Assessment-Center : Das Zitat... und Ihr Gewinn

Kevin Costner sagt: Ich bin nicht in der Lage, mein Auto zu reparieren. Obwohl ich Charaktere spiele, die das können.

Gong zur ersten Runde!

Das Assessment-Center (AC) ist eröffnet, fünf Uni-Abgänger, die sich bei dem Konzern beworben haben, diskutieren über die Frage: »Wie wichtig sind Unternehmen für unsere Gesellschaft?« Der Erste bejubelt den Unternehmergeist als Triebfeder des menschlichen Fortschritts, Motto: Ohne handwerkliche Leistungen wären wir nie von den Bäumen gekommen. Mit dem Satz »Wie sehen Sie das, Frau Kleinert?« spielt er den Ball an seine Nachbarin weiter, deren Namen er sich brav gemerkt hat. Frau Kleinert hebt hervor, wie bedeutend ein erfülltes Arbeitsleben für das Selbstwertgefühl des Individuums sei. Der nächste Bewerber, ganz Musterschüler, fasst die Argumente seiner Vorredner zusammen und fügt dann einen weiteren Aspekt hinzu: »Durch ihre Gewerbesteuer sind Firmen auch für Kommunen lebenswichtig...«

Jedes AC ist ein Schauspiel. Die Kandidaten sagen, was von ihnen erwartet wird. Wie Kevin Costner vor der Kamera so tut, als könnte er Autos reparieren, so tun die AC-Teilnehmer so, als brächten sie die gefragten Eigenschaften und Ansichten mit. Niemand wäre dumm genug, in einer solchen Gruppendiskussion seine wahre Meinung zu äußern – selbst wenn er viele Firmen für Schmarotzer hält, weil sie Fördergelder einsacken, Steuerschlupflöcher nutzen, die Umwelt in Geiselhaft nehmen und für noch mehr Gewinn Scharen von Mitarbeitern rauskegeln.

Alle fressen Kreide

Jeder Dauerredner reißt sich zusammen und gibt das Wort schnell weiter. Jeder Egoist geht fürsorglich auf seine Mitdiskutanten ein. Und jedes stille Wasser sprudelt beim Sprechen so eifrig wie ein geborener Redner.

Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher. In seinem aktuellen Ratgeber Sei einzig, nicht artig! fordert er den Leser auf, nichts mehr nur für andere zu tun, sondern alles für sich selbst.

Die Idee eines AC ist es, potenzielle Mitarbeiter oder Führungskräfte in einer realitätsnahen Situation zu beobachten, etwa in einer thematisch festgelegten Gruppendiskussion, und daraus Schlüsse auf ihr Verhalten im Beruf zu ziehen. Doch ich fürchte: Im AC werden nicht die besten Mitarbeiter, sondern die besten Schauspieler entdeckt. Alle fressen Kreide, spielen Rollen. Die meisten AC werden zudem schlampig durchgeführt, oberflächlich ausgewertet und kranken an dem unheilbaren Mangel, dass die Anforderungen der zu besetzenden Stellen nur unscharf definiert sind.

Eine Personalauswahl mit gesundem Menschenverstand bringt mehr. Es sei denn, ein Theater sucht neue Schauspieler. Dann sei das AC dringend empfohlen. Vielleicht wird ein neuer Kevin Costner entdeckt.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Es wäre wirklich sinnvoll...

....dieses Thema auch in Zukunft aufzugreifen.
Die seit Jahren suggerierte Notwendigkeit von AC muss zur Disposition gestellt werden.
Kurz: AC sind überflüssig.

Ein bisschen gesunder Menschenverstand und ein paar wenige, geschickt gestellte Fragen, und schon sollte die Firma nach 10 Minuten Klarheit haben, ob der Kandidat passt oder nicht.
Anderfalls hat der Personaler seinen Job verfehlt.
Das stundenlange Grillen von Kandidaten im AC täuscht nur eine vermeintliche Professionalität und Wichtigkeit von Unternehmen vor.

Zu einseitige und zu oberflächliche Sichtweise

Ich stimme dem Artikel nicht zu. Er ist mindestens so oberflächlich, wie die Assessment Center, die er kritisiert. Denn zuerst einmal würde ich erwarten, dass der eigentliche Sinn eines AC erklärt wird.
Täte Herr Wehrle dies würde er merken, dass das Problem nicht die Idee des AC an sich ist, sondern rein die Weise, wie diese oft durchgeführt werden.
Denn die Idee des AC fußt auf der Tatsache, dass wir alle unseren echten Charakter und dessen Grenzen nur dann zeigen, wenn wir gestresst sind. Also wird mit dem AC eine Streßsituation erzeugt, wobei es unbedingt notwendig ist, dass echte Psychologen die Situation beobachten und nicht Hobbypsychologen. Denn die ersteren können in der Art des Schauspiels den Charakter im Hintergrund erkennen, was der Bewerber wirklich beabsichtigt, ob er einer ist, der sich in jeder Situation einschleimen kann, ob er Charakter hat, konstruktiv ist oder einfach immer operative Hektik an den Tag legt so in der Art "wer viel macht hat recht, egal was er macht".
Gut organisierte AC können daher durchaus etwas über Bewerber herausfinden, auch wenn diese schauspielern, umso mehr, da auch im täglichen Arbeitsleben Schauspiel an der Tagesordnung liegt. Es ist die Art des Schauspiels, welche für gute Psychologen viel sagt.

ACs sind super!

Oft ist das AC die einzige Möglichkeit als Durchschnittsabsolvent über die Superstreber (denen es oft an Persönlichkeit fehlt) zu triumphieren.

Und soweit ich weiß, stellen Unternehmen immer noch Menschen ein und keine Zeugnisse. Was bringt mir der 1,0 Absolvent, wenn er nicht fähig ist sich zu artikulieren oder vor einer Gruppe zu sprechen? Das Leben und die Wirtschaft besteht doch zur Hälfte nur aus Schauspielern und Rollen. Das mag nicht für den stummen IT'ler gelten, aber bei Jobs mit Kunden- oder Lieferantenkontakt ist die Persönlichkeit und die Ausdrucksfähigkeit tausend mal wichtiger als die Noten.