Lehm ist kein sehr widerstandsfähiger Baustoff. Ein Schlag mit der Axt reicht, um eine Wand einzureißen – oder ein Kulturerbe dieser Welt. Seit Ende vergangener Woche zerstören radikale Islamisten in der malischen Stadt Timbuktu jahrhundertealte Heiligtümer aus Lehm mit Hämmern und Äxten. Wenn kein Wunder passiert, wird die Unesco einige der größten afrikanischen Schätze auf ihrer Liste des Weltkulturerbes streichen müssen.

Die Moscheen von Sidi Yahia und Sankore, die Mausoleen von Gelehrten und Sufi-Heiligen, die ältesten Bibliotheken südlich der Sahara sind Zeugnisse des Aufstiegs der Stadt zu einem geistigen Zentrum der islamischen Welt im 15. und 16. Jahrhundert. Timbuktu ist der Ort, an dem der Islam ein afrikanisches Gesicht bekam und sich Arabisch als Schriftsprache in Afrika ausbildete. Dass Islamisten nun ausgerechnet die historischen Spuren ihrer eigenen Religion zu Klump schlagen, mag irrsinnig erscheinen. Neu ist es nicht. Für gewaltbereite Fundamentalisten sind vermeintliche Häretiker immer ein naheliegendes Ziel. Mali ist vom Sufismus geprägt. Die Täter von Timbuktu dagegen gehören zur islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine – im vollen Namen: Dschum’a ansar al-din al-salafija, die »Gruppe der salafistischen Verteidiger der Religion« –, und für Salafisten ist der Sufismus mit seiner mystischen Gotteserfahrung und Heiligenverehrung eine Ketzerei.

Die Al-Schabaab-Miliz hat unlängst Sufi-Schreine in Somalia zerstört, in Pakistan starben letztes Jahr Dutzende von Menschen bei einem Anschlag auf ein Sufi-Fest, ägyptische Salafisten haben in den Monaten nach Mubaraks Sturz Sufi-Moscheen attackiert. Timbuktu ist also ein Tatort von vielen, aber er ist natürlich ein besonderer: Objekt touristischer Wüstenromantik, Weltkulturerbe und zuletzt Schauplatz internationaler Anstrengungen zur Archivierung von über hunderttausend alten Manuskripten über islamisches Recht, Philosophie, Astronomie. Wer hier mit der Axt um sich schlägt, dem sind Schlagzeilen sicher. Das hat Ansar Dine von den Taliban gelernt, die im März 2001 die Buddha-Statuen von Bamian sprengten, um der Welt und ihren innenpolitischen Gegnern ihre Macht zu zeigen.

Es gehört zur bitteren Ironie des malischen Staatszerfalls, dass die Islamisten von Ansar Dine zunächst Trittbrettfahrer einer säkularen Rebellion waren. Die ging von Tuareg-Kämpfern aus, die in Diensten des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi gestanden hatten. Nach dessen Sturz kehrten viele in den Norden Malis zurück, überrollten dort eine unterversorgte Armee, die ihrerseits aus Wut auf die eigene unfähige Regierung einen Putsch in Bamako anzettelte. Seitdem ist die Hauptstadt politisch gelähmt.

Die Rebellen riefen im Norden ihren »Unabhängigen Staat Azawad« aus. Von Scharia war da noch keine Rede. Doch waren die Rebellen ein Zweckbündnis mit den Islamisten eingegangen, die mit einer durch Drogenschmuggel und Entführungen gefüllten Kriegskasse lockten. Als Erstes schnappte sich Ansar Dine Timbuktu, inzwischen kontrolliert sie weitere Städte im Norden. Ihr Ziel ist nicht Sezession, sondern die Einführung ihrer Theokratie in ganz Mali. Vor der fliehen nun immer mehr Menschen in die Nachbarländer und in den malischen Süden. Dass die ganze Region derzeit von Dürre, Hungersnot und einer Heuschreckenplage bedroht ist, lässt die Katastrophe fast biblisch erscheinen.

Wer könnte gegen Ansar Dine und ihre Verbündeten von Al-Kaida im Maghreb (AQMI) vorgehen? Aus Timbuktu hört man verzweifelte Rufe nach einer militärischen Intervention. Gut möglich, dass irgendwann westafrikanische Truppen einmarschieren, gut möglich auch, dass bald die ersten amerikanischen Drohnen über Timbuktu auftauchen. Ob das die Sache besser machte, ist eine andere Frage. Die Bewohner werden zu retten versuchen, was zu retten ist. Sollte sich Ansar Dine auch an den Schriftrollen vergreifen wollen, werden die Bürger von Timbuktu diese verstecken und herausschmuggeln. So wie Afghanen damals buddhistische Fundstücke versteckt und herausgeschmuggelt haben.