Nichts von dem, was Dieter E. Zimmer in seiner Klarstellung referiert, ist neu. Neu ist, dass dieses weitere Kapitel der ewigen Meinungsschlacht um die Frage, ob der Mensch mehr durch seine Biologie oder durch seine Umwelt, mehr durch Vererbung oder durch Erziehung geprägt sei, wieder nötig wurde. Warum? Weil, wie Zimmer schreibt, »schiefe Darstellungen« die veröffentlichte Meinung seit Jahrzehnten prägten. Also fängt er noch einmal bei null an und durchpflügt die Verhaltensgenetik und Intelligenzforschung eines Jahrhunderts. Denn als Wissenschaftsdisziplinen stoßen diese ins Zentrum der Debatte um soziale Gerechtigkeit: Wie gleich sollen, wie gleich können die Menschen überhaupt sein? Und natürlich ist dieses Buch auch ein Resultat der Debatte um die Ein- und Auslassungen Thilo Sarrazins, dessen höchst umstrittene »Mutmaßungen« – wie Zimmer die Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators zur Vererbungslehre im Bestseller Deutschland schafft sich ab nennt – den 15 Kapiteln wie ein korrekturbedürftiges Negativ unterliegen.

Zimmers These zur »brisanten Jahrhundertfrage« ist rasch bestimmt: Die Unterschiede der menschlichen Intelligenz seien erblich. Er selbst gibt sich als »Naturalist« zu erkennen und macht klar, wer seine Gegner sind: »Kulturisten«, Psychologen, Autoren und Pädagogen, die sich naiven Illusionen über die Allmacht der Erziehung hingäben. Jene rückten, laut Zimmer, der Biologie mit Förderprogrammen zu Leibe, neutralisierten die Biologie sozialstaatlich und hingen der Ideologie an, alle Menschen seien gleich begabt, weswegen genetische Unterschiede unbedeutend seien.

Das allein ist eine durchaus angreifbare, politisch mitunter riskante, jedenfalls kompromisslose Positionsbestimmung angesichts eines Zeitgeists, der sich, Zimmers Auffassung zufolge, zum Ziel gesetzt habe, genetisch bedingte Ungleichheit zwischen den Menschen pädagogisch und sozial einzuebnen.

Zimmers unerschrockenes Wort gegen die Bagatellisierung der Gene hat Gewicht, weil er seit 1974 vor allem als Redakteur und Autor der ZEIT mit der »allzeit brisanten Frage der Erblichkeit des IQ« befasst ist – nicht als Psychologe, Pädagoge oder Genetiker, sondern als Wissenschaftsjournalist der ersten Stunde, der sammelt, sichtet, staffelt, auswertet und darstellt. Jenen, die geschwind mit dem Wort »Rassismus« hantieren, ruft er selbstsicher zu: »Missliebige Fakten aber lassen sich nicht durch eine Fatwa aus der Welt schaffen. Wer sich ihrer entledigen will, hätte sie zu widerlegen.«

Das allerdings ist bekanntlich ein mühsames Geschäft, wofür der Leser Zugang zu allen verfügbaren Daten haben müsste. Eine eigene Theorie verficht der mit feinem Florett fechtende Zimmer keineswegs; er vereinfacht nichts, meidet jede Falle und betreibt jene kalte, von keinerlei Gefallsucht oder Paranoia gesteuerte Aufklärungsarbeit, deren Sachdienlichkeit man sich als Folge des irrational überdrehten Sarrazinismus vor zwei Jahren immer gewünscht hat. Seine Aussagen werden dennoch vielen nicht gefallen. Seit 1996, behauptet Zimmer, herrsche definitiv Klarheit: Die individuellen Unterschiede in der abstrakt-analytischen Intelligenz der Menschen seien überwiegend erbbedingt: »Die Erblichkeit des IQ beträgt um die 75 Prozent.«

Zimmer macht die messbare »biometrische« Intelligenz zum Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen – den mysteriösen »g-Faktor«, die kognitive, von Kultur und Umwelt unabhängig gegebene Grundfähigkeit jedes Menschen. Aber was folgt daraus? Sollen wir eine gute Gesellschaft wirklich über das Paradigma eines IQ-Tests definieren? Setzt die westliche Leistungsgesellschaft nicht ohnehin zu einseitig auf die biometrische Intelligenz statt auf soziale und emotionale? Das erörtert Zimmer nicht. Ihn interessieren weder Sozialtechniken politischer Verfahren noch Therapien. Sein Fazit ist eindeutig: Die sozioökonomische Optimierung der Umweltbedingungen (etwa des Lebensstandards, Erziehungsstils und Bildungsgrades) sowie staatliche Förderprogramme vermögen es nicht, Intelligenz dauerhaft zu steigern und Unterschiede einzuebnen. Für Sozialisationsforscher und Behavioristen ist dieser Determinismus denkbar ernüchternd.

Dieter E. Zimmers Klarstellung bildet den Stand einer fast unüberschaubaren und kontroversen Forschung ab und ist sich stets der Fallhöhe bewusst: Hinter den Debatten lauern immer auch die Dämonen Eugenik und Selektion, die Leitbegriffe des nationalsozialistischen Rassenwahns. Der Autor ist klug genug, auf Ideologien, Hysterien und die üblichen Reflexe gar nicht erst einzugehen. Stattdessen erscheint seine Argumentationskette als fulminantes Bekenntnis zur Empirie, das dem geneigten Leser einiges an Geduld abverlangt: angesichts statistischer Feinjustierung zum Beispiel oder der etwas ermüdenden Darstellung von Modellen, Varianz-Variablen und Testergebnissen der IQ-Forschung mit exaktem Blick hinter die zweite Kommastelle. Die Lektüre dieser Klarstellung lohnt sich, wenngleich wichtige Fragen offenbleiben wie etwa jene, welchen Anspruch auf Förderung Menschen haben, die das so absolut veranschlagte biometrische Maximum von Natur aus nicht erreichen.

Im letzten Teil steigt die Spannung darauf, was der Autor mit seinen luzide, scharf und souverän aufgebotenen Erkenntnissen wohl anstellen werde. Bis zum Schluss hält er sich mit Wertungen und Ratschlägen zurück. Schließlich bringt er den Mut zu einer Ehrenrettung Thilo Sarrazins auf – nicht aus Sympathie, sondern aus wissenschaftlicher Redlichkeit desjenigen, der Empirie wohlfeiler Empörung vorzieht. Zimmer bestätigt Sarrazins Hauptthese, weil sie für ihn faktisch nicht widerlegbar ist: Muslimischer Traditionshintergrund sei tatsächlich ein Handicap für guten Schul- und Berufserfolg. Und dann lässt der Naturalist sich auf den letzten Metern doch zu einer politikfähigen Empfehlung hinreißen und fordert »Zuzugserleichterungen für qualifizierte Fachkräfte« – weil diese nicht nur eine zwingende wirtschaftliche Notwendigkeit seien, sondern auch der genetischen Mitbedingtheit der Intelligenz des Industriestaates Deutschland Rechnung trügen: Alle Welt konkurriere schließlich um qualifizierte Arbeitskräfte und also analytische Intelligenz. Kein Zweifel: Dieter E. Zimmer präsentiert schwere Kost – aber er ist ein Unbestechlicher.