Man kann Mitch Winehouse nachsagen, was man will, für eine Überraschung ist er immer gut. Da haben wir ihn über 272 Seiten hinweg als pragmatisch denkenden, mitunter gar handgreiflich argumentierenden Menschen kennengelernt, eine ehrliche britische Haut mit dem ehrlichen britischen Beruf eines Taxifahrers. In Begleitung so eines Mannes möchte man nicht in ein Gotteshaus, sondern ins nächste Pub ziehen oder wenigstens in Reubens koscheres Restaurant, das er gleich mehrmals erwähnt, weil man sich dort so schön den Bauch vollschlagen kann. Und plötzlich wird es dann doch noch übersinnlich.

Auf Seite 273 folgende nämlich erhält er Besuch von einer jungen Amsel, die ins Wohnzimmer der Winehouses geflogen kommt, um sich dort einen ganzen langen Abend so zutraulich aufzuführen, als gehöre sie zur Familie. Vor allem aber wird er von Schmetterlingen besucht. Sie lassen sich auf seiner Schulter nieder, sie führen Tänze vor seinen Augen auf, sie begleiten ihn und seine Frau Jane auf Spaziergängen. »Wir probierten es aus, gingen den Weg zurück, den wir gekommen waren, und der Schmetterling folgte uns. Wir setzten uns in Liegestühle, und der Schmetterling blieb bei uns. Es war wirklich faszinierend.« Da wusste Mitch Winehouse, was er zu tun hatte: hinausgehen und Zeugnis ablegen.

Das Ergebnis dieser seltsamen Berufung heißt Meine Tochter Amy und liegt seit heute stapelweise in den Buchhandlungen. Dass es mit höheren Mächten in Verbindung stünde, lässt sich zunächst allenfalls für die konzertante Aktion behaupten, mit der es auf den Markt gedrückt wird: So viel Pappaufsteller bekommt sonst nicht einmal der neue Grass. Doch das sind Äußerlichkeiten, die man nicht überbewerten sollte, denn Vater Mitch spricht im Dienste einer höheren Wahrheit: Zur Metaphysik des Ruhms gehört nun einmal, dass niemand, der ihn gekostet hat, in Ruhe tot sein darf. Wieder und wieder will die Story erzählt sein, die Nachwelt verlangt es. Das gilt auch und gerade für Amy Winehouse, die größte Tragödin des Pop seit der Jahrtausendwende. Etwas Segen von oben kann da nicht schaden.

Es ist ein wahrhaft erstaunliches Buch, das hier ein Schelm, Hitzkopf und manchmal alter Narr von Familienvater seiner Tochter pünktlich zum ersten Todestag hinterherschickt. Es will das Irdische begreifbar machen und fischt doch mit Vorliebe im Drüben. Es wirbt mit intimen Kenntnissen und bleibt doch aus Nähe blind. Wie vor einem höheren Gericht gibt es vor, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit im Munde zu führen – und biegt unter dem Vorwand, dabeigewesen zu sein, mit schwerenöterischem Charme selbst die krummsten Verhältnisse gerade. Erfolge, Abstürze, sprechende Tiere und die Gnaden väterlicher Fürsorge, für Mitch Winehouse sind das alles keine Widersprüche. In seiner Version der Geschichte ist und bleibt er der Erziehungsberechtigte. Das Allererstaunlichste: Man darf ihm nicht einmal böse dafür sein. Er will doch nur das Beste.

Bei Mitch ist Amy Daddys kleines Mädchen, ein lebhaftes, leider mitunter allzu naives Wesen, das aus ebendiesen Gründen beschützt werden muss. Wir erfahren, dass das Kind bereits schreiend und um sich tretend zur Welt kam. Wir sind live dabei, als es seine ersten Lieder schreibt. Wir werden Zeuge freitäglicher Abendessen in East London, bei denen nach jüdischer Tradition der ganze Clan zusammenkommt, Unmengen von Essen aufgetischt werden und kein Auge trocken bleibt. Die Winehouses sind nämlich eine musikalische Familie: Schon Großmutter Cynthia verkehrte in Jazzkreisen, der berühmte Clubbesitzer Ronnie Scott soll ihr einen Antrag gemacht haben, den sie indes dankend ablehnte. Dass, wer es nicht ohnehin wusste, im Vorübergehen gesteckt bekommt, wie sehr Mitch selbst zum Künstlerischen neigt, ist eine Nachricht, bei der nur Zyniker auf falsche Gedanken kommen können: Irgendwie muss das Talent sich ja weitervererbt haben.

Besonders farbig die Passagen, in denen die Vater-Tochter-Idylle mit wachsendem Erfolg Belastungstests standhalten muss. Amy ist in ihrem ersten eigenen Apartment zu vielen ungünstigen Einflüssen ausgesetzt: Mitch schafft sie aus der Stadt raus. Amy hält es auf dem Land nicht mehr aus: Mitch mietet ihr eine Suite im Nobelhotel. Amy ist schon wieder voll drauf: Mitch lässt sie einliefern, ausnüchtern, und das Spiel beginnt von vorn. So etwas zehrt. Auf dem Höhepunkt der Amy-Mania ist Mitch Winehouse eine Art Fulltime-Vater, der um seine Fassung ringt, doch er schafft es, auf dem Teppich zu bleiben, indem er sich sagt: »Dieses Mädchen da ist weltberühmt, hat Millionen Menschen Freude gebracht, und sie ist einfach ein normales Mädchen, das seine Familie liebt.« Als Einblick in die inneren Dynamiken einer nicht ganz alltäglichen Beziehung hat das seine Stärken. Verblüffend hingegen die vollkommene Abwesenheit von Selbsterkenntnis.