Liebe und Ökonomie: Die Firma der Herzen
Börsenbericht und Liebesroman in einem: An der Geschichte von Power-Paaren lässt sich in diesen Tagen die Welt erklären.
© Adrian Sanchez-Gonzalez/AFP/Getty Images

Da stand die Fassade noch: Tom Cruise und Katie Holmes im Februar 2012
Fritz Wepper ist also zu seiner Frau zurückgekehrt. Für wie lange, muss man abwarten. Bei den Schröders stehen wohl Veränderungen ins Haus. Doris Schröder-Köpf geht ja jetzt in Politik. Ob Gerhard sich dann verstärkt um Haushalt und Kinder kümmert – muss man mal abwarten. Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer werden heiraten. Der Hochzeitstermin ist aber noch nicht raus. Wir könnten hier endlos fortfahren. Dabei handelt es sich nur um eine winzige Sequenz aus der Reality-Soap des Paarwesens, deren exzessives Ausmaß sich erst unter Einbeziehung des internationalen Boulevards, seiner Spitzenkräfte und Spitzenpaare erschließt. Seal und Heidi, Demi Moore und Ashton Kutcher, Kate Moss und Jamie Hince, Johnny Depp und Vanessa Paradis, die Beckhams... und natürlich: Tom Cruise und Katie Holmes. Sie werden uns einen langen episodenreichen Rosenkrieg bescheren.
Die Beschäftigung mit Paaren ist so allgegenwärtig, dass das Ungewöhnliche daran kaum mehr bemerkbar ist. Man könnte meinen, in der Erzählung des Paars liege momentan der Schlüssel zur Welt. Auffallend an der Flut der Paargeschichten, die sich durch die Medienkanäle ergießt, ist zunächst, dass es sich oftmals gar nicht um wirkliche Geschichten, gar Tragödien oder handfeste Skandale in der Größenordnung Dominique Strauss-Kahn/Anne Sinclair handelt, sondern allenfalls um Episödchen und Ereignisse aus dem Alltagsbereich mehr oder weniger populärer Leute – Shopping-Touren, Taxifahrten, Strandurlaube –, die narrativ weniger zu fesseln vermögen als die Wettervorhersage. Ganz offensichtlich hat dieser Kleinkram keinen anderen Sinn als den eines Alibis, um das Paar als solches zu zeigen. Das heißt: um das nicht eben revolutionäre Modell des Zu-zweit-Seins vorzuführen. Das gesteigerte Interesse am Paar zielt folglich weniger auf die Narration denn auf die Demonstration.
Historisch neu ist das prinzipiell nicht. Das Schauspiel der Liebe und der Libido ist im Repertoire des Menschlichen seit je unüberbietbar. Vom Staub, den Cäsar und Kleopatra aufwirbelten, liegen bis heute Restpartikel in der Luft. Hätte sich das Jahr 1788 unter den medialen Bedingungen des Jahres 2012 vollzogen, wäre auf der Titelseite der Bild-Zeitung Herr Geheimrat Goethe beim Verlassen des Hauses von Christiane Vulpius zu sehen gewesen wie vor ein paar Wochen Fritz Wepper beim Verlassen des Hauses seiner Noch- oder Nicht-mehr-Geliebten, und ein Team von RTL Exclusiv hätte Charlotte von Stein in den Straßen Weimars aufgestöbert. Die Welt fieberte mit, als Edward VIII. im Jahr 1936 der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson zuliebe auf den englischen Thron verzichtete. Sie haschte nach jedem Detail aus der Verbindung von Grace Kelly mit Fürst Rainier III. – nicht weil die Neugier der Massen größer war als zu früheren Zeiten, sondern weil sie mittels moderner Informationsmaschinerie in ganz anderem Umfang befriedigt werden konnte. Die Vermählung der Amerikanerin mit dem Monegassen war 1956 die erste live und weltweit im Fernsehen übertragene Glamourhochzeit und veranschaulichte auf wunderbare Weise den Einzug der Kulturindustrie in die Aristokratie.
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Nein, das 21. Jahrhundert hat die Reality-Soap nicht erfunden. Was die Gegenwart erfand, ist die Darstellung des Paarseins als Leistung an sich. Eine Leistung, die, so paradox es klingt, in nichts anderem als darin besteht, die Idee des Paars, die Verkopplung von Emotion und Form, möglichst deutlich zum Ausdruck zu bringen. Als vorbildliches Paar gelten beispielsweise die zu Guttenbergs, nicht nur, weil sie optisch harmonieren, parkettsicher auftreten und eine skandalfreie, offensichtlich loyale Ehe führen, sondern vor allem, weil jedes Bild von ihnen die gelungene, an der Paaridee vollbrachte Arbeit hervorhebt. Das Ergebnis ist die ideale Mischung aus Liebe und Effizienz. Und es scheint in der Gegenwart ein besonderes Bedürfnis nach der exemplarischen Darstellung dieser Mischung zu geben.
Natürlich hat das Interesse noch andere Motive. Natürlich dient es zum einen der Erkundung der Artenvielfalt des Paars, das heute viel mehr und viel verschiedenere Gesichter hat als in der Vergangenheit. Es war vor ein paar Jahren noch unvorstellbar, dass ein Außenminister mit einem Mann an seiner Seite auf Staatsbesuch geht, genauso wie es weitaus schwieriger war, bei der Partnerwahl kulturelle, nationale und religiöse Schranken oder die Generationengrenze zu überwinden. Zum anderen begrübelt die Gesellschaft – wie könnte es bei einem Anteil von vierzig Prozent Ein-Personen-Haushalten auch anders sein – die Haltbarkeit sozialer Lebensformen. Das Paarthema dominiert ja nicht nur den Boulevard, es kreist durch alle Ebenen des Diskurses. Allein im vergangenen Jahr erschienen, und dies ist eine sehr enge Auswahl, drei bedeutende soziologische und kulturgeschichtliche Studien. Warum Liebe weh tut von Eva Illouz, mittlerweile ein regelrechtes Kultbuch, Fernliebe von Elisabeth Beck-Gernsheim und Ulrich Beck und Die intellektuelle Ehe von Hannelore Schlaffer. Kein Magazin, das im Jahr 2011 nicht mindestens eine Titelgeschichte einem Aspekt des Paars gewidmet hätte. Wer passt zu wem? Warum bleiben die einen das ganze Leben zusammen und andere nur eine halbe Nacht? Et cetera... Die Gesellschaft untersucht an der Mikrozelle Paar ihr soziales Gewebe. Auch das ist nichts Neues. Das bürgerliche Ehepaar, ohne das der Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht vorstellbar ist, versinnbildlichte das Zeitalter des Bürgertums. Das 20. Jahrhundert wiederum studierte seine Idee der entfesselten Triebkraft mit Vorliebe an Amour-fou-Paaren wie Richard Burton und Liz Taylor, deren sexuelle Energie aus jeder Pore drang, und Künstlerpaaren, deren kreative Energie sich im Duett entlud. Die perfekte Besetzung hierfür waren Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.
Wenn wir im Mai 2012 in der Rubrik "Vermischtes" lesen, dass der Engländer Russell Brand, ein mittelprächtig bekannter Schauspieler und Komiker, seine Exfrau Katy Perry nun auch auf Twitter verabschiedet hat, dann ist das wahrhaft keine prickelnde Nachricht. Und doch trägt sie eine Kleinigkeit zum Verständnis der Liebe unter den Bedingungen des Netzwerkens bei. Wenn wir aus einem Interview mit dem 27-jährigen Handballtorwart Silvio Heinevetter erfahren, dass er beim Fernsehschauen mit der 47-jährigen Schauspielerin Simone Thomalla die Macht über die Fernbedienung hat, dann erhalten wir unter der Hand ein Bröckchen Gegenwartssoziologie, nämlich das Bild eines Paares, dessen Konstellation – gereifte Frau und wesentlich jüngerer Mann – vor hundert und noch vor dreißig Jahren der reine Skandal gewesen wäre und sich heute auf die Wohnzimmernormalität zubewegt. Wir erfahren nebenbei, dass die ödipale Hemmung für das Paarungsverhalten zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine immer geringere Rolle spielt. Das ist schon eine kleine Sensation. Aber all dies macht die aktuelle Dauerbeschäftigung mit dem Paar immer noch nicht recht plausibel. Es geht dabei wohl um etwas Grundsätzlicheres.








Der Artikel enthält interessante Beobachtungen und treffende Gedanken. Danke soweit dafür.
Leider enthält er meiner Meinung nach viel zu viele Worte (fast 1500) und gestelzte Formulierungen. Das ist nicht "maßstabsetzend", um eines der tollen Worte aus dem Text zu verwenden, bei denen selbst die Rechtschreibkontrolle des Webbrowsers rot wird und sich kringelt.
...der ökonomisierten liebe würde ich zustimmen; schließlich versucht jeder seinen marktwert zu bestimmen/kennen/steigern um den bestmöglichen partner abzubekommen. (wobei man natürlich auch von einer anderen warte aus schauen könnte; wir alle wollen unsere grenzen austesten - auch in der liebe; mit wem kann ich anregende gespräche führen? bei welcher art mensch sollte ich vorsichtig sein? usw. bestimmt hier der betrachter das ökonomische prinzip oder tatsächlich die subjekte?)
aber: mal abgesehen von den promi-paaren, kenn ich ernsthaft niemanden, der sich in irgendeiner weise als paar "verkaufen" würde (und könnte). die meisten leute sind noch immer verrückt verliebt, verhauen prüfungen aus liebeskummer oder liebesglück, kommen zu spät auf arbeit, lassen sich fallen, werden nicht aufgefangen.
ich würde es eher "menschsein mit spätkapitalistischen antlitz" nennen. ;]
Ich habe den Artikel mit grossem Interesse gelesen und fand auch kein Wort zuviel :=)
Eher eins zuwenig (falls es doch vorkommt, excusez, ich will ihn nicht der Korrektheit halber nochmal scannen) aber ich glaube, das übergrosse Interesse an Paaren durch die Jahrhunderte liegt an der SEHNSUCHT NACH TRANSZENDENZ. Liebe ist eine Himmelsmacht, auch wenn wir den Himmel (als Weltall verstanden) seiner Transzendenz entleert haben. Auch in Jahrhunderten der arrangierten und Vernunftsehen gab es Liebe - meist nicht im Verbindung mit der Ehe und ihrem "Vollzug". So blieb die Sehnsucht unerfüllt. Daher der grosse Erfolg der Liebesromane.
yellow press.
Ich bitte um Verzeihung, aber mich interessiert es kein bisschen was diese ganzen Damen und Herren, deren Anderssein gegenüber dem Normalbürger zumeist gerade darin besteht, dass sie nicht ökonomisch handeln müssen, privat so machen.
(mit Ausnahme des Aussenministers, denn der entscheidet mit, wenn es um die künftige Gestaltung von Familienpolitik geht.)
Ein Unternehmen lässt sich als eine ökonomische Einheit definieren, die wirtschaftliche Gewinnmaximierung zum oberen Handlungszweck gemacht hat.
Wenn ein Paar mit einem „Unternehmen“ vergliechen wird, geht es überwiegend darum, einzelne Ressourcen zusammenzulegen, um das daraus entstehende gemeinsame soziale/finanzielle Kapital zu vergrößern. So entsteht das „Homo-Oeconomicus-Denken“. Wenn man die Welt vornehmlich durch die Wirtschaftsbrille sieht, braucht man logischerweise eine passende soziale Patronage. Es ist nicht schlecht oder gut, es ist in der modernen Gesellschaft einfach so. Das System ist übrigens nicht neu - schon alte Römer kannten und praktizierten solche Beziehungen: "Serva me, servabo te".
Ich glaube aber, dass diese geschäftliche Betrachtungsweise im Bezug auf Dinge, die mit persönlichen Gefühlen verbunden sind, wenig optimal ist. Das Geld/der Einfluss und (z. B.) echte Freundschaft/Liebe lassen sich nur teilweise rational oder „auf Knopfdruck“ miteinander verbinden. Jeder weißt, dass man echte Zuneigung und die Wertschätzung nicht kaufen kann. Manche Menschen kommen dennoch zum Gedanke, dass die Libido sich problemlos mit der Effizienz verbinden lässt. Diese Art von „wirtschaftlicher Rationalität“ -logisch gesehen - ist soweit nicht verkehrt; ethisch betrachtet kann sie jedoch ein „Gift für die Seele“ werden.
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Ich würde sagen: eine Person als bloßes Mittel zum Zweck zu benutzen – ist fast respektlos; sich selbst als Mittel behandeln zu lassen - ist charakterlos. Es kann für viele "dämlich" klingeln, aber für gewisse Sachen muss man tatsächlich persönliche Opfer bringen. Liebe (wenn sie spontan, komplett unerwartet und uneigennützig entflammt) kann richtig weh tun. Deswegen haben manche Menschen Angst oder sogar eine leichte Abneigung davor. Die wenigen, die sich darauf einlassen - müssen oft bereit sein, dass ihre idealistische Betrachtungsweise missverstanden wird und sie selbst als "unkluge" und "strategisch ungeschickte" Menschen abgestempelt werden; oder als Personen,die angeblich "noch unreif sind", um ihre Überzeugungen glaubhaft zu vertreten. Aber wenn man richtig liebt, ist man sogar bereit auf eigenen Vorteil zu verzichten. Nur, allgemein betrachtet, es ist viel simpler gar nichts zu fühlen...
Na ja, wenn man tüchtig und ambitiös ist und nach oben schaffen möchte – ist die soziale Patronage auch absolut in Ordnung. Nun persönliche Beziehungen als "Geschäft" zu berachten - ist mir zu zynisch... Wie kann man sich dann überhaupt noch im Spiegel ansehen? Also, vielleicht ist meine Einstellung total dumm, aber nicht alles im Leben muss „wirtschaftlich effizient“ sein.
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Übrigens, das Paar Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre fand ich als ein Superbeispiel für eine erfolgreiche nicht kommerzielle Verbindung. Aber solche ungewöhnliche Paare sind in der Geschichte eher selten...
"(...) Zwei Personen verlieben sich also ineinander, wenn sie das Gefühl haben, das geeignetste auf dem Markt verfügbare Objekt gefunden zu haben, unter Berücksichtigung der Grenzen ihres eigenen Tauschwertes. Wie beim Grundstückskauf spielen auch die verborgenen Werte, die entwicklungsfähig sind, bei diesem Handel eine beträchtliche Rolle. In einer Kultur, in der der kaufmännische Sinn vorherrscht und in der der materielle Erfolg von überragendem Wert ist, gibt es eigentlich keinen Grund, davon überrascht zu sein, daß die menschlichen Liebesbeziehungen den gleichen Grundzügen folgen, die den Waren- und den Arbeitsmarkt beherrschen. (...)"
(Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, 1956, erstes Kapitel: "Ist Lieben eine Kunst?")
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