DebatteSind Rankings sinnvoll?

Mit seiner Kritik am CHE-Hochschulranking hat der Fachverband der Soziologen eine Debatte entfacht. Schadet der Leistungsvergleich oder nützt er? Ein Pro und Contra von Stephan Lessenich und Frank Ziegele

Sind Rankings sinnvoll? Diese Frage stellt sich auch die ZEIT immer wieder – und bejaht sie. Einmal im Jahr erscheint das neue Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) als Teil des ZEIT-Studienführers.

Nun hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie den soziologischen Instituten an deutschen Universitäten empfohlen, sich nicht mehr an dem Ranking zu beteiligen. Der Soziologe Stephan Lessenich erklärt, warum. Ihm entgegnet der CHE-Chef Frank Ziegele

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Nein!

Das gesellschaftspolitische Gestaltungsprinzip der Gegenwart heißt Wettbewerb. Auch wo es die öffentliche Hand ist, die Güter und Leistungen produziert, hat dieses Prinzip in den vergangenen Jahren verstärkt Einzug gehalten. Eine der Triebfedern der Inszenierung von Wettbewerb im Bildungswesen ist das regelmäßig vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) durchgeführte Hochschulranking, das durch die Publikation in der ZEIT beziehungsweise im ZEIT-Studienführer ebenso regelmäßig öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) hat den soziologischen Instituten an deutschen Universitäten nunmehr empfohlen, sich an der Datenerhebung zu diesem Ranking nicht länger zu beteiligen. Warum?

Nach Auffassung der DGS kann das CHE Ranking den selbst erklärten Zweck, eine verlässliche Entscheidungshilfe für Studieninteressierte zu liefern, nicht erfüllen. Das hat insbesondere zwei Gründe: Zum einen gehen für die Studienqualität wesentliche Faktoren – von den jeweiligen Betreuungsrelationen über die inhaltlichen Schwerpunktbildungen und die faktischen Bemühungen um die Verknüpfung von Forschung und Lehre bis hin zur Funktionsfähigkeit von Prüfungsämtern – nicht in die Bewertung der Studienorte mit ein; zum anderen weist die für diese Bewertung maßgebliche Studierendenbefragung erhebliche methodische Schwächen auf, allen voran die ungeklärte Selektivität der Befragten.

Im Ergebnis werden ebenso unzureichende wie irreführende Aussagen über die vermeintliche Qualität soziologischer Ausbildung gemacht – und dabei komplexe soziale Gebilde (und nichts anderes sind die lokalen Lehr- und Lernzusammenhänge) auf einen einfachen, scheineindeutigen Nenner gebracht. Drei Punkte, so die schlichte Ampelsymbollogik des Studienführers, braucht der/die Studierende: grün, gelb, blau – fertig ist die Studienortwahl.

Als Orientierungshilfe für Studierende von zweifelhaftem Wert

Die Soziologie will nicht länger an einer Erhebungspraxis mitwirken, die sie aus fachlichen Gründen ablehnen muss und die als Orientierungshilfe für Studierende von durchaus zweifelhaftem Wert ist. Ebenso schwer als Begründung der nunmehr ergriffenen Initiative wiegt für die Fachgesellschaft aber auch ein wissenschaftspolitisches Argument: Während Studieninteressierte im CHE Ranking vergeblich nach belastbaren Qualitätshinweisen für ihre bildungsbiografischen Entscheidungen suchen, findet dieses seine faktischen Adressaten in bildungspolitischen Entscheidungsträgern auf der Ebene von Hochschulleitungen und Ministerialbürokratien. Was läge für die entsprechenden Akteure näher, als das Angebot zur Güte aus Gütersloh anzunehmen und die auf einen Blick eingängige Ranggruppenpositionierung »ihrer« Institute für bare Münze zu nehmen – sprich ein »gutes« oder »schlechtes« Abschneiden wahlweise zu honorieren oder zu sanktionieren?

Wer den an den Universitäten herrschenden Leistungs(indikatoren)druck kennt, der weiß, wozu Rankings gut sein können. Wer sich trotzdem offensiv dazu bekennt, kein bloßes Studieninformations-, sondern ein veritables Hochschulbewertungssystem sein zu wollen, der weiß, was er tut.

Gern nimmt das CHE für sich in Anspruch, mit seiner Bewertungs- und Reihungspraxis nicht mehr und anderes zu tun, als die ohnehin bestehenden Differenzen zwischen den einzelnen universitären »Standorten« transparent zu machen: das Ranking als Abbild der Realität.

Das Ranking konstruiert Leistungsunterschiede

Aus soziologischer Perspektive ist an solch argloser Dienstleistungsattitüde zu zweifeln. Vieles spricht hingegen dafür, dass das CHE Ranking jene Qualitätsdifferenz selbst erst konstruiert und damit die Leistungsunterschiede, die es zu erheben vorgibt, tatsächlich mitproduziert. Was hier, auf fragwürdiger empirischer Basis, zu einem Ort »guter« oder »schlechter« Ausbildung erklärt wird, entwickelt sich womöglich auf lange Sicht auch realiter zu einem solchen – vermittelt über rankinginduzierte Strukturentscheidungen der Hochschulpolitik und die medial gelenkten Präferenzbildungen der Studierenden. Am Ende offenbart sich dann jene zwischen »Masse« und »Klasse«, »Provinz« und »Exzellenz« gespaltene Hochschullandschaft, deren Entwicklung gerne der unsichtbaren Hand des Qualitätswettbewerbs und den vielen Wahlentscheidungen rationaler Einzelner zugeschrieben wird – und doch alle Merkmale einer Selffulfilling Prophecy aufweist.

In Form und Inhalt, vorder- wie hintergründiger Logik schließt das CHE Ranking an den Wissensmodus der Gegenwart an und speist ihn mit ins Bildungswesen ein: jedes gesellschaftliche Feld ein Ort des Wettbewerbs um Positionen, jede Institution ein Konkurrent um knappe Ressourcen, jeder Akteur ein Sender und Empfänger von Marktsignalen.

Aufgabe der Soziologie ist es, diesen Wissensmodus wissenschaftlich zu beobachten – nicht hingegen, ihn institutionell zu reproduzieren. Das mag den einen oder anderen stören; für das Fach ist solch irritierende Praxis im strengen Sinne selbstverständlich.

Leserkommentare
  1. investieren auch in HochschulRankings. Doch ist den Lesern schon einmal aufgefallen, dass das angebliche "Kuschelfach" Philosophie nicht aufgeführt wird? All jene die an Rankings "glauben" sollten sich mal dieser Frage intensiv widtmen und mit dieser neuen Perspektive erneut über die Rankings im Allgemeinen zuwenden. Sie werden mind. zwei Sachverhalte feststellen: 1. Philosophie (ernsthaft betrieben) ist kein "Kuschelfach" und 2. Rankings sagen soviel aus, wie die Intension der Verfasser zulässt.

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    Lassen Sie mich raten: Sie studieren Philosophie an einer Uni die noch in jedem Ranking die rote Laterne mitgenommen hat und wollen nun Ihre Sorge, dass Sie mit Ihrer Studienfach-Uni-Kombination keinen Arbeitsplatz finden werden, hier thematisieren?

    • Sven88
    • 20. Juli 2012 19:18 Uhr

    Wie in dem Artikel kritisiert wird, werden Forschungsschwerpunkte u.a. nicht mit eingerechnet. Dabei ist grade das etwas, was die Unis unterscheidet.
    Mein Hauptgrund für die Wahl war die Möglichkeit der Vertiefung zu wählen, für die ich Interesse hatte.
    So kann ich das machen, wozu ich Lust habe. Das bringt doch persönlich mehr, als in der "besten" HS zu studieren.
    Und auch wenn die Uni vielleicht nicht immer perfekt ausgestattet ist oder etwas organisatorisch falsch läuft, so sind doch die Professoren, die ich kennengelernt habe sehr kompetent und können einem ihre Forschung schön entgegen bringen.

    2 Leserempfehlungen
    • Fokobu
    • 20. Juli 2012 20:12 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/ls

  2. 4. Genau.

    Die Kritik "meines" Verbands kann ich so unterschreiben, die DGS hat absolut recht. Warum das aus meiner Sicht so ist, kann in etlichen Kritiken nachgelesen werden, die es seit Jahren zu den Rankings gibt. Um ehrlich zu sein hängt mir das Thema mittlerweile derart zum Hals raus, dass ich keine Lust mehr habe, es immer wieder zu diskutieren. Deshalb schenke ich mir das zumindest an dieser Stelle.

    Dass das CHE hier jedwede Kritk von sich weist wird wohl auch niemanden überraschen...

    Eine Leserempfehlung
  3. der sein Studium mit ernsthaftem fachwissenschaftlichen Interesse studiert hat, ist früher oder später zu der Erkenntnis gekommen, dass ja eh alles anders gelaufen ist, als man sich das vorgestellt hat und das, worauf es ankam oder wo es gehakt hat nicht im Vornherein hätte wissen können. Und was sich erst recht nicht in Rankings niederschlägt. Aber das wurde alles millionenfach durchgekaut und ich kann die Resignation meines Vorredners verstehen. Auch wenn ich die Position der DGS nicht in allen Details teile wünsche ich ihr bei der weiteren Diskussion gute Nerven. Die Argumente des CHE-Mannes im bekannten Bertelsmann-Duktus sprechen jedenfalls für sich ;)

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  4. Lassen Sie mich raten: Sie studieren Philosophie an einer Uni die noch in jedem Ranking die rote Laterne mitgenommen hat und wollen nun Ihre Sorge, dass Sie mit Ihrer Studienfach-Uni-Kombination keinen Arbeitsplatz finden werden, hier thematisieren?

    Antwort auf ""Die Bertelsmanns""
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    Das hat er doch erklärt. Philosophie kommt im CHE-Ranking nicht vor. Wenn ich mich recht entsinne wurden früher sogar fast nur Fächer wie Maschinenbau, Jura, Mathem. und Physik bewertet.

    Wenn sie sich das CHE-Ranking mal angesehen hätten, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass die einzelnen Fächer einer Uni üblicherweise sehr unterschiedlich bewertet werden.
    Da Philosophie gar nicht bewertet wird, würden rote Ampeln über sein Studienfach also überhaupt nichts aussagen.

    Ihr Kommentar ist einfach nur daneben und verweist auf die Eindimensionalität ihres Denkens, die sie offenbar auch allen anderen Menschen unterstellen.

    Es ist schade, dass Sie Ihr Unwissen über den von mir aufgezeigten Zusammenhang unreflektiert auf persönliche Motive reduzieren, damit entgeht Ihnen die wesentliche Intension. Aber ich helfe Ihnen gedanklich gern weiter. In den mehrheitlichen Rankings wird Philosophie nicht aufgeführt, weil einige Fakultäten sich einer quanitativer Bestimmung verweigern. Der Gehalt der Reflexions- und Urteilsfähigkeit (der im Studium ja als ein zentrales Moment beschrieben wird) kann in keine ökonomisch verwertbare Statistik gepresst werden. Doch in "modernen Zeiten" muss mehrheitlich quantifiziert werden, damit für eine Wettbewerbsmentalität eine Orientierung vorspielt werden kann. Sie dient primär jenem, der sie erstellt. Diese Rankings sind aber nur mittels Reflexions- und Urteilsfähigkeit überhaupt erst zu verstehen/bewerten. Denn eine wesentliche Frage lautet dabei: "Was bedeutet das Ranking für MICH?" Die Rankings vermitteln v.a. Studienanfänger eine scheinbare Orientierung, die Illusion steckt in der Reflexion dieser Ranking. Die Zahlen vermitteln die Illusion, die der Leser hineininterpretiert. Ob dieser jedoch im gewählten Studiengang, gar an der gewählten Hochschule sich selbst zur Blüte entwickeln kann, kann damit nicht ausgesagt werden. Denn er muss hierzu etwas zum Verständnis dessen voraussetzen, was er erst durch die Tätigkeit selbst erfährt! Ranking kommen dem menschlichen Bedürfnis nach Orientierung nach. Den Geldgebern sichern sie gewisses Prestige und Einfluss.

  5. Unbestreitbar ist, dass die Qualität der Erhebungsmethoden und das daraus auch aspektorientierte Ranking in ihrer Aussagekraft zu wünschen übrig lassen. Gleichwohl wäre ein qualitativ verbessertes, nach Indikatoren weitgehender als bisher differenzierendes Ranking durchaus ein begrüßenswertes Unterfangen, da es Studierwilligen die Möglichkeit eines Leistungsvergleichs ermöglichte.

    Nein, ich bin nicht im Club 'Zur roten Laterne' (gewesen) - im Gegenteil!

    Eine Leserempfehlung
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    das daraus abgeleitete, aspektorientierte ...

  6. 8. Edit:

    das daraus abgeleitete, aspektorientierte ...

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