Die Barclays Bank in London © Oli Scarff/Getty Images

Es gibt Momente, in denen wird Leugnen zwecklos. Da folgt ein Einzelfall dem anderen, und das Ganze lässt nur den Schluss zu: Bei Banken und ihren Aufsichtsbehörden ist die geistige und finanzielle Korruption systematisch. Den bislang spektakulärsten Beweis hat jetzt der Skandal um den Libor geliefert: eine Marktmanipulation, die Auswirkungen auf nahezu alle Geschäfte und Transaktionen, ja auf beinahe alle Menschen der Welt hatte.

Für eine kurze Zeit, gleich nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise, als die Investmentbank Lehman Brothers und der Versicherungskonzern AIG kollabiert waren, konnte man glauben: Jetzt würden keine weiteren Abzockereien mehr folgen. Banker an der Wall Street, in der City of London und in Frankfurt gingen in Sack und Asche. Die müssten doch umdenken! Und wenn nicht sie selber, dann zumindest ihre Aufseher.

Doch weit gefehlt. Die Serie der Skandale riss nie ab. Im vergangenen Jahr war es der Derivatehändler MF Global, angeführt von einem Exchef von Goldman Sachs, der pleiteging. Er räumte Kunden auf Nimmerwiedersehen die Konten ab, auch die von Hunderten Bauern, die ihre Ernte absichern wollten. Da kamen die Klagen von Pensionskassen, Investmentfonds und Versicherern, die sich gegen die Treuhänderbanken BNY Mellon und State Street richteten: Der Vorwurf lautet auf systematisch nachteilige Wechselkursgeschäfte und Gebührenschneiderei im Devisengeschäft. Im Mai folgte die Geschichte vom Londoner Wal, einem Händler der Großbank JPMorgan Chase, der mit Derivateprodukten mindestens vier Milliarden Dollar verzockt hat. Am Ende werden es eher neun Milliarden sein.

Und nun ist herausgekommen, dass Mitarbeiter einiger der größten global operierenden Banken den wichtigsten Zins überhaupt manipuliert haben: den Libor. Das ist der Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander kurzfristige Kredite gewähren. Kalkuliert wird die Rate, indem 18 Topbanken täglich an die Nachrichtenagentur Reuters melden, zu welchem Zins sie sich Geld leihen können. Daraus wird ein Mittelwert berechnet, und das ist der Libor.

Man muss wissen: Wer am Libor dreht, bewegt praktisch die gesamte Finanzwelt. Der Libor ist die Berechnungsgrundlage für die Preise von hochgerechnet 800 Billionen Dollar an Krediten, Wertpapieren und Kontrakten. Hausbesitzer, Kreditkarteninhaber, Sparer, Unternehmen und Verbraucher auf allen fünf Kontinenten sind davon betroffen. Auch für Bankmitarbeiter, etwa in der Derivateabteilung, hängen Millionengewinne und -verluste von kleinsten Verschiebungen des Libors nach oben oder unten ab.

Bei Barclays konnte man offenbar die optimale Rate bei den Kollegen, die an Reuters meldeten, bestellen. Eine Manipulation, die zur Routine wurde, offen verhandelt in E-Mails und auf Post-it-Zettelchen an Bildschirmen. Was diese Barclays-Banker offenbar vollkommen kaltließ: dass sie damit möglicherweise auch die Lebensmittel- und Rohstoffpreise von Millionen Menschen trieben.

Die Untersuchungen haben sich inzwischen ausgeweitet. Bei gut einem Dutzend Banken haben sich Ermittler gemeldet. Darunter auch: die Deutsche Bank.