DIE ZEIT: Herr Professor Casper, viele amerikanische Universitäten drängeln sich in den Top Hundert der Welt – doch eine Flut von Büchern beschäftigt sich mit der kaputten Hochschule. Sie haben in Freiburg promoviert und waren acht Jahre Präsident der Stanford-Universität. Wissen Sie, was los ist mit der Uni? Und was macht sie falsch?

Gerhard Casper: Das Wichtigste scheint mir, dass die deutsche Universität heute vieles besser macht, als sie das vor 15, 20 Jahren tat. Die Universitätsreform hat in Deutschland in der Tat Fuß gefasst. Damit meine ich vor allem die Art, wie Universitäten geleitet werden, wie sie Autonomie gegenüber dem Staat gewonnen haben, wie sie unabhängig geworden sind von den Kultusministerien, meistens ihre eigenen Berufungen vornehmen. Die Bologna-Reformen haben sogar einige Verbesserungen der Lehrpläne gebracht, allerdings ohne wirklich Neues zu schaffen.

ZEIT: Der sogenannte Bologna-Prozess sollte die Studienabschlüsse innerhalb Europas besser vergleichbar machen, um die Mobilität der Studenten zu erhöhen. Was ist das Problem?

Casper: Das dreijährige Bachelormodell in den Bologna-Ländern spiegelt die typische europäische Spezialisierung wider.

ZEIT: Was ist schlecht daran?

Casper: Was an der europäischen Universität fragwürdig war – nämlich die totale Spezialisierung aller Studenten, sowohl in England wie auf dem Kontinent, unmittelbar nach dem Schulabschluss –, das ist beibehalten worden. Außerdem offerierte Bologna die große Chance, nach dem Bachelorstudium die begabteren und geeigneteren Studenten für Master und Promotion auszuwählen. Ich fürchte indes, dass die Chance, auszuwählen, nicht wahrgenommen worden ist. Stattdessen studiert eine große Zahl der Studenten dann in Masterprogrammen einfach weiter.

ZEIT: Warum wurde diese Chance vertan?

Casper: Weil die meisten Universitäten die große Last der Auswahl nicht auf sich nehmen wollen. Das war schon immer das Problem der deutschen und auch mancher anderer Universitäten, dass man nicht zu sehr differenzieren will zwischen den sehr begabten Studenten und den anderen.

ZEIT: Nach den Studium-generale-Jahren spezialisieren sich die amerikanischen Studenten ja auch schon früh auf praktische Fächer, etwa Gender oder Business Studies, wenn auch die professionelle Spezialisierung etwa in Jura oder Medizin erst nach dem Bachelor einsetzt. Das Streben nach Wahrheit ist doch längst für die meisten nicht der Hauptzweck der Universität.

Casper: Die überwältigende Mehrheit derjenigen, die aus der High School in die Colleges drängen, will am Ende einen Job haben und spezialisiert sich ähnlich wie die Europäer. Schon immer, das sollten wir nicht vergessen, gingen die meisten Leute auf Universitäten, weil sie Jobs haben wollten. Einst gingen Studenten aus ganz Europa in großer Zahl nach Bologna, um Jura zu studieren, um anschließend bei den verschiedenen Fürsten Anstellungen zu finden. Auch nach Paris, wo das Trivium (Grammatik, Logik, Rhetorik, d.Red.) gelehrt wurde, ging man nicht nur der Gelehrsamkeit wegen, sondern um anschließend an den Höfen Jobs zu bekommen. Wir müssen da sehr vorsichtig sein: Idealerweise sind Universitäten der Erforschung der Wahrheit und der Vermehrung des Wissens verhaftet – das gilt auch für die Studenten. Aber realistisch betrachtet, wollen die meisten Studenten natürlich vor allem Jobs haben.