StudieArme sterben früher

Neue Studien belegen endgültig: Reichtum garantiert Gesundheit und ein längeres Leben. von Dorit Kowitz

Die dunklen Haare hat er mit viel Pomade aus dem Gesicht gestriegelt wie ein Rummelboxer. Sonst aber passt der Mann irgendwie nicht in das Obdachlosenasyl in Mainz. Stefan Saarer* wirkt fremd zwischen den Männern, die oft nicht mehr riechen, dass sie riechen, und denen das Leben auf der Straße Filz ins Haar gewunden und Schrunden in die Haut getrieben hat. Er aber ist sauber gekleidet, redet gewandt, wirkt sportlich und gesund, abgesehen von der Erkältung, die ihn in den improvisierten Warteraum des Arztes Gerhard Trabert im katholischen Thaddäusheim führt.

Man sieht dem 45-Jährigen nicht an, dass er im vergangenen Jahr sieben Monate lang auf der Straße gelebt hat, »um den Kopf frei zu kriegen«, wie er sagt. Man sieht ihm auch nicht an, dass er bis vor zwei Jahren ein Software-Händler und Berater für Banken-IT in Frankfurt am Main war, mit zeitweise 150.000 Euro Jahresgehalt, einer Frau, zwei Söhnen, einem Haus am Stadtrand, in dem samstags ein Abendessen mit Freunden 150 Euro kosten konnte, ohne Wein. Saarer lacht ein wenig bedrückt, als er hört, warum man ihn ausfragt: Es geht um Verwerfungen im Leben, die arm und krank machen, die das Leben verkürzen können.

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Denn, so ist das noch immer in diesem Land: Wer arm ist, stirbt früher, sogar viel früher. Zwischen dem reichsten und dem ärmsten Viertel der Bevölkerung besteht in der Lebenserwartung ein Unterschied von elf Jahren bei den Männern und acht Jahren bei den Frauen. Die Linksfraktion im Bundestag wollte an Daten der Deutschen Rentenversicherung sogar abgelesen haben, dass männliche Rentner der unteren Einkommensschichten früher sterben als noch vor zehn Jahren. Die Nachricht schlug Wellen: Alle leben immer länger – nur die armen Kerle wieder kürzer? Sprecher der Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) beeilten sich zu versichern, da würde eine Statistik »falsch interpretiert«. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass »der Trend zu einer höheren Lebenserwartung quer durch alle Einkommensgruppen gebrochen« wäre. Tatsächlich bezeichnete auch die Rentenversicherung einige Schlussfolgerungen der Abgeordneten als »Unsinn«. Die Linke benutzte das Material trotzdem, um Propaganda gegen die Rente mit 67 zu machen.

»Prekär Beschäftigte haben mehr gesundheitliche Beschwerden«

Doch weder langes Arbeiten noch bescheidene Einkommen sind für sich genommen riskant für Leib und Leben – sondern Zeiten der Arbeitslosigkeit und unsichere Beschäftigungsverhältnisse. Diesen Zusammenhang wiesen Forscher des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin nach. In ihrem Gesundheitsbericht für den Bund vom März schreiben sie: »Arbeitslose sind häufiger krank und sterben früher«, und »Prekär Beschäftigte haben mehr gesundheitliche Beschwerden«. Die psychische Gesundheit werde durch Jobverlust oder unsichere und schlecht dotierte Arbeitsverhältnisse »besonders beeinträchtigt«.

Ihre Auswertung umfangreicher Datensätze und Interviews hat ergeben: Je häufiger ein Mensch arbeitslos ist und je länger er es bleibt, desto höher steigt sein Risiko, schwer zu erkranken – an Depressionen, Stoffwechselleiden oder Herz-Kreislauf-Beschwerden beispielsweise. »Galt der Herzinfarkt in den 1960er Jahren noch als typische Managerkrankheit«, sagt der Soziologe Thomas Lampert vom RKI, »häuft er sich heute bei den Unterprivilegierten.«

Es kann schnell gehen, zu dieser Schicht zu gehören. Der ehemalige IT-Händler Stefan Saarer landete im Januar im Thaddäusheim. Er hatte nachts auf der Straße zu sehr gefroren. Es war die bislang letzte Station seines rasanten Abstiegs. 2009, in der Bankenkrise, hatte Saarer seinen Führungsjob im Vertrieb eines amerikanischen Anbieters für Banken-Software verloren. Er klagte dagegen, meldete sich bei der Arbeitsagentur und machte sich dann mit drei Kollegen selbstständig. Sie entwickelten Verifizierungsprogramme für den Online-Aktienhandel von Banken, bis ihr Investor, der die Deals absichern sollte, pleiteging.

Saarer sitzt jetzt auf 150.000 Euro Schulden, wenig für die Millionen, um die es ging, aber zu viel für seine Ehe. Sie hielt dem Druck nicht stand, obwohl seine Frau einen Job hat und das gemeinsame Haus abgesichert war. Auch der Freundeskreis des Workaholics erwies sich als überfordert. Nach einer Odyssee auf Gästecouches ließ sich Saarer fallen und begann zu vagabundieren. Er wollte raus, weg, abtauchen, für nichts verantwortlich sein. »Alle können mich mal.« So dachte er damals.

Leserkommentare
    • hairy
    • 21. Juli 2012 11:05 Uhr

    "Reichtum garantiert Gesundheit und ein längeres Leben". Diese Aussage ist unhaltbar. Reichtum kann nichts garantieren. Sondern er erhöht die Wahrscheinlichkeit, gesund zu bleiben bzw. länger zu leben.

    22 Leserempfehlungen
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    Das haben sie sehr schön erkannt! Und damit genau das wiederholt was dieser Satz aussagen will! Sehr schön.

    Sie lesen nicht besonders oft Studien oder wissenschaftliche Veröffentlichungen, oder?!
    Es werden Erhebungen angestellt und mit Hilfe von stastitischen Werkzeugen Mittelwerte und Fehler berechnet.
    Ist nun eine Korrelation zwischen steigendem Alter und Reichtum zu erkennen, so schreibt man "Reiche leben länger" und nicht "Bei steigendem Reichtum wächst die gemittelte Wahrscheinlichkeit einer höheren Lebenserwartung mit einer Unsicherheit von 0,5%".
    Also bitte, Korinten wieder aufsammeln und die Füße ein bischen stiller halten.

    • nik--
    • 21. Juli 2012 18:05 Uhr

    „Sie lesen nicht besonders oft Studien oder wissenschaftliche Veröffentlichungen, oder?!“

    Eine seriöse Studie wird sich sicher nicht dazu hinreißen lassen, eine Korrelation so auszudrücken. Sondern es sind die Populärmedien, die solche Aussagen dann verkürzen, zuspitzen, daramatisieren, kurz zur Stoty machen.

    Daher ist die Kritik absolut gerechtfertigt - Logisch ist die Aussage falsch. Genauso könnte man behaupten, Alt werden förde mache reich.

  1. bin ich dafür, nicht Reichtum, sondern Armut abzuschaffen.

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    • joG
    • 21. Juli 2012 11:34 Uhr

    ...nur erfordert ihre Operationalisierung Dinge vom Gemeinwesen, die das Volk nicht will. Der Weg dorthin ist aber Path Dependent und so kommen wir nicht hin, wohin es schöner wäre zu sein, weil die Zwischenschritte sich verbieten.

    "Wer über Armut reden will, der darf vom Reichtum nicht schweigen"

    ...bedingen sich. Des einen Schulden, sind des anderen Guthaben. Des einen Mietzahlungen des anderen Einkommen. Man muss Reichtum nicht abschaffen, es ist ja durchaus auch Antrieb im Kapitalismus, reich zu werden. Aber man könnte dem Vermögensberg die Spitze nehmen, in
    http://www.meudalismus.dr...
    ist das ganz gut erkläutert in Punkt 4.7.

  2. Wie sagt der Volksmund:
    "Lieber reich und gesund als arm und krank".

    12 Leserempfehlungen
    • joG
    • 21. Juli 2012 11:34 Uhr

    ...nur erfordert ihre Operationalisierung Dinge vom Gemeinwesen, die das Volk nicht will. Der Weg dorthin ist aber Path Dependent und so kommen wir nicht hin, wohin es schöner wäre zu sein, weil die Zwischenschritte sich verbieten.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Deswegen "
  3. Wer ungesund lebt wird fett und ist öfters krank-> weniger leistungsfähig -> weniger erfolgreich.Die Mehrheit der Reichen ist topfit, für die Armen gilt genau das Gegenteil.

    6 Leserempfehlungen
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    selbst wenn man Ihrer naiven leistungsideologie folgt, könnte man diese kausalabfolge genausogut an einem anderen punkt eröffnen:

    wer in ärmlichen verhältnissen aufwächst, lebt ungesund "...Wer ungesund lebt wird fett und ist öfters krank-> weniger leistungsfähig" etc.pp.

    ...den Artikel mal lesen, derart billige Vorurteile werden da nämlich wohlweißlich entkräftet:
    "So bricht sich ein gesundheitsriskanter Lebensstil beim Gros erst während einer Arbeitslosigkeit Bahn – und das keineswegs nur bei Unterprivilegierten. »Das Phänomen ist bildungsunabhängig und tritt bei Absteigern aus der Mittelschicht genauso auf"

    Die Medien schreiben doch häufig über die Drogensucht von Prominenten. Winehouse hat sich trotz Millionen umgebracht.

    Selbstverständlich können sich Reiche die guten und reinen Drogen kaufen und schnüffeln nicht an Crack wie arme Kids in Entwicklungsländern oder trinken Schampus statt Billigbier.

    Sie können sich jede gute Medizin kaufen, die heute fast nie mehr von den Krankenkassen bezahlt wird. Sie können sich sogar Organe kaufen, wie wir wissen, wenn die Nieren kollabiert sind.

    Zudem zeigt natürlich die ständige Werbung für Fettnahrung Wirkung. Am meisten bei denen, die sich keine Bildung leisten können. Wussten Sie eigentlich, dass diese heute kostet? Wussten Sie, dass Perspektivlosigkeit und die Verachtung von Armen erst recht zu Depressionen führt ?

    Und das schon bei Kindern, die natürlich unter dem aussichtslosen Leben der Eltern leiden. Auch Depressionen werden weiter gegeben! Der ewige Kampf um ein bisschen Geld für das Nötigste zermürbt.

    Auch gutes Essen ist sehr teuer, kennen Sie die Brotpreise nicht von den letzten "echten" Bäckern? Was heute an Fabriknahrung hergestellt wird, hätte man früher kaum an Schweine verfüttert. Diese Ersatznahrung mit viel Chemie macht krank.

    • kyon
    • 21. Juli 2012 11:46 Uhr

    Schön, dass die Wissenschaft jetzt endlich festgestellt hat, was ohnehin jedermann schon längst wußte.

    Und jetzt? Da nicht alle reich werden können, sollen alle arm werden, aus Gründen der Gerechtigkeit?

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    ...die Welt ist nur schwarz und weiß, dazwischen gibt es nichts. Entweder man ist fett oder am verhungern, entweder brilliant oder dumm, entweder arm oder reich. Was willst du uns erzählen? Dass die (Um)Verteilung des Reichtums alle arm macht? Das glaubst du doch selbst nicht...

    • porph
    • 21. Juli 2012 11:48 Uhr

    Ich bin mir recht sicher, dass die Hauptthese, in der Form wie sie im Artikel aufgestellt wird, nicht zutreffend ist. Armut und prekäre Beschäftigungsverhältnisse führen nicht zu kürzerem Leben bzw. ungesünderem Lebenswandel. Ich schlage eine Ersatzthese vor: Niedriges Bildungsniveau und geringe Selbstreflektion führt zu kürzerem Leben bzw. ungesünderem Lebenswandel.

    Natürlich korrelieren die beiden Faktoren Reichtum und Bildungsniveau oft. Aber bei weitem nicht immer. Und direkten Einfluss auf die Gesundheit hat sicherlich nicht, wie schwer das Portemonnaie ist, sondern wie man seinen Lebenswandel führt, sich ernährt, ob und wieviel man Sport macht, und so weiter. Wenn sie z.B. einen prekär beschäftigten Doktoranden an einer Universität anschauen, der mit seinem Einkommen an den untersten Grenzen liegt, gehe ich davon aus, dass dessen Lebenswandel doch in den meisten Fällen recht positiv ausfällt. Dass ein gesundes Leben teuer wäre ist ein Märchen. Gerade die Dinge, die besonders krank machen (Alkohol, Zigaretten, Autofahren statt Laufen/Radfahren) kosten besonders viel Geld und ob man vor einem Fernseher versauert oder Sport macht, hängt auch nicht von den Scheinen ab.

    Ich würde mir etwas mehr Präzision bei Aufstellung solcher Thesen wünschen. Geld macht weder glücklich noch gesund...

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    • bayert
    • 21. Juli 2012 12:30 Uhr

    dass in D die Aussage Lebenserwartung entspricht Kontostand gelten muss. Wie Sie bereits anführen, ist der Lebenswandel entscheidend. Da ich in einem Neubaugebiet wohne, sehe ich, wie viele Personen am Bau rauchen. An meinem Arbeistplatz (meist Akademiker) gibt es kaum Raucher.

    ...sich hier mal wieder um den fundamentalen Attributionsfehler. Der Wille wird überschätzt und man ist unfähig sich in Situationen zu denken, die man selbst noch nicht erlebt hat.

    Was passiert denn, wenn man sich ungebraucht fühlt? Depremiert ist? Den ganzen Tag zu Hause rumhockt? Keine Persepktive sichtbar ist, vielleicht noch persönliche Probleme (Familie) dazukommen?

    Jeder Mensch versucht unwillkürlich dieser hoffnungslosen Situation emotional zu entfliehen. Da eine konstruktive Flucht anstrengend ist und Motivation benötigt, die man nach einem Schicksalsschlag oft nur schwer aufbringen kann, flüchten sich halt viele in Alkohol, Drogen oder bekommen Fressanfälle bei gute-Laune-Kalorienbomben.

    Kurzzeitig ist das sogar eine ganz gute Betäubungsstrategie, aber wenn das länger anhält, der Betroffene vielleicht auch noch aus seinem sozialen Umfeld triftet, dann wirds problematisch.

    Machen wir uns nichts vor, das kann JEDEM passieren. Im Übrigen schreiben das auch die Forscher:
    "So bricht sich ein gesundheitsriskanter Lebensstil beim Gros erst während einer Arbeitslosigkeit Bahn – und das keineswegs nur bei Unterprivilegierten. »Das Phänomen ist bildungsunabhängig und tritt bei Absteigern aus der Mittelschicht genauso auf«"

    Womit auch deine Bildungstheorie widerlegt wäre...

  4. Getränkemärkte, Alkohol- und Zigarettenverkäufer, Ärzte und Krankenhäuser, der Staat selbst, der keine (weiteren) Renten auszahlen muss durch Todesfälle...So bleibt die Frage, warum sollte die Regierung etwas für den dahin siechenden Teil der Bevölkerung tun? Da gibt man es doch lieber dem Banker, der durch Kreditspekulation seinen Jaguar in der Garage nicht mehr finanzieren kann. Der kommt mit Schlips und Kragen und hält die Aktentasche auf. Und andere Damen und Herren in Schlips und Kragen oder Hosenanzügen füllen diese gerne auf mit Millionenbeträgen. So bleibt die Lebenserwartung hoch in diesen Kreisen.

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