Rolling StonesRotzig, wüst und zottig

Vor genau 50 Jahren wurde der schmutzige Sound der Rolling Stones geboren. Als er 1965 zum ersten Mal in Wien dröhnte, war der Auftritt der Band ein Medienereignis. von 

Rolling-Stones-Konzert 1965 in Westberlin

Rolling-Stones-Konzert 1965 in Westberlin  |  © Keystone/Getty Images

»Dicke Sonnenbrillen vor den ungewaschenen Gesichtern«, empörte sich die Kronenzeitung. »Die zottigen Haare bis zum abgestoßenen Hemdkragen, verbeulte Hosen und Zigarette im Mundwinkel, so kletterte Englands neuester Kulturexport aus einem Lufthansa-Clipper.« Als die Rolling Stones am 16. September 1965 in Wien-Schwechat das erste Mal österreichischen Boden betraten, vibrierten die Berichterstatter. Der Schock fuhr auch in Wien in die Spießerseelen. In Berlin hatten die Radaubrüder einen Tag zuvor ein Trümmerfeld hinterlassen. Nun war die Stadthalle an der Reihe. Die Reporter hatten Großkampftage.

Vor genau fünfzig Jahren standen die Rolling Stones zum ersten Mal auf der Bühne: Am 12. Juli 1962 waren Mick Jagger , Keith Richards und Brian Jones für die Bluesband von Alexis Korner im Londoner Marquee Club eingesprungen. Gut drei Jahre später waren die Briten Stars, die überall in der Welt auftraten. Es war eine kurze, aber turbulente Tournee, auf der sie erstmals Deutschland und zum Abschluss Österreich besuchten. In München lernten sie Anita Pallenberg kennen. Die spätere Ehefrau von Keith Richards sollte den Hormonhaushalt der Gruppe noch gehörig durcheinanderbringen.

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Angesichts der Erfahrungen im Berliner Waldstadion war die Angst vor Ausschreitungen in Wien groß. Was hingegen kein Journalist ahnte, erzählte später der Bassist Bill Wyman in seiner Autobiografie Stone Alone: »Die Polizei hatte einen Anruf erhalten, dass eine Bombe explodieren würde, bevor wir auf der Bühne erscheinen.«

Ursprünglich waren laut der Tageszeitung Express nur 35 Polizisten für das Konzert eingeteilt. Nun wurde aufgerüstet: 600 Polizisten mit Stahlhelmen, doppelt so viele wie in Berlin, ein Wasserwerfer und fünf Arrestantenwagen rückten aus. Als Einsatzreserve standen »Kompanien von Polizeischulen« auf Abruf bereit.

»Arbeit für die Polizei bedeuten Mick Jagger und seine vier Heulboys«, schrieb der Express vor dem Konzert. Die Kronenzeitung warnte: »Die Burschen jubeln, für die Eltern besteht höchste Alarmstufe. Wien hat Schlimmes zu erwarten.«

Kaum war die Gruppe kurz vor vier Uhr nachmittags gelandet, ortete das damals noch junge Boulevardblatt von Hans Dichand den ersten Affront. Die Rockgruppe mache ihrem »hochgezüchteten schlechten Ruf« alle Ehre: »Sie streckten dem spärlich erschienen Publikum die Zunge heraus.« Doch auch die Fans entsetzten den Reporter: »Die rund 50 Gestalten auf der Flughafenrampe, die auf Grund ihrer Staubwedelfrisuren nur schwer in Männlein und Weiblein zu trennen waren, fanden diese persönliche Geste der Beatles-Konkurrenz hinreißend. (...) Mit Blaulicht und in großem Geleit, rollte der Steintransport ins Intercontinental, wo man für die wilden Sängerknaben im sechsten Stock elf Zimmer reserviert hatte. Mit Badezimmer, man kann ja nie wissen.«

Während sich die Eltern im Fernsehen mit dem bayerischen Volksstück Pfarrer von Gillbach die heile katholische Welt ins Wohnzimmer holten, ließ der Nachwuchs die Stadthalle beben. Nach drei deutschen Vorgruppen (The Rivets, Didi and his ABC-Boys, The Rackets) betrat zehn Minuten vor zehn die »härteste Band der Welt« unter »teuflischem Gejohl und Gepfeife der Wiener Fans« (Arbeiterzeitung) die Bühne. Selbst »Neros Gladiatoren« hätten sich an »keinem tosenderen und inbrünstigeren Applaus in den Arenen des alten Roms berauschen können«, analysierte der Kurier. Zwanzig Minuten später war der Spuk schon wieder vorüber – und die Stadthalle heil geblieben.

Der Kolumnist Richard Nimmerrichter, alias Staberl, war dennoch tagelang beunruhigt: Er fühlte sich inmitten des Polizeiaufgebots an den Bürgerkrieg erinnert. »Als ich Freitagabend zufällig in der Nähe der Wiener Stadthalle war, da musste ich unwillkürlich an das Vierunddreißigerjahr denken. An den Februar 1934. (...) Die Rolling Stones, fünf Heulfritzen aus England, die an Lärmentwicklung selbst die Beatles noch weit in den Schatten stellen, gaben in unserer um das Wiener Kulturleben bekanntlich so hochverdienten Stadthalle ein Konzert.«

Der Express folgte der Band nach dem Auftritt zu einem Heurigen in Sievering und enthüllte knallhart, dass die »fünf Langhaarigen« dort »das Grüßen« unterließen. Im Maxim, einem Stripteaselokal, in dem sie sich an den Rundungen der damals berühmten Tänzerin Nadja Nadlova erfreuten, prellten sie anschließend die Rechnung, die aber »aus der Kautionssumme von 100.000 Schilling, die das Hotel Intercontinental aus Angst vor kaputtem Inventar gefordert hatte«, beglichen wurde.

Als der Tross am nächsten Tag weiterzog, jubelte die Arbeiterzeitung, dass »Wien nach einer Kette von Heimsuchungen einschließlich der Gelseninvasion« nun auch die Stones überstanden hatte. Thomas Chorherr, in späteren Jahren ein Doyen der Branche, empfand in der Presse gar diebische Freude: »Der Steinschlag ist ausgeblieben. Die Rolling Stones haben Wien mit hängenden Köpfen verlassen. Nicht ein einziges Sesselbein ist in der Stadthalle in Trümmer gegangen – oh, wie tut das den Managern der fünf Pseudomusiker weh.«

»Ihr seid keine Idole!«, donnerte der Kurier. »Lange Haare, ungepflegtes Aussehen und keine Manieren mögen vielleicht in Soho ankommen. (...) Auf rüpelhaftes Benehmen können wir verzichten.«

Die Annalen der Band behielten das Wiener Konzert vor 12.500 Zusehern in guter Erinnerung, auch das große Polizeiaufgebot, wie Bill Wyman schreibt: »Dank der Polizei kam es zu keinerlei größeren Ausschreitungen. Mick meinte später, dass die Stadt der Walzerfreunde uns verwöhnt hätte.«

Mitarbeit: Wolfgang Morscher

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Leserkommentare
  1. Langsam aber sicher werden aus den Rolling Stones die Stonen Rollatoren. An ihrer Wirkung ändert das phänomenaler Weise aber so gut wie gar nichts.

  2. You know I like them, like them, yes I do ....

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  • Schlagworte Mick Jagger | Bill Wyman | Keith Richards | Brian Jones | Konzert | Wien
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