Psychische ErkrankungenHilfe im Dschungel

Welche Therapieformen gibt es? Wie sie sich unterscheiden und wie man die richtige Unterstützung findet von 

Wenn die Haut unablässig juckt, kann der Hautarzt vielleicht helfen, lässt das Gehör nach, der Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Was aber, wenn Ängste überhandnehmen oder einen wochenlang Antriebslosigkeit und trübe Gedanken plagen? Dann ist die Lage deutlich unübersichtlicher. Ist jetzt der Psychiater zuständig, die Neurologin, ein Psychosomatik-Arzt, oder wäre eine Psychotherapie am besten? Und falls Therapie, welche Form wäre dann die richtige? Schließlich gibt es Hunderte von therapeutischen Subdisziplinen.

Was oft fehlt, ist eine Art Leitfaden durch den Therapiedschungel. Die erste Anlaufstelle in großer Not kann der Hausarzt sein oder die psychiatrische Ambulanz eines Krankenhauses. Auch eine psychosoziale Beratungsstelle – im Telefonbuch unter dem Stichwort »Beratung« zu finden – hilft weiter. Ist der Bezug zur Realität völlig verloren gegangen oder quält eine schwere Depression, dann werden die Betroffenen von dort vermutlich zu einem Psychiater geschickt.

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Ist der Fall weniger gravierend, hilft oft eine Psychotherapie (manchmal in Kombination mit einer medikamentösen Therapie). Im Internet finden sich bei den Psychotherapeutenkammern lange Listen mit entsprechenden Therapeuten. Unter www.psych-info.de kann der Interessierte sogar auswählen, welche Art von Therapie es denn sein soll.

Weitere Informationen

Viele weitere Fragen (etwa zum Ablauf einer Therapie, den Kosten oder den Patientenrechten) beantwortet die 40-seitige Broschüre Wege zur Psychotherapie. Man kann sie bei der Bundespsychotherapeutenkammer bestellen (Klosterstraße 64, 10179 Berlin) oder im Internet herunterladen.

Doch was ist das richtige Angebot? Wer diese Frage für sich beantworten will, sollte zunächst wissen, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für genau drei Verfahren erstatten, die sogenannten Richtlinienverfahren. Wer andere Methoden bevorzugt, muss selbst in die Tasche greifen. Ersetzt werden: die analytische Psychotherapie, die tiefenpsychologische Psychotherapie und die Verhaltenstherapie. Diese Therapieangebote unterscheiden sich nicht nur in Bezug auf ihre theoretischen Grundannahmen und ihre Methodik, sondern auch durch die Länge der Behandlung erheblich.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/se

    • Azed
    • 18. Juli 2012 10:43 Uhr

    Der Artikel benennt theoretisch das Problem, aber praktisch stellt sich die Frage für einen Betroffenen nicht, den er hat weder eine Wahl zwischen den jeweiligen Ansätzen noch ein Chance auf kurzfristige Termine.

  2. Das eigentliche Problem besteht doch nicht im "Therapiedschungel", sondern in den langen Wartelisten bei Therapeuten mit Kassenzulassung - sprich: es gibt viel zu wenig Kassenplätze.

    Wer psychisch krank ist, hat Anspruch auf eine adäquate und von der Kasse bezahlte Behandlung. Im Normalfall wird sich also ein Betroffener einen kassenzugelassenen Therapeuten suchen, also einen Vertreter der ersten drei genannten Verfahren. Hier oben im Nordosten können Sie locker ein halbes Jahr auf einen Termin für ein Erstgespräch warten, und dann wissen Sie immer noch nicht, ob der Therapeut auch in Frage kommt.

    Leider verschweigt der Artikel, dass die geringe Anzahl der Kassenplätze auf eine Bedarfsschätzung aus dem Jahre 1998 zurückzuführen ist, bei der der Bedarf anhand der damals tatsächlich durchgeführten Psychotherapien festgelegt wurde - also zu der Zeit, als psychologische Psychotherapeuten noch überhaupt keine Kassenzulassung erhalten konnten, es vulgo per definitionem deutlich weniger Therapien gab, die von der Kasse bezahlt wurden. Und diese raren Kassenplätze wollen die Krankenkassen noch weiter ausdünnen... bei steigendem Bedarf.

    2 Leserempfehlungen
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    Die zwischen Hausarzt und psychologischem Psychtherapeuten notwendigerweise eingeschaltete Station Nervenarzt (Delegationsverfahren) konnte eine Menge filtern und dirigieren. Die organische Depression wird hat besser medikamentös behandelt, die Psychose auch, die Neurose eher tiefenpsychologisch und die Phobien eher verhaltenstherapeutisch. Reduzierte Introspektion und mangelhaftes Verbalisierungsvermögen wurden erkannt und benannt und nicht verkannt und weitergeschoben. Damals gab es kaum Wartezeiten auf Therapieplätze.
    Heute muss jeder Beziehungskonflikt, jede Bagatellstörung pathologisiert und dann natürlich auch therapiert werden. Welch ein Humbug...

  3. In der Somatik ist der Lotse im gesundheitssystem der Hausarzt (Praktiker, Allgemeinmediziner, hausärztlicher Internist). Er sollte Patienten mit einer seelischen Problematik zu einem Facharzt (Psychiater, Neurologe, Nervenarzt, Arzt für Psyciatrie und Psychotherapie, Arzt für Psychosomatik) überweisen. Dort können dann Art der Störung, geeignete Methode der Bahendlung (stationär, medikamentös, psychotherapeutisch, kombiniert oder aber auch Zuweisungen zur Suchtambulanz, zu AA oder Blaukreuz, zu Partnerschaftsberatungen etc.), Eignung für die jeweilige Behandlung (z. B. Introspektion und Verbalisierungsvermögen) erarbeitet werden. Von dort aus sollten dann die entsprechenden Therapien eingeleitet werden.

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    Ja, so könnte und sollte es sein.

    Leider sind Hausärzte oftmals damit überfordert, das mögliche Vorliegen einer psychischen Erkrankung überhaupt zu erkennen.

    Viele Patienten kommen ja nicht zum Hausarzt und sagen "Ich bin depressiv" oder "ich habe eine Panikstörung". Ein Panikpatient kommt, weil er manchmal Herzrasen hat. Der Hausarzt findet keine organische Ursache und gibt dem Patienten im schlimmsten Fall noch Benzos mit. Ein Patient mit Depression kommt, weil er schlecht schläft und deswegen immer müde ist. Der Hausarzt verschreibt ein Schlafmittel.

    Diese Beispiele sind nicht ausgedacht oder an den Haaren herbeigezogen. Es dauert in Deutschland im Schnitt 8 (!) Jahre nach dem ersten Arztkontakt, bis eine Angststörung korrekt diagnostiziert wird. In dieser Zeit kann sich der hausärztlich versorgte Panikpatient eine schöne Benzodiazepinabhängigkeit heranzüchten.

    Daher funktioniert das mit dem Hausarzt als Lotsen nur bedingt und hängt von der Expertise des Arztes ab. Eigentlich sollte es Standard sein, bei unklaren somatischen Beschwerden auch die Hypothese einer psychischen Grunderkrankung mit einzubeziehen. Davon sind wir aber meilenweit entfernt. Stattdessen wird der betreffende Patient noch mit Bemerkungen á la "psychosomatisch = eingebildet" verunsichert sowie mit mindestens fragwürdigen Medikamenten ohne erfüllte Indikation "versorgt".

    • Simt
    • 03. November 2012 20:01 Uhr

    Es macht den Anschein als seien Sie Arzt.
    Leider ist die Schulmedizin nicht immer der Zusammenarbeit mit niedergelassenen Psychologen gegenüber aufgeschlossen und unterschätzt deren Möglichkeiten oft erheblich.

    Während im Ärztlichen Bereich gerne und schnell die stationäre oder medikamentöse Behandlung herangezogen wird, weisen Psychologen gute Erfolge durch Psychotherapie und Psychoanalyse auf. Die sozialen und somatischen Nebenwirkungen sind dadurch sehr viel geringer.

  4. Ja, so könnte und sollte es sein.

    Leider sind Hausärzte oftmals damit überfordert, das mögliche Vorliegen einer psychischen Erkrankung überhaupt zu erkennen.

    Viele Patienten kommen ja nicht zum Hausarzt und sagen "Ich bin depressiv" oder "ich habe eine Panikstörung". Ein Panikpatient kommt, weil er manchmal Herzrasen hat. Der Hausarzt findet keine organische Ursache und gibt dem Patienten im schlimmsten Fall noch Benzos mit. Ein Patient mit Depression kommt, weil er schlecht schläft und deswegen immer müde ist. Der Hausarzt verschreibt ein Schlafmittel.

    Diese Beispiele sind nicht ausgedacht oder an den Haaren herbeigezogen. Es dauert in Deutschland im Schnitt 8 (!) Jahre nach dem ersten Arztkontakt, bis eine Angststörung korrekt diagnostiziert wird. In dieser Zeit kann sich der hausärztlich versorgte Panikpatient eine schöne Benzodiazepinabhängigkeit heranzüchten.

    Daher funktioniert das mit dem Hausarzt als Lotsen nur bedingt und hängt von der Expertise des Arztes ab. Eigentlich sollte es Standard sein, bei unklaren somatischen Beschwerden auch die Hypothese einer psychischen Grunderkrankung mit einzubeziehen. Davon sind wir aber meilenweit entfernt. Stattdessen wird der betreffende Patient noch mit Bemerkungen á la "psychosomatisch = eingebildet" verunsichert sowie mit mindestens fragwürdigen Medikamenten ohne erfüllte Indikation "versorgt".

    2 Leserempfehlungen
    • mhaase
    • 18. Juli 2012 14:13 Uhr

    Für Berlin muss als wichtige Anlaufstelle bei akuten Problemen der Krisendienst genannt werden: http://www.berliner-krise... - der anonyme Beratungen rund um die Uhr anbietet.

  5. Von allen psychoanalytischen Ansätzen erscheint mir vor allem die bioenergetische Psychoanalyse (Alexander Lowen) grundsätzlich effizienter als andere Methoden.
    In der bioenergetische Psychoanalyse hat nämlich der Therapeut zusätzliche 'Instrumente' um den Patienten zu analysieren und ihn zur Aufgabe seiner 'Resistenz' zu bringen. Nicht nur bei depressiven Zuständen ermöglicht das positive Ergebnisse in kurzer Zeit. Voraussetzung ist in jedem Fall die richtige Wahl des Psychotherapeuten. Wer die Bezeichnung CBT (Certified Bioenergetic Therapist) führen darf, hat aufgrund einer sechsjährigen Spezialausbildung (nach einem Doktorat in Psychologie oder Medizin) eine gute Basis um möglichst wirksam helfen zu können.

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    Gibt es dazu seriöse, wissenschaftliche Publikationen?

    Für die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie z.B. bei Depressionen gibts die nämlich.

    Danke für die ehrliche Beschreibung der Bioenergetischen Analyse: Sie wird beschrieben als das, was sie ist: eine Form von Psychoanalyse.
    Und zwar mit allen Konsequenzen: Widerstände gewaltsam mit der Brechstange einreißen (und somit potentiell neue Traumata produzieren), Deutungen überstülpen, Retraumatisierungen riskieren, und schlußendlich - das darf bei psychoanalytischen Richtungen niemals fehlen: die methodische Immunisierung von Kritik gegenüber den Therapeuten.
    Hinzu kommt noch, dass der Patient in ein Charakterschema gepresst wird.
    Ich habe Leute erlebt, die bei solchen Wochenendworkshops dabei waren. Gebracht hat es denen nichts. Nur weil es da heftig abgeht, heißt es nicht, dass sich wirklich etwas bewegt. Die Folge im Alltag: unauthentisches theatralisches Gebaren, der Irrglaube es wäre "gesund" immer und zu jeder Zeit den Choleriker raushängen zu lassen (da sind viele Freundschaften zerbrochen), sowie die Unfähigkeit zwischen "geschützer" Gruppe und realer Welt zu unterscheiden: Ein Freund "analysierte" bei jeder sich bietenen Gelegenheit alle möglichen Leute. Ungebeten, aggressiv in aller Öffentlichkeit und ohne Vorwarnung - "weißt du, was dein Problem ist? Du bist hochdepressiv..." Die Prügel die er in der Gruppe einstecken musste, wurden halt weitergeleitet. Aber was soll´s? Meine Kritik wird vermutl. durch Bagatellisierung abgewehrt: Überzogen, falscher Therapeut, Charakter des Freundes, etc. Falsch! Der Fehler liegt im System!!!

    Nachtrag: leider wird die Bioenergetische Analyse manchmal zur Humanistischen Psychologie gezählt (je nach Definition). Aufgrund meiner oben ausgeführten Kritik konzeptuell aber zu unrecht - außer man zählt die humanistische Schule zu einem Sammelbecken für alles, dass ein bisschen anders ist. In Deutschland habe ich gar den Eindruck, dass man alle ins Boot holt um berufspolitisch mehr Schlagkraft vorzuweisen.
    Die Methodik hat aber wenig bis gar nichts mit der Autonomie-wahrenden Vorgehensweise eines Carl Rogers zu tun (klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie).
    Die Humanisten heute haben sich auf eins geeinigt: das gemeinsame Menschenbild, dass sich von der defizit-orientierten Analyse und der mechanischen Verhaltenstherapie abgrenzt. Der Mensch möchte seine Potenziale leben und kann entscheiden. Die Kritik durch Rogers an der Psychoanalyse meint v.a. die Deutungen, weil so Selbstverwirklichung behindert wird. Auf Deutungen beruht aber auch die Bioenergetik. Alter Wein in neuen Schläuchen!
    Die Einordung ist eher historisch als methodisch zu begründen. Obwohl Rogers seine klientenzentrierte Psychotherapie schon in den 40er/50er Jahren entwickelte kam es erst im Rahmen der Gegenkultur der 60er/70er Jahre zu einem Boom der humanistischen Verfahren. Der Bioenergetiker Alexander Lowen war Schüler Wilhelm Reichs, welcher widerrum ein Freud-Dissident war und einer der Gurus für die sexuelle Revolution darstellte - jeder Alt-68er kennt Wilhelm Reich.

  6. 8. Aha...

    Gibt es dazu seriöse, wissenschaftliche Publikationen?

    Für die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie z.B. bei Depressionen gibts die nämlich.

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