BeschneidungDie Operation war einwandfrei

Wie Sprachbarrieren und Missverständnisse in einem Krankenhaus zum umstrittenen Beschneidungsurteil von Köln führten. von 

Eine Liege, überzogen mit blauem Kunstleder, ein kleines Fenster an der Stirnseite, Vitrinen und Apparaturen: Das Behandlungszimmer in der Hausarztpraxis von Omar Kezze in der Kölner Innenstadt sieht aus wie Tausende andere Behandlungszimmer in der Republik. Eine arabische Kalligrafie an der Wand setzt einen Akzent, aber auch das ist ja nicht wirklich ungewöhnlich. Hier, an dieser Liege stehend, nahm Omar Kezze am 4. November 2010 eine Beschneidung bei einem vierjährigen muslimischen Jungen vor, nicht aus medizinischen, sondern aus religiösen Gründen. Ein Routineeingriff, wie er ihn schon unzählige Male vorgenommen hatte. Und genau hier nahm ein juristisches Verfahren seinen Anfang, das anderthalb Jahre später einen Schock für gleich zwei Religionsgemeinschaften nach sich ziehen würde. Am 7. Mai 2012 erklärte das Landgericht Köln Kezzes Routineeingriff an jenem Novembertag zu einer Körperverletzung – und stellte damit die uralte Praxis der Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen unter den Verdacht einer Straftat.

Seitdem diskutiert die Republik über das Urteil mit dem Aktenzeichen 151 Ns 169/11: Was wiegt schwerer, das Grundrecht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit oder die Freiheit der Religionsausübung der Eltern und ihr Sorgerecht? Was ist schlimmer: beschnitten zu werden – oder unter lauter beschnittenen Verwandten der einzige Unbeschnittene zu sein? Die Kölner Entscheidung ist eine Einzelfallentscheidung, nicht bindend für andere Gerichte. Aber sie hat eine Schockwelle unter Muslimen wie Juden in Deutschland ausgelöst. Sie empfinden den Richterspruch als Diskriminierung ihrer Religion. Ärzte klagen nun über mangelnde Rechtssicherheit. Schon wird vor heimlichen Beschneidungen gewarnt. Am (heutigen) Mittwoch wollen die Abgeordneten sich im Bundestag für eine Straffreiheit der Beschneidung einsetzen.

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Die Folgen dieses Urteils stehen in einem bizarren Kontrast zu seiner Vorgeschichte. Dem Verfahren ging nicht etwa eine politische und juristische Debatte über Kinderschutz und Religionsfreiheit voraus, sondern eine Verkettung von Missverständnissen.

Omar Kezze ist ein freundlicher Mann mit Lachfalten und kurzen, grauen Stoppeln auf dem Kopf. »Ich habe viele Beschneidungen durchgeführt«, sagt der 62-Jährige, der aus dem syrischen Aleppo stammt und seinen Facharzt für Chirurgie in Deutschland gemacht hat. Etwa 250 Euro kostet der Eingriff bei ihm normalerweise, in muslimischen Internetforen wird er empfohlen.

Auch der Mutter des Vierjährigen, den er im November 2010 beschnitt, war Kezze empfohlen worden – von einer in Köln lebenden Bekannten. Die aus dem Irak stammende Familie lebt eigentlich in Ostdeutschland, für die Operation reisten Mutter und Sohn eigens an und kamen bei ihrer Kölner Freundin unter.

Die circa halbstündige Operation fand an einem Donnerstag statt, ambulant, ohne Probleme. Am selben Abend machte Kezze noch einen Hausbesuch, um die Wunde zu versorgen. Für den Samstag, also zwei Tage später, vereinbarte er einen weiteren Nachsorgetermin: um zehn Uhr in der Praxis.

Zwei Stunden vor diesem Termin setzte jedoch ein Drama ein, das viel mit der Mutter, aber wenig mit dem Jungen zu tun hat. Am Morgen um acht Uhr lief die Frau in einem Zustand, der in den Akten als »völlig verwirrt« beschrieben wird, auf die Straße und rief auf Arabisch anscheinend den Satz: »Mein Sohn blutet!« Es war wohl ein arabischer Nachbar, der sie hörte und die Polizei rief. Auch ein Rettungswagen kam. Die Gastgeberin der Familie rief Kezze an, damit er vermittle, aber dazu kam es nicht mehr, alles ging sehr schnell, Mutter und Sohn wurden in die Notaufnahme der Uni-Klinik gebracht.

Leserkommentare
    • hairy
    • 20. Juli 2012 6:59 Uhr
    1. Naja:

    das ist wie wenn man durch 2x Falschabbiegen doch noch den richtigen Weg findet. Sprich: Das Recht des Kindes steht trotz allem höher.

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    das Recht des Kindes schließt auch sein Seelenheil ein. Ob die körperliche Unversehrtheit mehr wiegt oder nicht, hat der Gesetzgeber nicht zu verfügen. Werteentscheidungen liegen bei den Eltern.

    ... als Frau. Zwei meiner ehemaligen Beziehungen waren beschnitten. Einer davon wegen Vorhautverengung, einer aus jüdischer Tradition.

    Ich finde das weder schön anzusehen noch der Erotik und dem Sex zuträglich.

    Ich bin sehr froh, dass mein jetziger Lebenspartner nicht beschnitten wurde.

    Eltern, welche den Mut haben, trotz religiösem Drucks aus Familie, Gemeinde und Umfeld sich einer Verstümmelung des Genital ihres Kindes zu widersetzen, sollten unterstützt und geschützt werden.

    Und wenn es nur ein Gesetz des Verbotes ist, hinter welchem sie diesen Schutz finden können.

    Und zu dem Argument, dass es dann in dreckigen Hinterzimmern gemacht würde:
    Eltern, welche gegen jede Vernunft aus religiösem Fundamentalismus, die Verstümmelung ihres Kindes wollen, müssen dafür dann auch die Verantwortung tragen.

    Der Staat und Ärzte, welche der Unversehrtheit und Gesundheit der Menschen verpflichtet sind, sollten sich nicht zu Komplizen machen.

    • bayert
    • 20. Juli 2012 7:07 Uhr

    ist es, wenn aus religösen Gründen an den Genitalien von Säuglingen und Kindern herumgeschnitten wird.

    P.S.: Bei Mädchen könnte man die "milde Sunna" zulassen. Die wird auch von Bündnissen gegen Genitalbeschneidung als harmlos angesehen.

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    Sie wissen scheinbar nichts über den religiösen Hintergrund der männlichen Beschneidung als Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Die Verstümmelung von Frauen hat einen kulturgeschichtlichen, nur pseudoreligiösen Hintergrund und ist auch medizinisch in keinster Weise mit der männlichen Beschneidung zu Vergleichen.

    Ich denke diese Debatte ist ein weiteres Beispiel für die grassierende Religionsfeindlichkeit und den versteckten intelligenten Rassismus unserer Gesellschaft, die den Rahmen einer angemessenen Debatte längst verlassen hat und durch sehr viel Unwissen auf seiten der "Aufklärer" unterfüttert ist.

    Wenn die Beschneidung wirklich so essentiell für die Religionen ist, dann sollte man sie einfach rein symbolisch durchführen.
    Bei der Taufe wird ja auch kein Kind mehr komplett unter Wasser gedrückt.

    Und wenn nun die Hygieneargumente oder (eher falsche) Vorteile beim Geschlechtsverkehr beim jungen Mann Anklang finden, dann darf er sich mit 18 immer noch unters Messer legen.

    hat allerdings keinerlei medizinische vorteile und steht in einem paternalistischen udn sexistischen Kontext. Anders die männliche Beschneidung. Beispielsweise reduziert sie die HIV-Infektionsgefahr beträchtlich.
    Der Vergleich hinkt immens.

    • HorFe
    • 20. Juli 2012 7:12 Uhr

    Mißverständnissen ? Früher oder später wurde mit einer gerichtlichen Auseinandersetzung bzgl. der Beschneidung unter den Beschneidern gerechnet ? Der Eingriff dauert nur ? eine halbe Stunde ? Das zeigt ja wohl das schlechte Gewissen , bzw. die jahrzehntelange Rechtsgrauzone. Da muss man der Staatsanwältin aber hohes Lob aussprechen , dass sie konsequent geblieben ist und dass es dadurch endlich zu einem vom GG eindeutigen Formulierung zum Schutz der Unversehrtheit kleiner Kinder ( Knaben ) kommt. Dieser Schutz wird strafbewehrt vom Bundesvervassungsgericht gestellt werden müssen und mal wieder zeigen , wie opport. unsere Politiker mit Ausnahme der Linken sind. Eine traurige Gesschichte unseres Rechtstaates. Und es betrifft mitnichten nicht die Einschränkung einer sog. religionsfreiheit. Es betrifft die Freiheit zu schützender kleinen Bürger!

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    Die Fachgesellschaften empfehlen die Beschneidung schon Jahre lang nicht mehr. Viele Ärzte machten darauf aufmerksam, dass dort etwas übrig geblieben ist, dass sich durch neuere Kenntnisse nicht rechtfertigen lässt.

    Die Politik ignorierte den aktuellen Wissensstand, weil sie sich nicht traute. Gäbe es das Kölner Gericht nicht, wäre diese Diskussion weiter nicht geführt worden.

    Es gibt medizinischen und gesellschaftlichen Fortschritt. Die Begründung man habe etwas schon tausende von Jahren gemacht ist gerade keine Begründung, sondern eben gerade ein Zeichen dafür, dass man etwas neu überdenken soll.

    Ja, nur, wenn die Staatsanwaltschaft wegen gefährliche Körperverletzung anklagt, wo es in der Wirklichkeit nur einfacher Körperverletzung war, dann hinterlässt das auch schon einen bitteren Beigeschmack. Wenn die eine ist Offizialdelikt (kann ohne Strafantrag des Betroffenen verfolgt werden) während die andere ein Antragsdelikt ist (der Betroffene muss Antrag stellen, es sei denn es besteht öffentliches Interesse).

    Mir scheint auch, dass da die Ärzte im Krankenhaus eher einen Schnellschluss zog (Arabischer Arzt? Beschneidung? Muss ja inkompetent sein).

    Es ist nicht alles gut gelaufen.

    • HorFe
    • 20. Juli 2012 19:51 Uhr

    gehören naturgemäß auch ethische und berufsethische Orientierunghilfen. Z.B. Der Eid des Hippokrates.
    Wenn ich Arzt bin und ich bin es , muss ich jeden Tag aufs Neue mein operatives und nichtopreratives Handeln hinterfragen. Unabhängig von Religionen und Weltanschauungen versuche ich das bestmögliche für die Gesundheit bzw.deren Wiederherstellung meiner Patienten zu tun. Handlungen an Kindern , die nicht ihrer Gesundheit dienen , lehne ich ab.

  1. in Ihrem Artikel gar nicht vor! Aus dem Leiden des Kindes ging wohl hervor, daß Zweifel an der ärztlichen Kunst aufkamen.
    Im Übrigen raten Sie wohl, so lese ich das, im Falle besser nicht den Notarzt zu rufen, sonst könnten ja Mißverständnisse auftreten!
    Dem Arzt Omar Kezze (Chirurg, kein Urologe!!!, operiert außerhalb seines Fachgebietes, wahrscheinlich ohne Anästhesist) fällt nix anderes ein als von Diskriminierung zu sprechen, anstatt Arzt zu sein und sein Handeln zu reflektieren. Immerhin trat die Komplikation nach seinem Eingriff auf!

  2. Sie wissen scheinbar nichts über den religiösen Hintergrund der männlichen Beschneidung als Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Die Verstümmelung von Frauen hat einen kulturgeschichtlichen, nur pseudoreligiösen Hintergrund und ist auch medizinisch in keinster Weise mit der männlichen Beschneidung zu Vergleichen.

    Ich denke diese Debatte ist ein weiteres Beispiel für die grassierende Religionsfeindlichkeit und den versteckten intelligenten Rassismus unserer Gesellschaft, die den Rahmen einer angemessenen Debatte längst verlassen hat und durch sehr viel Unwissen auf seiten der "Aufklärer" unterfüttert ist.

    Antwort auf "BEschämend"
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    • HorFe
    • 20. Juli 2012 8:18 Uhr

    akzeptieren , dass in diesem Land die Unverletzlichkeit und die Würde des Menschen unantastbar sind. Das mit lat. Diskrimnierung bzw. Intoleranz zu bezeichnen geht am Thema vorbei und schürt die Vourteile. Ich erwarte als Bürger , dass hier ein Intergrationswille der Bürger mit Religionshintergrund vorhanden ist.

    • aadam
    • 20. Juli 2012 8:38 Uhr

    Religion ist keine "Rasse". Religionskritik hat deshalb auch nichts mit Rassismus zu tun.
    Die Beschneidung von Frauen hatte im alten Ägypten - und von dort kommt sie, ebenso wie die männliche Beschneidung - sehr wohl religiöse Gründe.

    Wieso pseudoreligiös? Es gibt an die 5000 verschiedenen Götter, da kann ich glauben, an was ich will und wenn man meine Religion, sei's an Thor, Odin und Wotan ist oder Ra, Anubis und Osiris, als "pseudoreligiös" bezeichnet, ist das genau diese Religionsfeindlichkeit, die du ansprichst.
    Des Weiteren, was ist das bitte für einen Gott, der den Menschen als sein "Ebenbild" erschafft aber dann verlangt, dass man die Vorhaut abschneidet?

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    "Im - auch von Deutschland und Israel unterzeichneten und ratifizierten - internationalen Übereinkommen über die Rechte des Kindes (der Kinderrechtskonvention) steht in Artikel 24: 'Die Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen'" - wenn sie durch behauptet vorgehendes Elternrecht unterlaufen werden kann, und wieso ist jüdisches Religionsleben nicht mehr möglich, wenn es "Brit shalom (Hebrew: ברית שלום‎), also known as brit b'li milah, brit chayim, brit tikkun, brit ben and alternative brit, is a naming ceremony for newborn Jewish boys. It is intended to replace the circumcision of brit milah. The term is generally not used for girls, since their naming ceremony does not involve genital cutting. Though brit shalom is best known in Humanistic Judaism, Reform Judaism, and Progressive Judaism" gibt und es gelebt wird? - Dieses Urteil ist sicher kein Zufall; man könnte auch der Meinung sein, daß hier die göttliche Vorsehung eingriff, um - ähnlich wie Abraham, der Isaac nicht opferte, obwohl das zur Norm gehörte - durch öffentliche Diskussion zu einem Bewußtsein für die Problematik zu kommen. -

    • ngw16
    • 20. Juli 2012 9:03 Uhr

    Wenn ich die Debatte Revue passieren lasse, so ist immer wieder ein Unterschied aufgefallen.

    Im Judentum gibt es wohl eine religiöse Vorgabe in einer ihrer Schriften für eine Beschneidung.

    Für den Islam scheint es so eine eindeutige Vorgabe aber nicht zu geben, nur eine hergeleitete Interpretation.
    Damit wird aber die Begründung "religiös notwendig" fragwürdig.

    Dieses wird eine juristisch haltbare gesetzliche Ausnahmeregelung noch weiter erschweren.
    Ich beneide die Personen, die diese Aufgabe lösen sollen nicht.
    Die ganzen Vorgaben dazu (Mädchenbeschneidung verbieten, Religionsgruppe beachten, Kinderschutzkonvention, Art 2 GG, ...), sind so komplex, dass ich die Aufgabe als unlösbar ansehe.
    Eine pure "Lex Beschneidung für Knaben" wird aber kaum vor einem BVerfG oder EMGR Bestand haben können.

    • WoodyE
    • 20. Juli 2012 9:27 Uhr

    Zur Religionsfreiheit gehört, entscheiden zu können, ob man einer Religionsgemeinschaft beitreten möchte. Die Firmung der katholischen Kirche ist da auch nicht viel besser. Ich weiß nicht, ob man in so jungen Jahren wirklich frei entscheiden kann.

    Die Firmung unterscheidet sich aber in einem wesentlichen Punkt von der Beschneidung: Es findet kein irreversibler Eingriff in den Körper des Kindes statt.

    Die Beschneidung steht also mit zwei Grundrechten in Konflikt:

    1. Die Religionsfreiheit - der Mensch sollte alt genug sein, frei entscheiden zu können, ob er einer Religionsgemeinschaft angehören will.

    2. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG). Auch hier sollte der Mensch alt genug sein, frei entscheiden zu können, ob er diesen Eingriff zulassen möchte.

    Bei allem Respekt für die freie Ausübung der Religion, wir leben in einem Staat, in dem eigentlich Religion und Staat getrennt sind. In unserem Grundgesetz steht als unantastbares Grundrecht die Würde des Menschen. Hieran muss sich der Staat ausrichten. Das Grundrecht der freien Religionsausübung kann nicht dazu führen, dass die Grundrechte eines Menschen durch Dritte verletzt werden, nur weil diese sich durch uralte Gebote dazu verpflichtet fühlen.

    Wer in diesen alten Geboten liest, findet noch viele andere archaische Dinge, auf deren Einhaltung heute kein nicht radikal religiös denkender Mensch kommen würde.

    Ich kenne aber auch den kulturgeschichtlichen Hintergrund. Beides, die Beschneidung von Jungs und die von Mädchen, sind älter als Christentum, Islam oder Judentum.

    Beide Bräuche sind übernommen worden - das ist z.B. auch bei vielen Feiertagen der Fall (der 24.12. ist eben nicht das historische Geburtsdatum von Jesus, sondern ursprünglich ein Sonnenwendfest vorchristlicher Zeit). Lass den Leuten die alten Festtage und Bräuche und du kannst dich mit deiner neuen Religion leichter durchsetzen - so ist das immer und überall gelaufen. So wie Sie argumentieren, müsste man es Juden in Deutschland erlauben, ihre minderjährigen Kinder zu beschneiden, Moslems aber verbieten.

    Interessant finde ich, dass Sie als offenbar Gläubiger, andere Vorstellungen als pseudoreligiös brandmarken. DAS ist chauvinistisch und arrogant. Ich bin grundsätzlich dafür, Beschneidung - egal ob mild oder extrem - an Jungen und Mädchen zu verbieten. Um Konflikte zu vermeiden, kann man Lösungen finden, die z.B. betonen, dass es sich um Körperverletzung handelt, diese aber straffrei lässt. Eine Kassenleistung sollte die religiöse Verstümmelung aber niemals sein.

    Ach ja, Phimose vor Erreichen der Pubertät durch Beschneidung zu behandeln ist auch großer Quatsch, weil bis dahin bei vielen Jungs die Vorhaut noch mit der Eichel verklebt ist, was im Übrigen hygienische Probleme komplett ausschließt (außer Sie reißen die Vorhaut sinnlos ab, dann gibt es in der Tat ein Problem).

    • sjhsjh
    • 20. Juli 2012 12:14 Uhr

    Den Vorwurf des Rassismus möchte ich mit aller Entschiedenheit für mich zurückweisen. Bei einem solch einschneidenden Ritual würde ich mich auch dagegen aussprechen, wenn es aus dem christlichen oder humanistischen Umfeld stammte.

    Religionsfeindlichkeit? Auch das nicht! Es mag jeder auf seine Weise leben, sofern er die Rechte anderer nicht verletzt! Dass ich aber nicht umhin kann, mein naturwissenschaftliches Welt - das Grundlage für mein philosophisches Weltbild ist - ernst zu nehmen und Kulte sehr kritisch betrachte, kann ich Ihnen bestätigen. Ich sehe allerdings nicht, auf welche Grundlagen sich ein demokratisches Gemeinwesen stützen könnte, wenn man die Wissenschaften - insbesondere das naturwissenschaftliche Weltbild unseres heutigen Kenntnisstandes - nicht umfassend ernst nimmt.

    Mancher bezeichnet die Unausweichlichkeit naturwissenschaftlicher, mathematischer, logischer Erkenntnisse als arrogantes Diktat, aber sie sind zwingend, will man das folgerichtige Denken nicht abschaffen!

    Es sehe nicht, wie die Beschneidung mit der Garantie der Unverletzlichkeit der Person in Einklang zu bringen wäre und andererseits befürchte ich, dass ein Sondergesetz dem Missbrauch Tor und Tür öffnet!

    Sie schreiben: "Ich denke diese Debatte ist ein weiteres Beispiel für die grassierende Religionsfeindlichkeit und den versteckten intelligenten Rassismus unserer Gesellschaft, die den Rahmen einer angemessenen Debatte längst verlassen hat und durch sehr viel Unwissen auf seiten der "Aufklärer" unterfüttert ist"

    Ich lese "Religionsfeindlichkeit" und "Rassismus", ich sehe dass sie die Aufklärer in Anführungszeichen setzen - Sie verwechseln dabei (in Unwissenheit?) Religion mit Riten. Kann es sein, dass sie den Unterschied nicht verstanden haben?

    Auch schreiben sie: "...als Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk..." und unterschlagen dabei mal einfach so ein wichtiges Wort: "ewig"! Es geht um den ewigen(!) Bund, dem irreversiblen Bund, es geht um einen Bund, den der Betroffene nicht mehr rückgängig machen kann, nicht soll! Ergo geht es um Macht. Und es geht um die Macht, sich am Allerheiligsten eines kleinen Jungen vergreifen zu können, zu dürfen. Ungestraft. Es geht um die Demütigung eines Kindes. Es geht um Gewalt. Das sind uralte Methoden mit der Priester ihre Macht verteidigt haben.

    Ich denke, sowohl archaische Uralt-Riten als auch deren Verfechter sollten so langsam 'mal im 21. Jahrhundert ankommen. Ich denke, es wird zeit, diese Methoden zu durchschauen und abzuschaffen.

    Das nennt man nämlich zivilisatorischen Fortschritt.

    [...]

    Gekürzt. Bitte diskutieren Sie respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

    Navid Kermani nannte jüngst die neuerdings beobachtbare Vergötzung dessen, was selbsternannte Tugendwächter für vernünftig erachten, "Vulgärrationalismus". Der Hergang dessen, wie es zu diesem Gerichtsverfahren kam, lässt zumindest nach dem ZEIT-Artikel erkennen, warum komplexere Güterabwägungen, wie man sie von akademisch ausgebildeten Juristen eigentlich erwarten kann, im konkreten Fall unterblieben sind. Dies bezüglich hat der Artikel zur Aufklärung beigetragen.

    vollkommen Rechts. Nicht das Urteil, sondern die unqualifizierte Dbatte um diesen lösbaren Konflikt ist ein weiterer Versuch das jüdische und muslimische Leben in Deutschland zu erschweren, denn sonst würden die Herrschaften sich ebenso über jede in den wohnräumen gerauchte Zigarette, die nachweislich für das Kind schädlich ist (schwere Körperverletzung) und über jede Anthehelixplastik bei einem Kind unter 12 aufregen.

    • kyon
    • 20. Juli 2012 15:48 Uhr

    " Freiheit der Religion ist Freiheit des Menschen" (BuonamicoBuffalmacco)

    Psychologisch muß die Angelegenheit infolge der Wirksamkeit der religiösen Indoktrination leider anders bewertet werden:

    Die Freiheit der Religion des Erwachsenen ist die Unfreiheit der Religion des Kindes.

    • kyon
    • 20. Juli 2012 16:00 Uhr

    "Sie wissen scheinbar nichts über den religiösen Hintergrund der männlichen Beschneidung als Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk." ( BuonamicoBuffalmacco)

    Da es diesen Gott wie die unzähligen anderen in der Menschheitsgeschichte erdachten Gottheiten nicht gibt, kann man nichts über eine solche Verbindung zwischen den Menschen und einem höheren Wesen wissen.

    In einer alten Schrift kann man lediglich nachlesen, dass Menschen offensichtlich einem solchen erdachten Wesen die Forderung nach der Vorhaut der Jungen aus sozialpsychologischen Gründen in den Mund gelegt haben.

  3. [...]
    Meiner Ansicht nach ist diese Aktion in Bundestag heuchlerisch. Kleinkinder und Jugendliche zu verstümmeln gehört bestraft. Wenn die Menschen sich dafür entscheiden würden, wenn sie einigermaßen für sich selbst entscheiden können, dürfen, dann ist es etwas anderes. Ja, ich weiß, ich bin damit wohl dieser uralten Praxis gegenüber intolerant, aber egal wie alt sie ist, es ist meiner Ansicht nach Körperverletzung. Toleranz hat auch seine Grenzen. Dies ist eine der Grenzen. Imho

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/ls

  4. Die Fachgesellschaften empfehlen die Beschneidung schon Jahre lang nicht mehr. Viele Ärzte machten darauf aufmerksam, dass dort etwas übrig geblieben ist, dass sich durch neuere Kenntnisse nicht rechtfertigen lässt.

    Die Politik ignorierte den aktuellen Wissensstand, weil sie sich nicht traute. Gäbe es das Kölner Gericht nicht, wäre diese Diskussion weiter nicht geführt worden.

    Es gibt medizinischen und gesellschaftlichen Fortschritt. Die Begründung man habe etwas schon tausende von Jahren gemacht ist gerade keine Begründung, sondern eben gerade ein Zeichen dafür, dass man etwas neu überdenken soll.

    Antwort auf "Verkettung von "
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    Die Politik ignorierte ....
    Dieses Ignorieren ist mMn in den letzten Jahren noch schlimmer geworden. Es ist nicht nur eine Debatte um Zugeständnisse an eine rel. Minderheit, eine rel. Gruppierung im allgemeinen, es ist auch eine Debatte über die Fähigkeit/Unfähigkeit unserer PolitikerInnen.

    Die Seehofersche-CSU will mal schnell in kleiner Parlamentsgruppe ein Betreuungsgeld durchdrücken, Unsere Kanzlerin wurde erneut vom Verfassungsgericht darauf hingewiesen, dass sie Entscheidungen nicht am Parlament vorbei beschließen lassen kann. Die Verquikungen der Politiker mit der Wirtschaft waren noch nie so deutlich wie heute: Schröder, Clemens, Riester, Rürup, Mappus .... und der nächste Schritt steht uns bevor: Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will auch die Pflege an die freie Wirtschaft übergeben. Erst kommt der Pflege-Bahr, dann der Ausstieg der FDP aus der Regierung und dann ...., ja in welchen Wirtschaftskonzern wird dann Herr Bahr wechseln?

  5. Das Landgericht hat die indikationslose Beschneidung NICHT "verboten": ein Verbot ist Sache des Gesetzgebers, nicht die eines Gerichts. Das Gericht hat lediglich im konkreten Fall festgestellt, dass hier eine Handlung vorgenommen wurde, die nach schon jahrzehntelang geltendem Recht in Deutschland verboten ist!

    Der Skandal an der Sache ist auch nicht, dass da jetzt endlich ein Gericht konkret Recht gesprochen hat - der Skandal ist, dass vorher Jahrzehnte lang in der praktischen Verfolgung von Straftaten die geltende Rechtslage ignoriert wurde, und dass selbst in diesem Einzelfall noch eine zweite Instanz nötig war, um endlich mal seitens des Gerichtes festzustellen, dass es da gewisse Gesetze gibt.

    Ermessensspielraum hin oder her: das Urteil bestätigt das Vorgehen der Staatsanwältin - womit juristisch erwiesen ist, dass sie richtig gehandelt hat. Sowohl ihr als auch dem Landgericht ist dafür zu danken, dass die geltende Rechtslage nun endlich nicht mehr wie bisher einfach ignoriert werden kann.

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  • Schlagworte Beschneidung | Judentum | Islam | Gerichtsverfahren
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