PsychotherapieCoach oder Couch

Über seelische Leiden wird so offen geredet wie nie. Doch ernsthaft Betroffene finden kaum richtige Hilfe. Was läuft schief? von 

Als sich Hanna Pohl* zum ersten Mal bei ihrer Psychotherapeutin fallen lässt, hat sie noch immer das Gefühl: Eigentlich gehöre ich gar nicht hierher. Die 40-Jährige, zierlich, asymmetrischer Kurzhaarschnitt, hat viel erreicht. Sie lebt in einer schönen Altbauwohnung in Berlin und entwickelt Vermarktungsstrategien für ein globales Technologieunternehmen. Sie ist gefördert worden, gut bezahlt, war immer passioniert bei der Arbeit.

Bis sich ihre Abteilung, von Schließung bedroht, in ein Haifischbecken verwandelt hat. Die Teamleiterin Pohl erlebt, wie sie "leistet und leistet", aber im Konkurrenzkampf trotzdem "fertiggemacht und weggebissen" wird. Zwei Jahre geht das so, jetzt hat sie sich endlich einen Ruck gegeben: "Lass dir mal helfen. Rede mit jemandem nur über dich. Den Luxus gönnst du dir."

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Die Geschichte klingt wie eine jener typischen Burn-out-Episoden , von denen man seit einiger Zeit überall hört und liest. Doch sie wirft eine Frage auf, die dabei selten gestellt wird und längst nicht nur gestresste Manager und Erschöpfungsgeplagte betrifft: Warum hat Hanna Pohl so lange gewartet, bis sie zu einem Therapeuten ging? Kann es sein, dass – trotz all der Berichte über ausgebrannte Fernseh- und Fußballstars – noch immer viele Menschen Hemmungen haben, sich einem "Seelenklempner" anzuvertrauen? Fehlt ihnen im Dschungel der diversen Therapieformen die Orientierung, das richtige Angebot?

Zwei Hörstürze hat Hanna Pohl erlebt, bevor sie endlich Hilfe sucht. Mehrmals ist sie mit Schmerzen in der Brust beim Kardiologen gewesen, auch am Wochenende, jedes Mal ohne organischen Befund. Sie schläft schlecht, fühlt sich zu Hause wie gelähmt, bedrohlich oft überfällt sie der Gedanke: Wofür lebst du überhaupt noch? Nur die Verantwortung für ihren dreijährigen Sohn ist es, die sie hält. Die Analytikerin diagnostiziert eine schwere Erschöpfungsdepression , die auch tiefer liegende Konflikte wachgerufen hat. Nun sieht Hanna Pohl die Therapie nicht mehr als Luxus.

In der Rückschau sagt sie: "Schwach und gekränkt zu sein, das war für mich und meine Welt total tabu." Tabu? Das klingt paradox in einem Land, in dem die Selbsterfahrungskultur blüht und sogar die Arbeitsministerin öffentlich erklärt, dass "psychische Störungen" zu den "drängendsten Problemen in der Arbeitswelt" zählen. Wie passt das zusammen? Was stimmt nicht mit unserem System der Versorgung, wenn sich jemand über Monate, ja Jahre mit einem schweren seelischen Problem quält und nicht die richtige Hilfe bekommt?

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf
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    Ich hab den Beitrag gerade noch lesen können bevor er der Zensur zum Opfer gefallen ist... vielleicht etwas überzogen aber im Grunde genommen hat er recht.

    Die ganze Burnout-Psycho-Geschichte wird in den Medien in neuester Zeit dermaßen aufgebauscht dass man denkt man ist im falschen Film. Mittlerweile denken ja manche, sie müssten schon wegen einer Schlechtwetter-Depression auf die Couch, weil sich ein "Burnout" anbahnt. Und man kann aus jeder nicht "normgetreuen" Charaktereigenschaft eine psychische Störung machen. Wer davon profitiert ist klar: die Zeitungen können das Sommerloch überbrücken und für die Psychotherapeuten tun sich ungeahnte Einnahmequellen auf. Und im nächsten Jahr ist dann das Gejammer auf Seiten der Krankenkassen wieder groß, weil bei denen die Einahmen der Therapeuten natürlich negativ zu Buche schlagen. Same Procedure as every year. Und das nur weil heutzutage jeder dritte B-Promi eine ADHS Störung vorgaukelt, um seine Medienpräsenz zu erhöhen.

    Ich möchte psychische Probleme ja nicht herunterspielen, die gibt es mit Sicherheit und dann müssen sie behandelt werden. Aber die Überempfindlichkeit, mit der heutzutage aus jeder kleinsten (nicht vorhandenen) Mücke ein Elefant gemacht wird ist unnötig und nimmt stark überhand.

    Entfernt. Wir bedauern das entstandene Missverständnis und bitten dennoch um inhaltliche Beiträge zum Thema. Danke, die Redaktion/jz

    • S.W.
    • 12. Juli 2012 8:55 Uhr

    wenn wir die besten Strukturen hätten, würden viele Menschen - gerade die mit den größten Problemen - sich nicht in Therapie begeben, weil sie Angst vor der Auseinandersetzung mit sich selbst haben. Wirklich helfen kann nur, die Ursachen so weit als möglich zu verhindern.
    Dazu muss die Menschheit allerdings noch um einiges reifer werden.

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  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte tragen Sie konstruktiv zur Debatte bei. Danke, die Redaktion/mk

  3. ist die eine Sache. Es ist aber eben was anderes, ob jemand im direkten Freundes-/Bekanntenkreis auch schon Erfahrungen mit einer Therapie gemacht hat und dies weitervermittelt. Zu sehen, dass es einem Freund, dem es sehr schlecht ging, nach einer Therapie auch besser ging, evt. auch mit Hilfe von Antidepressiva, die ihn nicht gleich zu einer komplett anderen Persönlichkeit haben mutieren lassen, DAS senkt die Hemmschwelle wesentlich stärker als es ein wöchentlicher Depressionsbericht in det ZEIT oder sonst wo könnte.

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  4. Die asymmetrische Kopfverschandelung ist ebenso Symptom psychischer Asymmetrien wie die Überschätzung der eigenen Leistung. Hintergrund ist eine falsche Wahrnehmung des Wertes der eigenen Person, die vom Egowahn unserer Gesellschaft befördert wird. Kann auf die Dauer nicht gutgehen. Darf es auch nicht. Nachvollziehbar, daß gerade Besserverdienende mit sitzender Tätigkeit besonders betroffen sind. Wer für fünf, sechs, sieben Euro die Stunde in der Gegend rumhastet, hat wenig Gelegenheit zu burnouten. Es fehlt schlicht die Zeit dazu. Schön, daß wir mal drüber geredet haben.

  5. Ich glaube nicht, dass fehlende gesellschaftliche Akzeptanz das Problem ist. Meine Erfahrung zeigt vor allem vier Probleme:

    1.) Sich als Depressiver den nötigen Ruck zu geben, Hilfe zu suchen, wird mit großer Sicherheit sofort enttäuscht, weil der nächste Termin bei einem Therapeuten in der Regel erst nach Wochen frei ist. Bis dahin hat man sich dann vielleicht wieder anders entschieden.
    2.) Einen guten Therapeuten zu finden ist schwer. Ich könnte Seiten schreiben über Ärzte, die sich nur für ihr Einkommen (viele Medikamente verschreiben, möglichst lange aber inhaltsleere Gespräche führen) und kaum für ihre Patienten interessieren oder solche, die einfach ungeeignet oder "unpassend" sind.
    [...]

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  6. ...
    3.) Wer beabsichtigt, in eine PKV zu wechseln, wird das erst ab einem gewissen Gehalt oder als Beamter können. Psychische Erkrankungen werden dann, wenn es bereits einen Therapeutenbesuch gab, ausgeschlossen oder der Beitragssatz ist deutlich erhöht. Wer also schon vorher einen Therapeuten aufgesucht hat, schließt sich selbst aus. Dasselbe gilt auch für Versicherte, die möglicherweise, aus welchen Gründen auch immer, noch einmal wechseln wollen oder noch eine staatliche Gesundheitsprüfung bestehen müssen (Depression gilt als Ausschlusskriterium für den Beamtendienst). Man überlegt sich den Gang zum Therapeuten also gründlich, bevor man sich selbst von der Versicherung oder seinen Laufbahnoptionen ausschließt.
    4.) Viele private Arbeitgeber bekommen detaillierte Einsicht in Krankenakten. Wer sich dem Arbeitgeber gegenüber als depressiv outet, gibt sich dem Vorwurf hin, nicht belastbar zu sein. Für eine Beförderung oder auch nur ein reguläres Arbeitsverhältnis ist das zumindest problematisch.

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    Sie haben völlig recht mit Ihren Ausführungen. Zudem bezahlen die Krankenkassen nur zwei der insgesamt über 400 existierenden Psychotherapieverfahren - eigentlich ein Unding angesichts der vielfältigen psychischen Problemstellungen.

    Es gibt aber immer auch die Möglichkeit, eine psychologische Beratung, ein Coaching und auch eine Psychotherapie selbst zu bezahlen. Das wirkt im ersten Moment teuer, zahlt sich aber langfristig meistens aus, da die Behandlung dann nicht aktenkundig wird.

    Es gibt den Beruf des Heilpraktikers für Psychotherapie, der den psychologischen Psychotherapeuten mit Kassenzulassung ähnlich gegenüber steht wie der Heilpraktiker den Ärzten. Heilpraktiker für Psychotherapie bieten eine Vielfalt "alternativer" psychotherapeutischer Verfahren, die durchaus besser auf einen Patienten zugeschnitten sein können als die beiden Standardverfahren. Heilpraktiker für Psychotherapie haben eine staatliche Heilerlaubnis, leisten gute Arbeit und haben in der Regel praktisch keine Wartezeiten.

  7. Ich hab den Beitrag gerade noch lesen können bevor er der Zensur zum Opfer gefallen ist... vielleicht etwas überzogen aber im Grunde genommen hat er recht.

    Die ganze Burnout-Psycho-Geschichte wird in den Medien in neuester Zeit dermaßen aufgebauscht dass man denkt man ist im falschen Film. Mittlerweile denken ja manche, sie müssten schon wegen einer Schlechtwetter-Depression auf die Couch, weil sich ein "Burnout" anbahnt. Und man kann aus jeder nicht "normgetreuen" Charaktereigenschaft eine psychische Störung machen. Wer davon profitiert ist klar: die Zeitungen können das Sommerloch überbrücken und für die Psychotherapeuten tun sich ungeahnte Einnahmequellen auf. Und im nächsten Jahr ist dann das Gejammer auf Seiten der Krankenkassen wieder groß, weil bei denen die Einahmen der Therapeuten natürlich negativ zu Buche schlagen. Same Procedure as every year. Und das nur weil heutzutage jeder dritte B-Promi eine ADHS Störung vorgaukelt, um seine Medienpräsenz zu erhöhen.

    Ich möchte psychische Probleme ja nicht herunterspielen, die gibt es mit Sicherheit und dann müssen sie behandelt werden. Aber die Überempfindlichkeit, mit der heutzutage aus jeder kleinsten (nicht vorhandenen) Mücke ein Elefant gemacht wird ist unnötig und nimmt stark überhand.

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    Antwort auf "[...]"
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    Früher hiess es: "was stellst Du Dich so an", heute heisst es "das ist doch ne Modekrankheit". Der Effekt für den Betroffenen ist derselbe: Man wird nicht ernstgenommen, verheimlicht die Therapie, zögert Ewigkeiten... weil die meisten nicht Betroffenen sich nicht darauf einlassen wollen, dass bei einem Bekannten/Freund/Familienmitglied ein wirkliches Problem bestehen könnte.
    Lieber glaubt man an Geltungssucht oder an gesamtgesellschaftliche Probleme, was für Betroffenen genauso daneben liegt. Ihr "Überempfindlichkeit... Mücke ein Elefant... unnötig" ist genau der Ton, mit dem man dann konfrontiert wird. Und der erste Kommentar, um dessen Zensur ich selbst gebeten habe, ist das Ganze in Reinkultur, menschenverachtend dazu. Früher hiess Depression schwach zu sein, heute ist man geltungssüchtig. Hauptsache der Gesunde ist sich sicher, dass der Abgrund psychische Störung gaaaanz weit weg ist.

    Die derzeitige Diskussion um Burn-Out und andere psychische Beeinträchtigungen spült den Psychotherapeuten keineswegs mehr Geld in die Kassen! Bedenken Sie bitte, dass die existierenden Praxen mit Kassenzulassung voll sind bis unters Dach, mit Wartezeiten von durchschnittlich 3 Monaten nur auf ein Erstgespräch für Erwachsene - bei Kindern und Jugendlichen eher 4-6 Monate. Die Psychotherapeuten arbeiten bereits seit Jahren am Anschlag ihrer Leistungsfähigkeit.

    Es geht hier nicht darum, einen Markt zu generieren, sondern nur darum, unbehandelte Leiden aufzudecken und die therapeutische Unterversorgung zu thematisieren.

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  • Schlagworte Psyche | Psychische Störung | Psychologie | Therapie | Depression | Burn-out
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