Eine Liege, überzogen mit blauem Kunstleder, ein kleines Fenster an der Stirnseite, Vitrinen und Apparaturen: Das Behandlungszimmer in der Hausarztpraxis von Omar Kezze in der Kölner Innenstadt sieht aus wie Tausende andere Behandlungszimmer in der Republik. Eine arabische Kalligrafie an der Wand setzt einen Akzent, aber auch das ist ja nicht wirklich ungewöhnlich. Hier, an dieser Liege stehend, nahm Omar Kezze am 4. November 2010 eine Beschneidung bei einem vierjährigen muslimischen Jungen vor, nicht aus medizinischen, sondern aus religiösen Gründen. Ein Routineeingriff, wie er ihn schon unzählige Male vorgenommen hatte. Und genau hier nahm ein juristisches Verfahren seinen Anfang, das anderthalb Jahre später einen Schock für gleich zwei Religionsgemeinschaften nach sich ziehen würde. Am 7. Mai 2012 erklärte das Landgericht Köln Kezzes Routineeingriff an jenem Novembertag zu einer Körperverletzung – und stellte damit die uralte Praxis der Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen unter den Verdacht einer Straftat.

Seitdem diskutiert die Republik über das Urteil mit dem Aktenzeichen 151 Ns 169/11: Was wiegt schwerer, das Grundrecht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit oder die Freiheit der Religionsausübung der Eltern und ihr Sorgerecht? Was ist schlimmer: beschnitten zu werden – oder unter lauter beschnittenen Verwandten der einzige Unbeschnittene zu sein? Die Kölner Entscheidung ist eine Einzelfallentscheidung, nicht bindend für andere Gerichte. Aber sie hat eine Schockwelle unter Muslimen wie Juden in Deutschland ausgelöst. Sie empfinden den Richterspruch als Diskriminierung ihrer Religion. Ärzte klagen nun über mangelnde Rechtssicherheit. Schon wird vor heimlichen Beschneidungen gewarnt. Am (heutigen) Mittwoch wollen die Abgeordneten sich im Bundestag für eine Straffreiheit der Beschneidung einsetzen.

Die Folgen dieses Urteils stehen in einem bizarren Kontrast zu seiner Vorgeschichte. Dem Verfahren ging nicht etwa eine politische und juristische Debatte über Kinderschutz und Religionsfreiheit voraus, sondern eine Verkettung von Missverständnissen.

Omar Kezze ist ein freundlicher Mann mit Lachfalten und kurzen, grauen Stoppeln auf dem Kopf. »Ich habe viele Beschneidungen durchgeführt«, sagt der 62-Jährige, der aus dem syrischen Aleppo stammt und seinen Facharzt für Chirurgie in Deutschland gemacht hat. Etwa 250 Euro kostet der Eingriff bei ihm normalerweise, in muslimischen Internetforen wird er empfohlen.

Auch der Mutter des Vierjährigen, den er im November 2010 beschnitt, war Kezze empfohlen worden – von einer in Köln lebenden Bekannten. Die aus dem Irak stammende Familie lebt eigentlich in Ostdeutschland, für die Operation reisten Mutter und Sohn eigens an und kamen bei ihrer Kölner Freundin unter.

Die circa halbstündige Operation fand an einem Donnerstag statt, ambulant, ohne Probleme. Am selben Abend machte Kezze noch einen Hausbesuch, um die Wunde zu versorgen. Für den Samstag, also zwei Tage später, vereinbarte er einen weiteren Nachsorgetermin: um zehn Uhr in der Praxis.

Zwei Stunden vor diesem Termin setzte jedoch ein Drama ein, das viel mit der Mutter, aber wenig mit dem Jungen zu tun hat. Am Morgen um acht Uhr lief die Frau in einem Zustand, der in den Akten als »völlig verwirrt« beschrieben wird, auf die Straße und rief auf Arabisch anscheinend den Satz: »Mein Sohn blutet!« Es war wohl ein arabischer Nachbar, der sie hörte und die Polizei rief. Auch ein Rettungswagen kam. Die Gastgeberin der Familie rief Kezze an, damit er vermittle, aber dazu kam es nicht mehr, alles ging sehr schnell, Mutter und Sohn wurden in die Notaufnahme der Uni-Klinik gebracht.