Manfred Altmeier* will hier nicht sterben. Nicht auf dieser Liege, nicht in diesem Raum von zehn Quadratmetern. Hier ist kein Platz zum Sterben, erst recht nicht tagsüber. Von sechs Uhr morgens an bis spät abends dient die Liege als Ablage für ausgerissene Zeitungsseiten, Joghurtbecher, frisch gebackenen Kuchen, Bettzeug und den Wasserkocher. Regal, Tisch, Schrank und selbst das Fensterbrett sind schon übervoll.

Manfred Altmeier will draußen sterben, nicht in Waldheim, Dresdner Straße 1a. Und das, obwohl draußen niemand auf ihn wartet – seine Frau nichts mehr von ihm wissen will, die Tochter auch nicht. »Ich bin mutterseelenallein«, sagt der Mann mit dem weißen Haarkranz. »Trotzdem ist es mein größter Wunsch, dass ich noch einmal jemanden finde. Dass ich nicht allein bin am Tag X.«

Altmeier wird im Oktober 84 Jahre alt. Bis 2015 wird er auf halber Strecke zwischen Leipzig und Dresden hinter Gittern leben müssen. Der frühere Buchhalter ist knasterfahren: Mit Unterbrechungen hat er bereits 25 Jahre lang eingesessen; wegen Unterschlagung, sexueller Nötigung, Brandstiftung. Diesmal wegen Totschlags.

Manfred Altmeier ist zwar der Älteste, nicht aber der Einzige, der hier in der Station 1/1 der Justizvollzugsanstalt (JVA) Waldheim oft ans eigene Lebensende denkt. Mit ihm sitzen 35 Männer ein, kaum einer jünger als 60 Jahre. Viele von ihnen kommen ohne Rollator, Gehhilfe oder Rollstuhl nicht mehr zurecht. Und man ist geneigt, zu fragen, was sie mehr sind – Häftlinge des Staates oder Gefangene ihres eigenen Körpers.

In Waldheim landen die schweren Fälle, etwa der 66-jährige Drogendealer

Die Justizvollzugsanstalt Waldheim war 2005 die erste in den neuen Ländern, die eine Seniorenabteilung schuf. Als Vorbild diente das bereits 1970 eröffnete und europaweit einzige Seniorengefängnis in Singen am Bodensee . Hier wie dort hat, wer bei den Senioren arbeitet, eine Ausbildung als Sanitäter oder Krankenpfleger absolviert. In Notfällen muss jeder von ihnen schnell und kompetent reagieren können. Die Seniorenresidenz hinter Gittern in Waldheim verfügt zudem über größere Zellen, einen Fahrstuhl, Pflegebetten und Haltegriffe neben den Toiletten und Waschbecken.

Hier zeigt sich, dass der demografische Wandel längst die Gefängnisse erreicht hat. So hat sich etwa seit 1995 der Anteil der verurteilten Straftäter, die zwischen 60 und 70 Jahre alt sind, in Deutschland verdoppelt. Zwar werden junge Männer sehr viel öfter straffällig als Rentner, doch wirkt sich der steigende Altersdurchschnitt der Gesellschaft aus. »Wir haben es an den Ersttätern gemerkt«, sagt Ines Föhre, die Leiterin der Seniorenabteilung: »Die waren auf einmal nicht mehr 20 oder 30 Jahre alt. Die waren 65 aufwärts. Auf diese Klientel mussten wir uns erst einstellen.«

In Waldheim landen die schweren Fälle – darunter ein 72-Jähriger, der seine zwei minderjährigen Nichten vergewaltigte. Ein 66 Jahre alter Drogendealer. Ein 62-jähriger Betrüger, der auf großem Fuß lebte, ohne zu bezahlen. Nur wer mindestens 24 Monate absitzen muss, wird hier eingewiesen. Arbeiten ist Pflicht; allein die Altersgruppe 60 plus ist davon weitgehend ausgenommen. Die Männer werden auf andere Weise körperlich mobil und geistig fit gehalten. Statt Muckibude und Antigewalttraining gibt es für sie Kochkurse und Rückengymnastik, Spielegruppen, Billard und Kinonachmittage sowie täglich zweimal die Möglichkeit zum Hofspaziergang. Wer möchte, kann unter geschulter Anleitung Körbe flechten oder sich in Maltechniken üben. Für die sportlich ambitionierten unter den Rentnern steht die Tischtennisplatte bereit. 

In einem verwaschenen T-Shirt und mit einer Gießkanne in der Hand schlurft Manfred Altmeier über den langen Flur. Er kümmert sich auf der Station um die Topfpflanzen. Das strengt ihn an – die Kanne ist schwer, und die Knie wirken weich. »Schön, dass es hier so ruhig ist«, sagt der Greis. In anderen Anstalten sei es ihm »viel zu laut und zu wild«, erzählt er. »Ich bin ja nicht mehr der Jüngste.« Angesprochen auf das besondere Konzept des Gefängnisses, zeigt Altmeier mit verschwörerischer Geste auf eine Justizvollzugsbeamtin und raunt: »Die wollen uns einfach an einem Fleck halten. Damit die weniger Arbeit haben. Hauptsache, die Zellentüren stehen den ganzen Tag offen und ich kann herumlaufen, so oft, so viel und mit wem ich will. Ich muss doch fit bleiben. Sonst geht man hier vor die Hunde.«