John Neumeier"Man muss Sympathie für den Körper haben"

Der Choreograf John Neumeier hat mit 65 noch selbst Ballett getanzt. Die Kraft dafür gab ihm die Atmosphäre im Proberaum von Herlinde Koelbl

ZEITmagazin: Herr Neumeier , an der Marquette-Universität in Milwaukee hat Pater John Walsh Ihnen geraten, Tänzer zu werden. Was hat er in Ihnen gesehen?

John Neumeier: Das ist schwer zu sagen. Mir selbst war lange nicht klar, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich hatte eine Begabung als Maler, habe in einer Laientheatergruppe gespielt und getanzt. An der Universität landete ich bei Father John Walsh im Tanzunterricht. Er hat mich an der Stange gesehen und war wohl ziemlich beeindruckt. Manchmal ist es im Leben so, dass man unterschwellig etwas weiß, aber Angst vor dem Unbekannten hat. Dann braucht man einen anderen Menschen, der einem sagt: »Schau mal, da ist die Tür, geh durch, das ist deine Richtung, das ist das, was du eigentlich machen müsstest.« Für mich war das Father Walsh.

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ZEITmagazin: Father Walsh war ja Jesuit. Hat Sie das auch geprägt?

John Neumeier

73, ist ein US-amerikanischer Tänzer und Choreograf. 1963 kam er als Tänzer nach Deutschland, er wurde Teil des Stuttgarter Ballett-Ensembles. Seit 1973 ist er Ballettdirektor an der Hamburgischen Staatsoper. Als Gastchoreograf arbeitete er unter anderem schon in Tokio, London, San Francisco, Kopenhagen und St. Petersburg

Neumeier: Sicher. Er war ein Mann, der seinen Glauben gelebt hat. Durch seine tiefe Menschlichkeit strahlte er eine Art Licht aus. Er war nie missionarisch, keiner, der mit erhobenem Zeigefinger gesprochen hat.

ZEITmagazin: Also ist der Glaube wichtig für Sie?

Neumeier: Ich wurde katholisch erzogen und gehe sonntags in die Messe. Und Father Walshs Einfluss als Jesuit lehrte mich die intellektuelle Auseinandersetzung. Es wurde für mich selbstverständlich, diese Dinge dann auch körperlich und choreografisch auszudrücken. Die Begegnung mit ihm war für mich ein wichtiger Wendepunkt.

ZEITmagazin: Sie haben die »Matthäus-Passion« von Bach und das »Requiem« von Mozart choreografiert.

Neumeier: Ich bin Christ und Tänzer, da ist für mich die Auseinandersetzung mit Religion selbstverständlich. Es ist Aufgabe der Kunst – auch der Tanzkunst –, metaphysische Inhalte zu vermitteln. Deswegen habe ich diese Werke gemacht. Wissen Sie, man sucht nicht nach einer Musik, sondern sie kommt auf einen zu.

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