Es gibt Momente, in denen wird Leugnen zwecklos. Da folgt ein Einzelfall dem anderen, und das Ganze lässt nur den Schluss zu: Bei Banken und ihren Aufsichtsbehörden ist die geistige und finanzielle Korruption systematisch. Den bislang spektakulärsten Beweis hat jetzt der Skandal um den Libor geliefert: eine Marktmanipulation, die Auswirkungen auf nahezu alle Geschäfte und Transaktionen, ja auf beinahe alle Menschen der Welt hatte.

Für eine kurze Zeit, gleich nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise, als die Investmentbank Lehman Brothers und der Versicherungskonzern AIG kollabiert waren, konnte man glauben: Jetzt würden keine weiteren Abzockereien mehr folgen. Banker an der Wall Street, in der City of London und in Frankfurt gingen in Sack und Asche. Die müssten doch umdenken! Und wenn nicht sie selber, dann zumindest ihre Aufseher.

Doch weit gefehlt. Die Serie der Skandale riss nie ab. Im vergangenen Jahr war es der Derivatehändler MF Global, angeführt von einem Exchef von Goldman Sachs, der pleiteging. Er räumte Kunden auf Nimmerwiedersehen die Konten ab, auch die von Hunderten Bauern, die ihre Ernte absichern wollten. Da kamen die Klagen von Pensionskassen, Investmentfonds und Versicherern, die sich gegen die Treuhänderbanken BNY Mellon und State Street richteten: Der Vorwurf lautet auf systematisch nachteilige Wechselkursgeschäfte und Gebührenschneiderei im Devisengeschäft. Im Mai folgte die Geschichte vom Londoner Wal, einem Händler der Großbank JPMorgan Chase, der mit Derivateprodukten mindestens vier Milliarden Dollar verzockt hat. Am Ende werden es eher neun Milliarden sein.

Und nun ist herausgekommen, dass Mitarbeiter einiger der größten global operierenden Banken den wichtigsten Zins überhaupt manipuliert haben: den Libor. Das ist der Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander kurzfristige Kredite gewähren. Kalkuliert wird die Rate, indem 18 Topbanken täglich an die Nachrichtenagentur Reuters melden, zu welchem Zins sie sich Geld leihen können. Daraus wird ein Mittelwert berechnet, und das ist der Libor.

Man muss wissen: Wer am Libor dreht, bewegt praktisch die gesamte Finanzwelt. Der Libor ist die Berechnungsgrundlage für die Preise von hochgerechnet 800 Billionen Dollar an Krediten, Wertpapieren und Kontrakten. Hausbesitzer, Kreditkarteninhaber, Sparer, Unternehmen und Verbraucher auf allen fünf Kontinenten sind davon betroffen. Auch für Bankmitarbeiter, etwa in der Derivateabteilung, hängen Millionengewinne und -verluste von kleinsten Verschiebungen des Libors nach oben oder unten ab.

Bei Barclays konnte man offenbar die optimale Rate bei den Kollegen, die an Reuters meldeten, bestellen. Eine Manipulation, die zur Routine wurde, offen verhandelt in E-Mails und auf Post-it-Zettelchen an Bildschirmen. Was diese Barclays-Banker offenbar vollkommen kaltließ: dass sie damit möglicherweise auch die Lebensmittel- und Rohstoffpreise von Millionen Menschen trieben.

Die Untersuchungen haben sich inzwischen ausgeweitet. Bei gut einem Dutzend Banken haben sich Ermittler gemeldet. Darunter auch: die Deutsche Bank.

Banker, Aufseher und Finanzpolitiker – wie eine organisierte Bande?

Leugnen lässt sich inzwischen auch nicht mehr: Bankenaufseher haben, wenn es hart auf hart kam, in vielen Fällen lieber die Banken geschützt als kontrolliert. Mehr noch: Die Denkweise der Investmentbanker ist zur vorherrschenden bei Aufsehern, Zentralbankern und Politikern geworden; geistiger Horizont und geistiger Käfig in einem. Banker, allen voran Investmentbanker, haben politische Institutionen personell durchsetzt und führende Politiker intellektuell abhängig gemacht.

Das zeigte sich sehr bald nach dem Schock der Finanzkrise von 2008. Es würde Gerichtsverfahren geben, dachte man damals. Manager würden zur Rechenschaft gezogen und vielleicht sogar ins Gefängnis geworfen werden. Die maroden Megabanken würden zerschlagen werden. Gleich nach seiner Amtsübernahme 2009 wollte Präsident Obama einen Plan dafür ausarbeiten lassen, weiß man heute aus Insiderquellen im Weißen Haus.

Doch davon rückte der neue Präsident, zu dessen größten Wahlkampfspendern Goldman Sachs gehörte, schnell ab. Stattdessen setzte er die Rettung angeschlagener Banken fort, die sein Vorgänger George W. Bush begonnen hatte. Auf 19 Billionen Dollar schätzt das US-Finanzministerium die Vermögensvernichtung allein in den USA. Ungezählt bleiben die zerstörten Arbeitsplätze, die verlorenen Heime, die geplatzten Träume.

Die Banken haben es dagegen mithilfe der Politik geschafft, ihr Geschäftsmodell fast unbeschadet zu retten. Mehr noch: Ihre Sicht auf die Welt ist die weithin akzeptierte geblieben. Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Simon Johnson, nennt all das einen »stillen Coup«.

Eine Kultur des Miteinanders ist entstanden, die gesunde Distanz ging in vielen Fällen verloren und wahrscheinlich noch viel mehr. Peter Henning, ein führender Experte für Wirtschaftskriminalität und früher Strafverfolger im US-Justizministerium, glaubt, dass beim Libor-Skandal der Rico Act angewendet werden könne. Ein Gesetz, das einmal für den Kampf gegen die Mafia erlassen wurde.

Banker, Aufseher und Finanzpolitiker – wie eine organisierte Bande? Es ist nicht mehr undenkbar.

Denn es gibt diese zweite Ebene im Libor-Skandal. Sie ist auf einem kleinen Zettel festgehalten, einer Gesprächsnotiz, die der frühere Chef der Barclays-Bank, Bob Diamond, nach einem Telefonat mit dem führenden britischen Zentralbanker Paul Tucker im Krisenjahr 2008 anfertigte. Diamond interpretierte den Anruf so, dass Regierungsvertreter und Notenbank – also die Führung des Landes – ihm zu verstehen gaben, er setze seine Libor-Rate zu hoch an. Was es so aussehen ließe, als bekomme Barclays kein Geld mehr am Finanzmarkt. Was das zweitgrößte Kreditinstitut des Landes gefährdet aussehen ließ.

Tucker wehrte sich am vergangenen Montag vor einem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments strikt gegen Diamonds Interpretation. Weder habe er mit Mitgliedern der Regierung über Barclays gesprochen noch Druck auf Barclays ausgeübt.

Offenbar interpretierten Diamonds Mitarbeiter die Sache aber anders: Barclays meldete danach geringere Libor-Raten, als es der Realität entsprach. Rechneten sie damit, dass die Aufseher beide Augen zudrücken würden? Es wäre zumindest plausibel. Diamond habe schon früher die Erfahrung gemacht, dass Bankenaufseher Fehltritte deckten, behauptet ausgerechnet ein Amtsvorgänger Diamonds, Martin Taylor. Der schrieb am vergangenen Montag in der Financial Times, dass vor Jahren die Investmentsparte Barclays Capital im Handel mit russischen Wertpapieren alle intern festgesetzten Limits überschritten habe. Dieser Vorgang habe den Chef der Sparte, ebenjenen Bob Diamond, nicht etwa den Kopf gekostet. Das Ganze wurde auch nicht öffentlich, obwohl, wie Taylor schreibt, »die Aufsichtsbehörden volle Kenntnis« davon hätten.

In Washington gibt es kaum unabhängige Experten, die das Finanzsystem verstehen

Es hatte schon andere Zeiten gegeben. Nach dem Crash von 1929 blieb die Welt ein halbes Jahrhundert lang von großen Bankskandalen verschont. Es herrschte Misstrauen zwischen der Wall Street und ihren Aufsehern. Es gab eine Trennung zwischen Handel und Investmentbanking und Geschäftsbanken, um zu verhindern, dass die reale Wirtschaft durch Fehlspekulationen zu Schaden kam.

Doch die Deregulierung der achtziger und neunziger Jahre riss viele Brandmauern ein – und ging mit einer geistigen Umarmung der Finanzmärkte einher. Es gibt Dutzende Beispiele dafür, wie seither eine Kultur des Wegschauens, der Kumpanei und der Interessenkonflikte entstand.

Allein schon im Libor-Fall. Der Barclays-Chef Diamond sprach bei der Anhörung vor dem britischen Unterhaus die Parlamentarier, die ihn vorgeladen hatten, durchweg mit dem Vornamen an. Zu einem sagte er: »Jesse, as you well know from your time at Barclays...« Der Tory-Abgeordnete Jesse Norman war Investmentbanker bei Barclays de Zoete & Bevan, der Keimzelle der Investmentbank von Barclays. »Leider«, antwortete Norman, habe er die Bank verlassen, bevor die Zeit der satten Boni begann.

In Washington gibt es kaum unabhängige Experten, die das Finanzsystem verstehen. Es ist schon Tradition, den Finanzminister an der Wall Street zu rekrutieren. Bill Clinton holte Robert Rubin von Goldman Sachs, George W. Bush berief Ex-Goldman-Chef Hank Paulson, und Barack Obama ernannte Rubins Zögling Timothy Geithner.

Auch die Chefposten der amerikanischen Aufsichtsbehörden wie der SEC oder der CFTC sind mehrheitlich mit Exbankern besetzt. Und nicht ein einziger Hauptverantwortlicher der Finanzkrise ist in den USA strafrechtlich verfolgt worden. Kürzlich ließ die Börsenaufsicht durchblicken, dass es nicht mal ein Verfahren gegen den früheren Lehman-Chef Richard Fuld geben werde – trotz vieler Hinweise auf Ungereimtheiten in der Bilanz der Pleitebank.

Und kürzlich erst, nach den Milliardenverlusten des Londoner Wals und dem Versagen von Kontrollsystemen bei der zweitgrößten Bank der USA, gab es wieder einmal eine Anhörung. Der J.P.-Morgan-Chef Jamie Dimon wurde vom Bankenausschuss des Senats vorgeladen. Die Anhörung geriet zur Nachhilfestunde, in der der Bankboss geduldig Konzepte wie das Hedging erklärte, also die Absicherung von riskanten Geschäften. Und Dimon saß etlichen Senatoren gegenüber, die ihr Amt auch dem Geld der Bank verdanken. Dimons Institut hat Ausschussmitgliedern über die Jahre Wahlspenden in Höhe von insgesamt 877.798 Dollar zukommen lassen, so die Washingtoner Politikstiftung Open Secrets.

Eine saubere Weste hat nicht mal Senator Chris Dodd, immerhin einer der lautstärksten Kritiker der Banken in den USA. Worüber er lieber schweigt: Er hatte eine besonders niedrige Zinsrate für seine private Hypothek bekommen – und zwar ausgerechnet von Angelo Mozilo, dem Gründer von Countrywide, jenem Hypothekenanbieter, den viele heute als einen der Hauptschuldigen der Krise sehen.

Und in Europa? In Deutschland? Hierzulande gibt es Investmentbanker wie Dirk Notheis von Morgan Stanley. Dieser führte bekanntermaßen den früheren Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Stefan Mappus, am intellektuellen Nasenring durch die politische Manege, als es darum ging, den Energieversorger EnBW wieder zu verstaatlichen. In E-Mails, die vor etwa zwei Wochen an die Öffentlichkeit kamen, wird deutlich, wie Mappus sich anleiten ließ. »So ein Deal ist nicht ganz einfach für Ordoliberale«, zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Notheis’ E-Mails. »Du solltest idealerweise einen renommierten Volkswirt haben, der das Ganze gut findet. Es sollte jemand sein, der Dir einen Gefallen schuldet.« Und, besonders wichtig, »Mutti«, wie Notheis die Bundeskanzlerin dabei nannte, solle erst kurz vor Abschluss des Deals informiert werden.

Das Denken vom Primat der Kapitalmärkte bestimmt auch das Ringen um Europa. Mario Monti, der italienische Ministerpräsident, sagte vor Kurzem noch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Ich vertraue dem Markt, auch den Finanzmärkten, womöglich sogar mehr als andere.« Monti war früher übrigens Topberater bei Goldman Sachs.

Nicht einmal die deutsche Kanzlerin ist immun. Noch vor einem Jahr beschrieb Merkel einen Kampf zwischen »Finanzmärkten und Politik«. Als sie kürzlich im Deutschlandfunk gefragt wurde, wie bei der Euro-Rettung die parlamentarischen Entscheidungsprozesse gewahrt werden könnten, sagte sie: Man brauche eine »marktkonforme Demokratie«.

Mitarbeit: John F. Jungclaussen und Emilia Smechowski

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