PsychotherapieCoach oder Couch
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Psychosen bleiben stigmatisiert

Dabei werden psychische Leiden so verständnisvoll verhandelt wie nie zuvor. "Auch die Schönen und Reichen haben oft verletzte Seelen", stellt zum Beispiel die Bunte mitfühlend fest und schildert episch, wie selbstverständlich Carla Bruni ihre Selbstzweifel offenbart oder Mr and Mrs Obama ihre Ehekrisen zum Therapeuten tragen. Als Hanna Pohl ihr Depressionsproblem einem Bekannten anvertraute, beruhigte der sie sogar schulterklopfend: "Ist doch schon fast ein Makel, wenn man noch nicht zum Psycho geht!"

Menschen aber, die gravierende Krankheiten wie Sucht, Schizophrenie oder Psychosen durchleiden, bleiben stigmatisiert; die Ablehnung ihnen gegenüber hat sich sogar leicht verstärkt, fand eine Forschungsgruppe der Universität Greifswald für mehrere westliche Länder, auch Deutschland, heraus. Derart psychisch Erkrankte will eine deutliche Mehrheit weder als Nachbarn noch anderweitig in der Nähe haben. "Je fremder und unberechenbarer, desto weniger", sagt Georg Schomerus, einer der Autoren der Studie.

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Auch Martina Mayer* kennt die bohrende Sorge, "dass die Nachbarn tuscheln könnten: Jetzt ist sie ganz verrückt". Die 38-Jährige hat seit Langem Angst- und Essstörungen. Ob diese Leiden Ursache oder Folge ihres beruflichen Scheiterns sind, ist schwer zu sagen. Klar ist: In ihrem 500-Seelen-Dorf in Brandenburg findet die gelernte Altenpflegerin keine Arbeit mehr.

Dabei unternimmt sie seit Jahren immer neue Bewerbungsanläufe, als Übersetzerin, in einem Fotoladen – und hat immer wieder Pech. Als Alleinerziehende, die wegen ihrer Diabeteserkrankung nicht alles machen kann, habe sie es einfach besonders schwer, sagt Mayer. Schließlich hat sie sich kaum mehr aus dem Haus getraut und ihre Verletzlichkeiten, aber auch Fähigkeiten in einem weichen Panzer aus zu vielen Kilos verschanzt. Jahre hat es gedauert, bis sie sich endlich zu einer Psychotherapie entschlossen hat. Doch das wird sie nur ihren Eltern erzählen: "Glauben Sie denn, dass die Gesellschaft schon so weit ist?"

Tatsächlich kommt zu den persönlichen Gefühlen von Scham und Schuld oft die Angst hinzu, ausgegrenzt zu werden. Schließlich gibt es bei psychischen Krankheiten noch immer Vorurteile und eine Missachtung, die bei körperlichen Erkrankungen unmöglich wäre. Da lehnt die private Krankenkasse es ab, die Kosten für den Psychotherapeuten zu übernehmen. Da zögert der Staat, Bewerber zu verbeamten, wenn sie einmal in einer Therapie waren. Jugendliche beschimpfen sich in der U-Bahn: Du Schizo, Depri, Psycho! Ein Kollege geht lieber zum Coach – das klingt nicht so peinlich wie die Couch.

In mehr als der Hälfte der Fälle zögerten selbst Familienmitglieder und Freunde, denen sich Betroffene anvertrauten, einen Psychotherapeuten zu empfehlen, schreibt das Autorenteam einer Studie der Universität Leipzig. Während für regelmäßige Besuche im Fitnesscenter Bonuspunkte bei der Kasse diskutiert werden, gilt ein Selbsterfahrungswochenende in der Psychoklinik eher als verdächtiges Unterfangen denn als gesundheitliche Prävention.

Das Tabu greift unterschiedlich stark. Bei Männern, in der älteren Generation, auf dem Land und in toughen Managementetagen wirkt es in der Regel stärker als bei Frauen, jüngeren Leuten, in sozialen Berufen, in der Stadt. In jedem Falle erschwert es die Lage der Betroffenen, weil sie im Verborgenen leiden.

Und je länger wiederum eine seelische Erkrankung beiseitegeschoben wird, desto komplizierter kann sie sich entwickeln. Die Eskalationen treiben die Behandlungskosten in die Höhe. Martina Mayer etwa hat über die Jahre zusätzlich zu ihrer Angst alle möglichen psychosomatischen Störungen ausgeprägt, die teils chronisch wurden. Auch Hanna Pohls Zustand wäre womöglich nicht so dramatisch geworden, hätte ein Arzt sie früher zum Therapeuten überwiesen. Gegen die Depression musste sie fast zwei Jahre lang Psychopharmaka einnehmen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    2 Leserempfehlungen
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    Ich hab den Beitrag gerade noch lesen können bevor er der Zensur zum Opfer gefallen ist... vielleicht etwas überzogen aber im Grunde genommen hat er recht.

    Die ganze Burnout-Psycho-Geschichte wird in den Medien in neuester Zeit dermaßen aufgebauscht dass man denkt man ist im falschen Film. Mittlerweile denken ja manche, sie müssten schon wegen einer Schlechtwetter-Depression auf die Couch, weil sich ein "Burnout" anbahnt. Und man kann aus jeder nicht "normgetreuen" Charaktereigenschaft eine psychische Störung machen. Wer davon profitiert ist klar: die Zeitungen können das Sommerloch überbrücken und für die Psychotherapeuten tun sich ungeahnte Einnahmequellen auf. Und im nächsten Jahr ist dann das Gejammer auf Seiten der Krankenkassen wieder groß, weil bei denen die Einahmen der Therapeuten natürlich negativ zu Buche schlagen. Same Procedure as every year. Und das nur weil heutzutage jeder dritte B-Promi eine ADHS Störung vorgaukelt, um seine Medienpräsenz zu erhöhen.

    Ich möchte psychische Probleme ja nicht herunterspielen, die gibt es mit Sicherheit und dann müssen sie behandelt werden. Aber die Überempfindlichkeit, mit der heutzutage aus jeder kleinsten (nicht vorhandenen) Mücke ein Elefant gemacht wird ist unnötig und nimmt stark überhand.

    Entfernt. Wir bedauern das entstandene Missverständnis und bitten dennoch um inhaltliche Beiträge zum Thema. Danke, die Redaktion/jz

    • S.W.
    • 12. Juli 2012 8:55 Uhr

    wenn wir die besten Strukturen hätten, würden viele Menschen - gerade die mit den größten Problemen - sich nicht in Therapie begeben, weil sie Angst vor der Auseinandersetzung mit sich selbst haben. Wirklich helfen kann nur, die Ursachen so weit als möglich zu verhindern.
    Dazu muss die Menschheit allerdings noch um einiges reifer werden.

    7 Leserempfehlungen
  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte tragen Sie konstruktiv zur Debatte bei. Danke, die Redaktion/mk

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  3. ist die eine Sache. Es ist aber eben was anderes, ob jemand im direkten Freundes-/Bekanntenkreis auch schon Erfahrungen mit einer Therapie gemacht hat und dies weitervermittelt. Zu sehen, dass es einem Freund, dem es sehr schlecht ging, nach einer Therapie auch besser ging, evt. auch mit Hilfe von Antidepressiva, die ihn nicht gleich zu einer komplett anderen Persönlichkeit haben mutieren lassen, DAS senkt die Hemmschwelle wesentlich stärker als es ein wöchentlicher Depressionsbericht in det ZEIT oder sonst wo könnte.

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  4. Die asymmetrische Kopfverschandelung ist ebenso Symptom psychischer Asymmetrien wie die Überschätzung der eigenen Leistung. Hintergrund ist eine falsche Wahrnehmung des Wertes der eigenen Person, die vom Egowahn unserer Gesellschaft befördert wird. Kann auf die Dauer nicht gutgehen. Darf es auch nicht. Nachvollziehbar, daß gerade Besserverdienende mit sitzender Tätigkeit besonders betroffen sind. Wer für fünf, sechs, sieben Euro die Stunde in der Gegend rumhastet, hat wenig Gelegenheit zu burnouten. Es fehlt schlicht die Zeit dazu. Schön, daß wir mal drüber geredet haben.

    Eine Leserempfehlung
  5. Ich glaube nicht, dass fehlende gesellschaftliche Akzeptanz das Problem ist. Meine Erfahrung zeigt vor allem vier Probleme:

    1.) Sich als Depressiver den nötigen Ruck zu geben, Hilfe zu suchen, wird mit großer Sicherheit sofort enttäuscht, weil der nächste Termin bei einem Therapeuten in der Regel erst nach Wochen frei ist. Bis dahin hat man sich dann vielleicht wieder anders entschieden.
    2.) Einen guten Therapeuten zu finden ist schwer. Ich könnte Seiten schreiben über Ärzte, die sich nur für ihr Einkommen (viele Medikamente verschreiben, möglichst lange aber inhaltsleere Gespräche führen) und kaum für ihre Patienten interessieren oder solche, die einfach ungeeignet oder "unpassend" sind.
    [...]

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  6. ...
    3.) Wer beabsichtigt, in eine PKV zu wechseln, wird das erst ab einem gewissen Gehalt oder als Beamter können. Psychische Erkrankungen werden dann, wenn es bereits einen Therapeutenbesuch gab, ausgeschlossen oder der Beitragssatz ist deutlich erhöht. Wer also schon vorher einen Therapeuten aufgesucht hat, schließt sich selbst aus. Dasselbe gilt auch für Versicherte, die möglicherweise, aus welchen Gründen auch immer, noch einmal wechseln wollen oder noch eine staatliche Gesundheitsprüfung bestehen müssen (Depression gilt als Ausschlusskriterium für den Beamtendienst). Man überlegt sich den Gang zum Therapeuten also gründlich, bevor man sich selbst von der Versicherung oder seinen Laufbahnoptionen ausschließt.
    4.) Viele private Arbeitgeber bekommen detaillierte Einsicht in Krankenakten. Wer sich dem Arbeitgeber gegenüber als depressiv outet, gibt sich dem Vorwurf hin, nicht belastbar zu sein. Für eine Beförderung oder auch nur ein reguläres Arbeitsverhältnis ist das zumindest problematisch.

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    Sie haben völlig recht mit Ihren Ausführungen. Zudem bezahlen die Krankenkassen nur zwei der insgesamt über 400 existierenden Psychotherapieverfahren - eigentlich ein Unding angesichts der vielfältigen psychischen Problemstellungen.

    Es gibt aber immer auch die Möglichkeit, eine psychologische Beratung, ein Coaching und auch eine Psychotherapie selbst zu bezahlen. Das wirkt im ersten Moment teuer, zahlt sich aber langfristig meistens aus, da die Behandlung dann nicht aktenkundig wird.

    Es gibt den Beruf des Heilpraktikers für Psychotherapie, der den psychologischen Psychotherapeuten mit Kassenzulassung ähnlich gegenüber steht wie der Heilpraktiker den Ärzten. Heilpraktiker für Psychotherapie bieten eine Vielfalt "alternativer" psychotherapeutischer Verfahren, die durchaus besser auf einen Patienten zugeschnitten sein können als die beiden Standardverfahren. Heilpraktiker für Psychotherapie haben eine staatliche Heilerlaubnis, leisten gute Arbeit und haben in der Regel praktisch keine Wartezeiten.

  7. Ich hab den Beitrag gerade noch lesen können bevor er der Zensur zum Opfer gefallen ist... vielleicht etwas überzogen aber im Grunde genommen hat er recht.

    Die ganze Burnout-Psycho-Geschichte wird in den Medien in neuester Zeit dermaßen aufgebauscht dass man denkt man ist im falschen Film. Mittlerweile denken ja manche, sie müssten schon wegen einer Schlechtwetter-Depression auf die Couch, weil sich ein "Burnout" anbahnt. Und man kann aus jeder nicht "normgetreuen" Charaktereigenschaft eine psychische Störung machen. Wer davon profitiert ist klar: die Zeitungen können das Sommerloch überbrücken und für die Psychotherapeuten tun sich ungeahnte Einnahmequellen auf. Und im nächsten Jahr ist dann das Gejammer auf Seiten der Krankenkassen wieder groß, weil bei denen die Einahmen der Therapeuten natürlich negativ zu Buche schlagen. Same Procedure as every year. Und das nur weil heutzutage jeder dritte B-Promi eine ADHS Störung vorgaukelt, um seine Medienpräsenz zu erhöhen.

    Ich möchte psychische Probleme ja nicht herunterspielen, die gibt es mit Sicherheit und dann müssen sie behandelt werden. Aber die Überempfindlichkeit, mit der heutzutage aus jeder kleinsten (nicht vorhandenen) Mücke ein Elefant gemacht wird ist unnötig und nimmt stark überhand.

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    Früher hiess es: "was stellst Du Dich so an", heute heisst es "das ist doch ne Modekrankheit". Der Effekt für den Betroffenen ist derselbe: Man wird nicht ernstgenommen, verheimlicht die Therapie, zögert Ewigkeiten... weil die meisten nicht Betroffenen sich nicht darauf einlassen wollen, dass bei einem Bekannten/Freund/Familienmitglied ein wirkliches Problem bestehen könnte.
    Lieber glaubt man an Geltungssucht oder an gesamtgesellschaftliche Probleme, was für Betroffenen genauso daneben liegt. Ihr "Überempfindlichkeit... Mücke ein Elefant... unnötig" ist genau der Ton, mit dem man dann konfrontiert wird. Und der erste Kommentar, um dessen Zensur ich selbst gebeten habe, ist das Ganze in Reinkultur, menschenverachtend dazu. Früher hiess Depression schwach zu sein, heute ist man geltungssüchtig. Hauptsache der Gesunde ist sich sicher, dass der Abgrund psychische Störung gaaaanz weit weg ist.

    Die derzeitige Diskussion um Burn-Out und andere psychische Beeinträchtigungen spült den Psychotherapeuten keineswegs mehr Geld in die Kassen! Bedenken Sie bitte, dass die existierenden Praxen mit Kassenzulassung voll sind bis unters Dach, mit Wartezeiten von durchschnittlich 3 Monaten nur auf ein Erstgespräch für Erwachsene - bei Kindern und Jugendlichen eher 4-6 Monate. Die Psychotherapeuten arbeiten bereits seit Jahren am Anschlag ihrer Leistungsfähigkeit.

    Es geht hier nicht darum, einen Markt zu generieren, sondern nur darum, unbehandelte Leiden aufzudecken und die therapeutische Unterversorgung zu thematisieren.

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  • Schlagworte Psyche | Psychische Störung | Psychologie | Therapie | Depression | Burn-out
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