Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Dies ist der lang erwartete Schwerpunkt zum Thema »Penis«. Ein deutsches Gericht hat verkündet, dass es gegen die Menschenrechte verstößt, wenn kleine Jungs beschnitten werden . Insofern verstoßen sowohl der Islam als auch das Judentum gegen die Menschenrechte. Der Knabe könne die Maßnahme ja später nicht rückgängig machen, irreparabel, sagt das Gericht. Die Eltern haben über seinen Kopf hinweg entschieden.

Ich glaube, dass die deutsche Justiz über die Möglichkeiten der modernen plastischen Chirurgie nicht informiert ist. Natürlich kann man sich da, falls man unbedingt möchte, heutzutage wieder was annähen lassen. Vielleicht ein Stück eigener Haut, vom Po, würde ich vorschlagen, oder man nimmt einen Spender. Ich glaube, dass viele Geringverdiener bereit sind, sich für ein angemessenes Honorar als Spender zur Verfügung zu stellen, eventuell ist das sogar ein Rettungsschirm für das tapfere Volk der Griechen. Die Eltern müssen die Transplantation dann bezahlen, falls ein zum jüdischen Manne oder Muslim herangereifter Junge die Justiz bemüht.

Es scheint aber selten gemacht zu werden, obwohl es immer wieder Juden gibt, die zum Christentum übertreten. Vielleicht wird das nur nicht publik, es ist ja doch relativ intim. Bei Bob Dylan , der erst Jude war und dann Christ wurde, halte ich es für möglich, dass er einen Eingriff hat vornehmen lassen. Dies würde erklären, dass er bei Konzerten oft so griesgrämig wirkt, sein Transplantat drückt und zwickt ihn sehr wahrscheinlich.

Die Religionen sind vor langer Zeit entstanden, deshalb sind sie altertümlich. Jede von ihnen enthält Elemente, die zu den heutigen rundum aufgeklärten Mehrheitsmeinungen nicht passen. Zur Freiheit gehört aber auch das Recht, sich innerhalb gewisser Grenzen gegen die Gegenwart und für die Vergangenheit zu entscheiden. Wer anfängt, religiöse Riten zu verbieten, kann Religion gleich insgesamt für verboten erklären. Für Menschenopfer, Steinigungen und Ähnliches gilt das natürlich nicht, auch die Genitalverstümmelung von Mädchen ist etwas anderes und zu Recht verboten. Das Risiko von Beschneidungen ist klein, auch Christen und Atheisten lassen das machen, und gar nicht mal selten, weil es Vorteile hat und medizinische Gründe geben kann. Bei einem Verbot des Eingriffs werden Muslime und Juden sich gewiss massenhaft auf die medizinische Indikation berufen, womöglich müssen sie sich bei »Pro Vorhaut« zwangsberaten lassen.

Wo kommen wir hin, wenn Eltern keine unwiderruflichen Entscheidungen für ihre Kinder mehr treffen dürfen? Soll der Staat entscheiden, ob ein Kind in der Stadt aufwächst oder auf dem Land, ob es Klavier lernt oder in den Religionsunterricht geht, ob es mit oder ohne Fernsehen aufwächst? All diese Entscheidungen prägen und sind unwiderruflich, man kann sie aber nicht gut ins Erwachsenenalter verschieben, da lernt man nie mehr perfekt Geige. Auch die Beschneidung im Mannesalter ist, wie ich hörte, keine ganz so einfache Sache.

Zwei Bundespräsidenten haben mit unterschiedlicher Akzentsetzung erklärt, der Islam beziehungsweise die Muslime gehörten zu Deutschland, das Judentum ja sowieso. Nach diesem Richterspruch muss man ergänzen: Juden und Muslime gehören vollständig, bis zu ihrem letzten Zipfelchen, zu Deutschland, wir geben nichts davon her. Wir wollen alles. Und wenn man bedenkt, wie viele Knaben im Laufe der Jahrhunderte offenbar menschenrechtswidrig überall auf der Welt beschnitten worden sind, drängt sich der Gedanke an ein Mahnmal auf, in Zipfelchenform.

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