Villa WahnfriedWahn, überall Wahn

Kurz vor den Bayreuther Festspielen entbrennt um die Erweiterung des Richard-Wagner-Museums neuer Streit. Eine Bilderbuchposse von Christine Lemke-Matwey

Hoch schießt das Unkraut aus allen Ritzen, Moose und Farne haben leichtes Spiel, und im Garten türmt sich neben mannstiefen Trichtern mannshoch das Erdreich und Geröll. Wer dieser Tage an Wahnfried vorbeikommt, Richard Wagners ehemaligem Wohnhaus am Rande des Bayreuther Hofgartens, traut seinen Augen nicht. Das Haus und Museum ist geschlossen, leer gähnen seine Räume, sechs Bäume wurden gefällt. Im April 1945, als ein Bombentreffer der Alliierten das Anwesen verwüstete, kann es kaum trostloser ausgesehen haben. Und in knapp zwei Wochen beginnen die Bayreuther Festspiele.

Ein Skandal? Ein Skandal! Denn auch im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 wird hier alles verrammelt bleiben, wird Wüste herrschen. Ist es wirklich so schwer, ein Museum rechtzeitig vor einem Geburtstag, der seit 200 Jahren feststeht, zu renovieren und wiederzueröffnen?

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Offenbar. Früher oder später nämlich werden alle an Wahnfried Beteiligten an Wahnfried verrückt: Der Architekt sieht hinter jeder Hecke einen Schützen lauern, der Archivar zitiert nur noch Loriot, die Anrainer reichen täglich neue Klagen ein, der städtische Baudirektor weiß bis heute nicht, wann der erste Bagger rollt, und der Dirigent Christian Thielemann gibt nach einer Begehung des Geländes zu Protokoll, ihn lause wohl der Affe.

Am vernünftigsten wirkt da noch Iris Wagner, Jahrgang 1942, Tochter Wieland Wagners, die Eleganz und weißmähnige Sanftmut in Person. Iris Wagner wiederum wird von der Mehrzahl der oben Genannten für verrückt gehalten. Weil sie sich wehrt und damit »auf verlorenem Posten« steht. Weil sie nicht zulassen will, dass mit Wahnfried in Bayreuth eine historische Chance vertan wird. Die Chance, Richard Wagner nicht als Mumie ins 21. Jahrhundert zu exportieren, sondern als Fackel, als brennende Utopie. Sollte die Neugestaltung Wahnfrieds so stattfinden wie geplant, sagt Iris, »ist es für die nächsten 200 Jahre versaut«.

Wahnfried. Allein der Name. »Hier, wo mein Wähnen Frieden fand« ließ Wagner 1874 in die Fassade meißeln. Eine Villa als Denkmal zu Lebzeiten, auf axiale Symmetrie gebaut, mit Nibelungen-Fries und repräsentativer Halle, die Selbstfeier des Komponisten als Klassiker. Weiheort, Gottesfeste, König Ludwig sei Dank. Seit 1976, dem Gründungsjahr des Museums, standen in Wahnfried oben die Vitrinen, unten im Keller die Bühnenbildmodelle, und im Saal prangte der Flügel, dessen elfenbeinerne Tasten der Meister selbst noch berührt hat – was Leben, Werk und Festspiele eben so abwerfen, wenn die Räumlichkeiten beengt und feucht sind und Inspiration und Ehrgeiz Mangelware. Magere 25.000 Besucher pro Jahr zählte die Gedenkstätte zuletzt, wer einmal da war, hat alles gesehen, nur das Grab hinten im Garten erfreute sich dank eingefleischter Wagnerianer, Jogger und Gassigeher stärkerer Frequenzen. So konnte es nicht weitergehen.

2010 lobte die Stadt Bayreuth einen europäischen Realisierungswettbewerb zur »Erweiterung« des Museums aus; 25 Architekten wurden geladen, darunter David Chipperfield und von Gerkan, Marg & Partner, selbst Daniel Libeskind hob den Finger, fand am Ende aber die Spielräume nicht attraktiv und das Budget zu mickrig (anfangs 12, jetzt 15 Millionen Euro). Den ersten Preis gewann Volker Staab aus Berlin, ein renommierter Museumsexperte. Staab hat mit Bayreuth so seine Erfahrungen, spätestens seit er 2009 oben auf dem Grünen Hügel mit der Überbauung zweier Probebühnen Schiffbruch erlitt.

Und auch diesmal scheint ein leiser Fluch über dem Projekt zu liegen. Im Büro Staab knallten noch die Sektkorken, da ging das Hauen, Zündeln und Messerwetzen schon los. In Bayreuth stehen als Erstes immer die Geister der Vergangenheit auf und verlangen Satisfaktion, egal, worum es geht. In Bayreuth kämpft man immer gegen das Monomanische an sich, gegen ausgehöhlte Rituale und die Tücken der Rezeptionsgeschichte. Und früher oder später landet man immer bei den Wagnerschen Familienfehden, und irgendwann ist immer Adolf Hitler an allem schuld, der mit Winifred in Wahnfried so traulich seinen Tee trank. Das muss man einfach wissen. »Es gibt keine Kommunikationskultur«, sagt Staab und lächelt gequält, »davon bin ich enttäuscht.«

Mit dem Tag der Entscheidung Anfang Oktober 2010 fing also alles noch einmal von vorne an. Offene Briefe wurden geschrieben, steinalte Argumente entstaubt, Fehdehandschuhe geworfen und Knoten aufgeschnürt – als hätte es nie einen Wettbewerb gegeben. Dabei existieren bis heute keine klaren programmatischen Fronten: Es gibt nicht die einen, die aus Wahnfried ein klingendes Heimatmuseum machen wollen, und die anderen, die sich nach Ouagadougou träumen, in Christoph Schlingensiefs afrikanisches Operndorf; die Devotionalienhändler stehen nicht Stirn an Stirn mit den Verfechtern eines Wagner Labs, das aus den Gebeinen des Gesamtkunstwerks die Zukunft der Hochkultur weissagt. Und lebende Komponisten nach Wagner hatten in Wahnfried noch nie etwas verloren. Es gibt nur die vielen, die sich inhaltlich unterfordert und hintergangen fühlen. Und es gibt Iris Wagner, die das spürt und verzweifelt versucht, an jeder noch so kleinen Stellschraube zu drehen.

Zu keinem Zeitpunkt nämlich, und das ist der richtige Skandal, wurde kritisch debattiert, was ein Wagner-Museum an diesem so exponierten wie authentischen, so symbolbeladenen wie auratischen Ort will, soll, kann oder darf. Es wurden weder Historiker noch Kunsthistoriker oder Education-Fachleute zurate gezogen, es gab kein interdisziplinäres Symposium, das Fragen gestellt hätte, und die Beispiele anderer Musikergedenkstätten wie das des Bonner Beethoven-Hauses oder des Bach-Archivs in Leipzig dienten hauptsächlich dazu, den Neid zu schüren und die Quadratmeterzahlen in die Höhe zu treiben. Man muss sich also nicht wundern, wenn jeder im Garten gefällte »Großbaum« die Gemüter neu erhitzt.

Leserkommentare
  1. Bei uns gabs mal ne Rosane Villa, will aber nicht erläutern für was die da war, vielleicht gabs die ja nicht nur bei uns. Villa Wahnfried hört sich son wenig nach, Frankensteins an, will jetzt aber keine Namenskunde und Titelinterpretations richtlinien Disskusion entfachen. Sonst würde mir bei manchen namen, auch mein eigenen, schwarz vor augen werden, weil der nahme ist nur für die wichtig, die erotik außerhalb der normalpreamble, nachkommen.

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    Schreiben Sie doch bitte gerne über diese Villa, dann könnten wir Deutsche etwas von Ihnen lernen.

    Im Artikel ging es um den völlig verunglückten Umbau eines alten Museums zu einem Neuen. Was schwierig bleiben wird, der Herr Komponist ist ja nun schon etwas länger tot, und wurde danach für alle möglichen ideologischen Wirrheiten verantwortlich gemacht.

    Aber BITTE: Was ist denn Ihre ominöse Rosane Villa?

  2. 2. Schade

    Schreiben Sie doch bitte gerne über diese Villa, dann könnten wir Deutsche etwas von Ihnen lernen.

    Im Artikel ging es um den völlig verunglückten Umbau eines alten Museums zu einem Neuen. Was schwierig bleiben wird, der Herr Komponist ist ja nun schon etwas länger tot, und wurde danach für alle möglichen ideologischen Wirrheiten verantwortlich gemacht.

    Aber BITTE: Was ist denn Ihre ominöse Rosane Villa?

  3. Verrate ich nicht, fragen sie mal im Archiv nach, nahe der Neiße Grenze, die haben sicher ahnung.

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    nun ja, wer nicht bereit ist, seine Meinung zu begründen, dessen Meinung kann ich getrost ignorieren.

  4. nun ja, wer nicht bereit ist, seine Meinung zu begründen, dessen Meinung kann ich getrost ignorieren.

  5. Sie ignorieren mich nicht, nur weil ich das hier nicht erklären möchte, das glaub ich nicht.....den Arsch verbrannt das reicht.

  6. Ich war vor kurzem dort und muss sagen, der Artikel hat Recht. Der Gesamtzustand ist wirklich jämmerlich. Aber man sieht auch nirgendswo ansatzweise etwas von Renovierungstätigkeiten. Ganz Bayreuth kam mir vor wie in einem Dornröschenschlaf. Einziges Highlight: Das Markgräfliche Opernhaus als neues UNESCO-Weltkulturerbe. Aber auch diese Kleinod wird bald für die Öffentlichkeit gesperrt: ab 1. Oktober beginnen 5 Jahre andauerende Renovierungsarbeiten. Klingt nach einer Endlosstory.

    Dank guter Kontakte konnte ich wenigstens ins Festspielhaus auf dem grünen Hügel, das im Moment eigentlich auch geschlossen ist für die Öffentlichkeit.

    Bayreuth wird bald zu einem Museumsdorf, das man nur noch von außen betrachten kann.

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