Dorian Hehn quetscht sich auf den schmalen Holzsitz der ersten Reihe. Nur hier sind überhaupt noch Plätze frei in dem überfüllten Hörsaal. Die Luft ist zum Schneiden, alle reden laut durcheinander – ein typischer Tag an einer deutschen Uni. Aber Dorian möchte ja auch ein ganz normaler Student sein. Obwohl er eigentlich erst 15 Jahre alt ist und in die zehnte Klasse geht. Die Universität Hamburg ist eine von rund 50 Hochschulen, an der besonders begabte Jugendliche bereits vor dem Abitur studieren können. Die einen fühlen sich an ihrer Schule restlos unterfordert, andere schnuppern einfach schon mal rein in den Alltag zwischen Seminar, Mensa und Bibliothek.

»Versteh ich gar nicht«, brummt Dorian, der im zweiten Semester Jura studiert. »Warum findet die Vorlesung nicht nebenan statt? Da ist viel mehr Platz.« Der Teenager kennt sich schon gut aus. Heute gibt Professor Reinhard Merkel eine Einführung ins Strafrecht. Dorian schreibt emsig mit, klebt sorgsam kleine Post-its in relevante Seiten seines neu erworbenen Strafgesetzbuches im Taschenbuchformat.

An der Uni Hamburg studieren derzeit 34 sogenannte Juniorstudenten, das Programm besteht seit 2006. Viele von ihnen machen sogar Scheine. Die können sie sich bei einem späteren Studium anrechnen lassen. Laut der Deutschen Telekom Stiftung, die Frühstudierenden-Programme an den meisten Hochschulen fördert, nehmen bundesweit rund 1700 Gymnasiasten und Gesamtschüler teil, Tendenz steigend. Nach welchen Kriterien sie ausgewählt werden, entscheidet die jeweilige Universität.

In Hamburg müssen die Schulzeugnisse eingereicht werden, außerdem ein Empfehlungsschreiben des Schulleiters, das ein Frühstudium befürwortet und dafür gegebenenfalls auch eine Befreiung vom Unterricht gestattet. »In Mathematik und den Naturwissenschaften ist eine herausragende Begabung oft besonders sichtbar«, sagt Amrei Scheller, Koordinatorin des Juniorstudiums. »Die Schüler empfinden es als quälend, zu wenig geistiges Futter zu bekommen.«

Wie etwa Yannick Ulrich, der in Hamburg im zweiten Semester Physik studiert. Er ist heilfroh, endlich mal richtig gefordert zu werden. »Ich habe mich schon immer ziemlich gelangweilt beim Physikunterricht in der Schule«, sagt der Elftklässler, der bereits einen Schein in der Tasche hat und hofft, vielleicht sogar beim späteren Studium ein Jahr einsparen zu können. Die Doppelbelastung nimmt er gern auf sich. »Es ist schon mal hart, besonders wenn ich viele Hausaufgaben habe und auch noch für die Uni lernen muss. Aber das ist es mir wert.« Der 15-Jährige weiß jetzt schon, dass er irgendwann einmal in der Forschung arbeiten möchte.

Längst nicht jeder will später auch in dem gleichen Feld weiterstudieren. So wie Dorian Hehn. Der möchte nicht Anwalt, sondern lieber Journalist werden. »Vorwissen in bürgerlichem Recht oder Vertragsrecht kann ich da sicher gut brauchen«, sagt er. Auch in seiner heutigen Strafrecht-Vorlesung spitzt er die Ohren. Und nickt anerkennend. »Der Prof ist viel besser als mein letzter. Da war der Informationsgehalt gleich null.«

Als erste Hochschule bot im Wintersemester 2000/01 die Uni Köln das Schülerstudium an, zunächst nur in den sogenannten Mint-Fächern (Mathe, Ingenieur- und Naturwissenschaften und Technik), später auch in Geisteswissenschaften. Heute ist das Angebot an vielen deutschen Universitäten fest etabliert. Und was anfangs nur Oberstufenschülern vorbehalten war, ist jetzt sogar oftmals von der achten Klasse an möglich. Das Studium aufnehmen dürfen nicht nur Schüler, denen eine Hochbegabung attestiert wird, sondern auch leistungsstarke mit ausgeprägtem »Lernhunger«. Meist werden sie von den Schulen empfohlen, viele machen sich mit ihrem Wissensdrang aber auch selbst auf die Suche – und werden auf vielen Uni-Websites fündig. Sie besuchen Vorlesungen und Seminare, für die schon mal die eine oder andere Unterrichtsstunde ausfallen darf. Vorausgesetzt, die Schulleistungen verschlechtern sich nicht. Scheine zu machen ist nicht Pflicht, auch kann jederzeit abgebrochen werden ohne Konsequenzen für ein späteres Studium. Studiengebühren bezahlen die Jugendlichen nicht.