TourismusDie haben noch Eier!

Bei Meeresschildkröten sind die einsamen Strände Nordzyperns zum Brüten beliebt. Am Alagadi Turtle Beach kann man ihnen mit etwas Glück dabei sogar die Flossen streicheln. von Julius Schophoff

Touristen passieren Schildkrötennester am Alagadi-Strand in Nordzypern (Archivbild).

Touristen passieren Schildkrötennester am Alagadi-Strand in Nordzypern (Archivbild).  |  © Laura Boushnak/AFP/Getty Images

Es ist Nacht geworden in Nordzypern, dem Land, das es nicht gibt. Der Vollmond hat sich über die dunklen Umrisse des Gebirges geschoben, und ich starre in die leuchtende Gischt. Werden sie heute Nacht kommen? Ein kühler Wind weht aufs Meer, ich sitze in eine Wolldecke gehüllt und wühle mit den Zehen im warmen Sand. Ich werde warten, wenn es sein muss bis zum Morgengrauen, auf ein Jahrmillionen altes Schauspiel: die Eiablage der Meeresschildkröten. Im Schutz der Dunkelheit schleppen die Tiere ihre schweren Panzer an Land, um ihre Nester in den Sand zu graben.

Ich bin Teil einer Gruppe von 20 Leuten, die ihr Lager auf einer Landzunge in der Mitte des Alagadi Turtle Beach aufgeschlagen hat, 15 Kilometer östlich der Hafenstadt Girne. Die eine Hälfte der Gruppe sind Schildkrötenhelfer, meist britische Studenten, die den ganzen Sommer lang von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang am Strand patrouillieren. Die andere Hälfte sind Touristen, meist Familien mit Kindern, die die Freiwilligen für eine Nacht begleiten dürfen – gratis, aber auch ohne Garantie, eine Schildkröte zu sehen.

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Tagsüber stecken am Alagadi Turtle Beach ein Dutzend bunter Sonnenschirme im goldgelben Sand, ein paar Badegäste planschen im flach abfallenden, glasklaren Meer. Dünen säumen den Strand, weiter hinten türmen sich die markanten Gipfel des Fünf-Finger-Gebirges, das mit seinen Kiefernwäldern die gesamte Nordküste beherrscht. Sobald die Dämmerung einsetzt, wird der Strand gesperrt, damit die Meeresschildkröten ihre Ruhe haben. 150 Nester buddelten sie hier im vergangenen Jahr. Nun, Anfang Juni, hat die Brutsaison gerade begonnen. Doch während der letzten sechs Nächte ist nichts passiert.

»Eigentlich sollte es jetzt richtig losgehen«, sagt Kirsty, »aber wir haben bisher erst drei Nester. Das Wasser ist einfach noch zu kalt.« Kirsty Rhodes, Britin, ist 22 Jahre alt, Studentin der Meeresbiologie, ein schmales Mädchen mit feinen Gesichtszügen, zarten Fingern und einer noch zarteren Stimme. »Love Your Ocean« steht auf ihrem T-Shirt, das erste O ein Herz, das zweite ein peace-Zeichen. Die vergangenen drei Sommer über war Kirsty als Freiwillige beim Alagadi Turtle Project dabei. Wie alle hier musste sie dafür bezahlen, die Nächte am Strand durchzumachen und morgens in das enge Matratzenlager zurückzukehren, in dem zwei Dutzend Helfer hausen – und eine Schwalbenfamilie, die pünktlich zum Ende der Schicht den neuen Tag besingt. Seit diesem Jahr allerdings leitet Kirsty das Projekt, mit dem der Cornwall Campus der University of Exeter das Leben der Meeresschildkröten erforschen und schützen will.

Kirsty blickt auf ihre Armbanduhr und erhebt sich aus der Gruppe dunkler Gestalten. »Wir müssen los, Bucht eins und Bucht zwei. Wer geht mit?« Drei Freiwillige stehen auf, zwei machen sich auf den Weg nach Osten, eine begleitet Kirsty nach Westen. Die Nacht am Alagadi Turtle Beach ist kurz getaktet: Damit ihnen keine Schildkröte entgeht, patrouillieren die Helfer alle zehn Minuten vom Lager in der Strandmitte die 500 Meter zu den Sandsteinhügeln am Ende der Bucht, warten dort zehn Minuten, kehren dann zum Lager zurück, um zehn Minuten später erneut aufzubrechen.

Ich gehe mit Kirsty, direkt an der Wasserkante entlang, dort, wo der Sand glatt gespült ist und die Wellen nach unseren Füßen langen. Kirsty, die Turnschuhe trägt, weicht dem Wasser erstaunlich mühelos aus; ich laufe barfuß durch die knöcheltiefe Gischt, die wärmer ist als Luft und Sand. Vor uns huschen kleine Schatten ins Meer: Geisterkrabben, die vor uns, den Eindringlingen, fliehen.

»Wir suchen nicht nach Schildkröten, sondern nach ihren Spuren«, sagt Kirsty. Im Sand hinterlässt eine ausgewachsene Meeresschildkröte einen Abdruck wie ein schlingernder Traktorreifen ohne Profil; um das Tier zu finden, muss man dieser Spur nur folgen, zehn oder zwanzig Meter den Strand hinauf. Wir tragen rote Kopflampen, ansonsten ist künstliches Licht verboten, weil es die Meeresschildkröten verschreckt. Um beleuchtete Hotels und Uferpromenaden schwimmen sie deshalb einen großen Bogen. Kein Wunder, dass so viele von ihnen im touristisch kaum erschlossenen Nordzypern an Land gehen.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Wir hätten uns sehr darüber gefreut, hätten Sie den ersten Kommentar dazu genutzt, um eine spannende Debatte zu starten. Danke, die Redaktion/se

  2. ein völlig falsches und beinah perverses verständnis von tierliebe und naturfaszination. in einer zeit in der tourismus im ranking der umweltsünden unaufhaltsam auf die spitzenpositionen zueilt sollte vielleicht eine gegenbewegung entstehen die sich z.b. mit fernsehbildern begnügt und den kläglichen naturrest der auf dieser welt noch existiert schlicht in frieden lässt.

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