Aktivurlaub zu buchen – der legt sich im August für ein paar Wochen ans Meer und ist froh, wenn er nichts selber machen muss.

Neben mir am Tisch sitzt Uschi. Die 61-Jährige aus der Nähe von Augsburg will ein Lied üben, das ich auch dabeihabe: Amarilli, Mia Bella, ein Madrigal des Frühbarock-Komponisten Giulio Caccini. Wir bekennen einander unsere Ängste – Uschi hat bisher nur im Chor gesungen, nie solo. Die Vorstellung, das Liebeslied allein vortragen zu müssen, lässt sie schlecht schlafen. Beim Frühstück am nächsten Morgen erzählt sie, dass sie mitten in der Nacht vom Geschrei eines gequälten Tieres wach geworden sei.

Da ich schon an der Auswahl meiner Lieder gescheitert war, hatte ich vor der Reise vier Gesangsstunden beim Hamburger Tenor Steffen Wolf gebucht. Er suchte drei Lieder aus der Barockzeit für mich aus, für eine schmachtende romantische Arie reiche mein Tonumfang noch nicht aus. Dafür hatten die Komponisten im 17. Jahrhundert offenbar eine Vorliebe für Koloraturen – rankende Ausschmückungen der Melodie, die sich bei mir noch wie eine leiernde Suche nach dem richtigen Ton anhören. Aber ich bin ja zum Lernen hier.

Jeder von uns hat täglich zwei Stunden Unterricht: eine bei der strengen Donna Woodward, die sich um unsere Stimme kümmert, und eine bei Sylvia »Tibby« Plyler, der Korrepetitorin. Ihr Job ist, dafür zu sorgen, dass die Lieder mit Gefühl vorgetragen werden. Jede der beiden älteren Damen sitzt den ganzen Tag über in ihrem Übungsraum hinter dem Klavier und empfängt einen Schüler nach dem anderen. Und was machen wir den Rest des Tages? Das bleibt uns selbst überlassen.