NetzaktivistenClub der Visionäre

Berlin ist die Heimat der Netzaktivisten: Sie kippen Gesetze, beraten Parteien und bringen die alte Ordnung durcheinander. Die Nerds haben jetzt Macht. Aber was wollen sie damit? von  und

Der Mann, der gegen die EU kämpft, trägt ein T-Shirt mit dem Slogan »arm aber WLAN«. Eine doppelte Anspielung: auf seine Heimat Berlin und darauf, dass er ein Computernerd ist. Beides gehört für ihn zusammen. Markus Beckedahl ist Blogger, er hat zu einem netzpolitischen Abend in die c-base eingeladen, einen Klub für Hacker. Von innen sieht die c-base aus wie ein Raumschiff, und einige hier behaupten ganz ernsthaft, dass sie das auch einmal war. Der Raum ist in Schwarzlicht getaucht, die Toiletten heißen »Entsorgungsdocks«, neben der Treppe steht eine mannshohe Figur, die aus einem Science-Fiction-Film stammen könnte. Die c-base ist halb Subkultur, halb netzpolitischer Thinktank: Im Keller reden sie von der Zeitschlaufe, in die sich das Raumschiff eines Tages katapultieren wird; oben in der Bar reden sie über Acta.

Beckedahl ist einer, der die EU-Gesetzentwürfe zum Produktpiraterie-Handelsabkommen Acta mit Leidenschaft gelesen hat, um sich darüber mit Leidenschaft zu empören. Er glaubt, dass Acta zu einer breiten Überwachung geführt hätte, weil Internetprovider verpflichtet worden wären, alle Urheberrechtsverstöße zu melden. Er forderte die Leser seines Blogs dazu auf, die europäischen Abgeordneten mit Massen-E-Mails unter Druck zu setzen, er half, Demonstrationen zu organisieren. Vom Erfolg der Proteste war er selbst überrascht: Das EU-Parlament hat das Gesetz gerade gekippt.

Anzeige

Seit zehn Jahren bloggt Beckedahl über Netzpolitik. Lange war es ein Nischenthema: zu technisch, zu kompliziert. Auch viele der Protestler gegen Acta hätten sich vorher für Urheberrecht nie interessiert, glaubt er, viele hätten Acta gar nicht verstanden. »Der Running Gag auf der Demo war: Worum geht’s hier eigentlich?«, erzählt er.

Es ging bei den Protesten vor allem darum, ein anderes Weltbild zu verteidigen. Beckedahl ist 35 Jahre alt, er gehört zu der Generation, die damit aufgewachsen ist, online zu arbeiten, online Freunde zu finden, online das eigene Leben auszustellen. Seine Mitstreiter und er sehen das Internet als Werkzeug einer Revolution, die unsere Gesellschaft stärker verändern wird als der Buchdruck, die sie offener machen wird und damit gerechter. Das Netz empfinden sie als ihre Lebenswelt und jeden Regulierungsversuch als Angriff auf diese Welt.

Ihr Feindbild ist die alte, analoge Generation, die das Netz beherrschen und zensieren wolle – so wie Ursula von der Leyen, die als Familienministerin ein Gesetz vorschlug, das die Sperrung von kinderpornografischen Netzseiten ermöglichen sollte. Der Generationenkampf im und über das Internet erinnert an den Kampf der 68er gegen die alten Autoritäten, übertragen auf das digitale Zeitalter.

Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten der virtuellen Wirklichkeit, dass sie sehr wohl von realen Orten geprägt wird. In Deutschland ist das Berlin, hier ist die digitale Avantgarde zu Hause. Die niedrigen Mieten, das Gefühl des ständigen Umbruchs und das Nachtleben prägen ihr Milieu. Die Piraten sind hier zum ersten Mal in ein Landesparlament eingezogen, der Chaos Computer Club lädt einmal im Jahr zu seinem Kongress, der europaweit der größte seiner Art ist. Start-up-Firmen entstehen reihenweise, während sich die Leute von Google mit Politikern und Wissenschaftlern treffen.

In Berlin kann man erleben, wie die Netzaktivisten das Establishment erobern und das Deutschland von morgen prägen. Eine neue Macht, die unterschiedliche Menschen mit ebenso unterschiedlichen Mitteln austesten: durch Protest, durch Lobbyarbeit, durch Beratung oder den Reiz der radikalen Utopien.

Den gläsernen Staat wünschen sich viele, den gläsernen Bürger nicht

Für Daniel Dietrich gibt es Berlin zweimal: als die Stadt, in der er lebt und arbeitet. Und als einen Berg von Verwaltungsdaten: Baumbestand, Hundesteuereinnahmen, Gewerbegrundstücke, Glascontainerstandorte, Ozonwerte, Sozialausgaben – sozusagen die digitalisierte Hauptstadt. Dietrich will, dass die Berliner von diesem digitalen Berlin genauso viel haben wie vom realen. Dafür müsste aber die Senatsverwaltung alle Daten öffentlich machen.

Die Idee heißt »Open Data«, und Berlin war das erste Bundesland, das sie ausprobiert hat. Einmal im Monat trifft sich Netzaktivist Daniel Dietrich zum Stammtisch mit Beamten und Wissenschaftlern, um zu beraten, wie sie Open Data umsetzen können.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    Service