Gong zur ersten Runde!

Das Assessment-Center (AC) ist eröffnet, fünf Uni-Abgänger, die sich bei dem Konzern beworben haben, diskutieren über die Frage: »Wie wichtig sind Unternehmen für unsere Gesellschaft?« Der Erste bejubelt den Unternehmergeist als Triebfeder des menschlichen Fortschritts, Motto: Ohne handwerkliche Leistungen wären wir nie von den Bäumen gekommen. Mit dem Satz »Wie sehen Sie das, Frau Kleinert?« spielt er den Ball an seine Nachbarin weiter, deren Namen er sich brav gemerkt hat. Frau Kleinert hebt hervor, wie bedeutend ein erfülltes Arbeitsleben für das Selbstwertgefühl des Individuums sei. Der nächste Bewerber, ganz Musterschüler, fasst die Argumente seiner Vorredner zusammen und fügt dann einen weiteren Aspekt hinzu: »Durch ihre Gewerbesteuer sind Firmen auch für Kommunen lebenswichtig...«

Jedes AC ist ein Schauspiel. Die Kandidaten sagen, was von ihnen erwartet wird. Wie Kevin Costner vor der Kamera so tut, als könnte er Autos reparieren, so tun die AC-Teilnehmer so, als brächten sie die gefragten Eigenschaften und Ansichten mit. Niemand wäre dumm genug, in einer solchen Gruppendiskussion seine wahre Meinung zu äußern – selbst wenn er viele Firmen für Schmarotzer hält, weil sie Fördergelder einsacken, Steuerschlupflöcher nutzen, die Umwelt in Geiselhaft nehmen und für noch mehr Gewinn Scharen von Mitarbeitern rauskegeln.

Alle fressen Kreide

Jeder Dauerredner reißt sich zusammen und gibt das Wort schnell weiter. Jeder Egoist geht fürsorglich auf seine Mitdiskutanten ein. Und jedes stille Wasser sprudelt beim Sprechen so eifrig wie ein geborener Redner.

Die Idee eines AC ist es, potenzielle Mitarbeiter oder Führungskräfte in einer realitätsnahen Situation zu beobachten, etwa in einer thematisch festgelegten Gruppendiskussion, und daraus Schlüsse auf ihr Verhalten im Beruf zu ziehen. Doch ich fürchte: Im AC werden nicht die besten Mitarbeiter, sondern die besten Schauspieler entdeckt. Alle fressen Kreide, spielen Rollen. Die meisten AC werden zudem schlampig durchgeführt, oberflächlich ausgewertet und kranken an dem unheilbaren Mangel, dass die Anforderungen der zu besetzenden Stellen nur unscharf definiert sind.

Eine Personalauswahl mit gesundem Menschenverstand bringt mehr. Es sei denn, ein Theater sucht neue Schauspieler. Dann sei das AC dringend empfohlen. Vielleicht wird ein neuer Kevin Costner entdeckt.