MexikoBetrogen und bestochen

Eine Mexikanerin belegte die Beziehungen zwischen Staatskonzernen und Mafia – und musste fliehen. von Karin Ceballos Betancur

Ana Lilia Pérez weiß nicht, was die Zeitungen titeln, die an den Kiosken am Schanzenpark ausliegen, nahe ihrer neuen Wohnung. Euro-Krise, Fußballeuropameisterschaft, ein Entwicklungsminister, der ein Souvenir nicht ordnungsgemäß verzollt. Sie lebt erst seit wenigen Tagen in Deutschland, als Stipendiatin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. In ihrer Heimat kreisen die Schlagzeilen seit Jahren um Anschläge, Tote und einen verlorenen Krieg. Zeitschriften zeigen Bilder von Leichen, die von Autobahnbrücken hängen. Die Berichterstatter sind ihre Kollegen, Journalisten so wie Ana Lilia Pérez. Und in keinem anderen Land der Welt ist ihr Leben in größerer Gefahr als in Mexiko, wo in den vergangenen zehn Jahren mehr als 80 Journalisten getötet wurden.

Am Sonntag haben die Mexikaner einen neuen Präsidenten ins Amt gewählt: Enrique Peña Nieto, 45, Ex-Gouverneur des Bundesstaates Mexiko. Am 1. Dezember wird sein Vorgänger, Felipe Calderón, die grün-weiß-rote Schärpe an ihn weitergeben – und ein Problem, dessen Calderón in sechs Regierungsjahren nicht Herr geworden ist. Mit 50.000 Soldaten und, wie sich inzwischen zeigt, ohne Strategie war der Präsident 2006 gegen Mexikos Drogenkartelle in die Schlacht gezogen. Seitdem sind dem Konflikt mehr als 55.000 Menschen zum Opfer gefallen, 10.000 sind verschwunden. Gelöst hat dieser Feldzug nichts.

Anzeige

Ana Lilia Pérez wirkt zurückhaltend, beinahe schüchtern, als sie Kaffee serviert und mit leiser Stimme Zucker anbietet, in ihrem neuen Wohnzimmer. Seit Ende der neunziger Jahre arbeitet sie als Journalistin, seit neun Jahren als Mitglied des Investigativ-Teams der mexikanischen Zeitschrift Contralínea . Die 36-Jährige hat drei Bücher veröffentlicht. Drei Mal musste sie das Land verlassen. »Bis sich die Wogen glätten.« Wann das sein wird, ist ungewiss.

Ihr jüngstes Buch, El cártel negro, erschien im November vergangenen Jahres und trägt den Untertitel: »Wie das organisierte Verbrechen Pemex übernommen hat« – Pemex ist Mexikos großer Mineralölkonzern in staatlichem Besitz, der etwa 40 Prozent der Haushaltseinnahmen des Landes erwirtschaftet.

Unter Berufung auf neue Gesetze zur Informationsfreiheit hat Pérez Einsicht in Unterlagen erstritten, die angeblich zeigen, in welchem gigantischen Umfang die Drogenkartelle auch Geschäfte machen, die mit Rauschgift nicht viel zu tun haben: Pipelines anzapfen, Treibstoff und Mineralöl auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen, Pemex-Tankstellen zur Geldwäsche nutzen: Machenschaften, die ohne Mitwissen Verantwortlicher in Führungspositionen kaum zu erklären sind. Allein der Schaden durch den illegalen Treibstoffhandel beläuft sich monatlich auf rund 77 Millionen Euro.

»Das Buch zeigt, dass die Drogenkartelle über die Infiltrierung der Pemex längst Teil des mexikanischen Staats geworden sind«, sagt Pérez, während ihre Stimme fester wird und lauter. »In jedem anderen Land der Welt hätte ein Buch wie dieses zu massenhaften Rücktritten und Ermittlungen geführt.« In Mexiko dagegen geschehe rein gar nichts. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Ein paar Tage lang beschäftigten sich die Medien mit dem Thema, bis zum nächsten Skandal, der nie lange auf sich warten lässt. »Und erst dann«, sagt Pérez, »beginnen die Morddrohungen.« Ihre Familie ist in Mexiko geblieben. Sie möchte nicht darüber sprechen.

Mit dem neuen Präsidenten Peña Nieto kehrt die Partido Revolucionario Institucional (PRI) an die Macht zurück, die das Land bis zum Jahr 2000 sieben Jahrzehnte lang regiert hatte. Die PRI stand für Vetternwirtschaft und Autoritarismus, für Willkür und arrogantes Machtkalkül, doch die korrupte Tradition hielt immerhin das Morden in Grenzen. »Die Leute sagen: Unter der PRI war Mexiko wenigstens kein Friedhof.« Ana Lilia Pérez sagt: »Und das einzige Thema, das die Menschen im Moment interessiert, ist: Sicherheit.«

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Mexiko | Drogenkriminalität
    Service