DIE ZEIT: Herr Hansen, Sie betreuen viele Patienten mit seelischen Leiden. Wie offen gehen diese mit ihrer Erkrankung um?

Hans-Christian Hansen: Schon der Weg zum professionellen Helfer und Spezialisten gilt für viele als bedenklich, oft nur, weil man im Wartezimmer nicht gesehen werden möchte. Deshalb ist es sinnvoll, wenn man das Spektrum der möglichen Erkrankungen in einer Wartezone verbreitert. Bei uns in der Klinik haben die Bereiche Neurologie, Geriatrie, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ein und dasselbe Wartezimmer.

ZEIT: Schämen sich die Patienten?

Hansen: Es wird nicht gern zugegeben, dass man psychologische Hilfe braucht, nicht einmal bei schweren körperlichen Krankheiten mit entsprechenden psychischen Auswirkungen wie Krebs. Noch immer wird die psychische Symptomatik oder Erkrankung in hohem Maße mit eigener Verfehlung, Charakterschwäche und zurückliegenden biografischen Pannen in Verbindung gebracht. Erbliche Faktoren sind ja auch vorhanden – und wer will schon ein schlechtes Licht auf sich und seinen Clan werfen? Viele reißen sich lieber zusammen und tun so, als ob nichts wäre.

ZEIT: Wie kann man als Arzt damit umgehen?

Hansen: Offensiv. Wir stärken etwa die Position des Patienten, indem wir die Situation offen ansprechen, auch indem wir den Lebenspartner zu gegebener Zeit einbeziehen. Aus einer familientherapeutischen Perspektive sind wichtige Mit- und Gegenspieler, eventuell ein »Co-Therapeut« meistens im Umfeld des Patienten zu finden; sie sind ein ebenso wichtiger Faktor wie der wöchentliche Kontakt zum Therapeuten. Man wird den psychotherapeutischen Prozess und den Gewinn ohnehin vor dem Umfeld nicht verheimlichen können, und bei Lichte betrachtet möchte man das ja auch nicht.

ZEIT: Welche Krankheiten sind es, von denen man lieber niemandem erzählt?

Hansen: Die psychiatrischen: die Psychose, die Sucht, besonders bei helfenden Berufen, die Zwangserkrankungen, die Störungen der Persönlichkeit oder des persönlichen Stils. Darunter fallen besondere Neigungen zu übermäßiger Geltung, übertriebene Selbstzweifel, exzessive Bedürfnisse nach Rückversicherung und mangelnde emotionale Stabilität.