Zweiter VillmergerkriegDer Vater aller Dinge

Ein Schlüsselereignis der Schweizer Geschichte war der Zweite Villmergerkrieg im Aargau. 300 Jahre nach dem Ereignis spielt ein wunderbares Laientheater die große Schlacht nach. von Giorgio Girardet

Der Schweiz blutend Herz liegt im Freiamt. Im heutigen Kanton Aargau. Am 25. Juli 1712 trafen auf dem Langelenfeld bei Villmergen die Kompanien der stolzen reformierten Stadtrepublik Bern auf die aufgebrachten Kontingente der um ihre religiöse Identität fürchtenden Bauern aus der katholischen Innerschweiz. In sechs Stunden Schlacht fanden 4.000 Männer im Zweiten Villmergerkrieg den Tod: 3.000 Katholiken und 1.000 Reformierte. Abends um sechs Uhr flohen die Innerschweizer, von Berner Dragonern verfolgt.

Die Niederlage der Katholiken besiegelte das Ende ihrer politischen Hegemonie. Fortan wurde in der Eidgenossenschaft die Macht zwischen den Konfessionen aufgeteilt. Und als es 1847 erneut zum Bruderkrieg kam, wusste man schon um die relativen Kampfstärken der zwei Kulturen. Darum konnte der Genfer General Dufour im Sonderbundskrieg die konservative Innerschweiz mit barmherziger Umsicht und fast unblutig in die Knie kartätschen, um dem Bundesstaat von 1848 den Weg zu ebnen.

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Doch wer weiß heute noch um solche Zusammenhänge?

Darum auf nach Hilfikon, wo das erste Mal die vereinigten Laienspielgruppen des Freiamts Einblicke in das große Landschaftstheater zum Schlachtjubiläum geben. Mit Chrüüz und Fahne heißt es. Im Freiamt liegt nicht nur die Familiengruft des europäischen Herrscherhauses der Habsburger – in der Benediktinerabtei Muri. Hier schaukelte auch, mit dem unvollständig erhaltenen Osterspiel von Muri, die Wiege christlicher Theaterkunst in Europa am heftigsten.

Das Laienspiel ist Welttheater und unterhaltende Belehrung

Schul- und Gemeindehaus sind seit Wochen die Operationsbasen der Spielleute. Im Schulhaus liegen die Theaterbeiz und die Rüstkammern mit Piken, Langspießen, Appenzeller Seitengewehren, Hellebarden und Theaterleichen. Überall Schminke, Kostüme, süße Theaterluft.

Trotz des epischen Landregens kommen sie dem Reporter auf dem Weg zum Schloss vergnügt entgegen, die Spielleute vom ersten kostümierten Einsatz vor Publikum. Da sind etwa Bernarda, die katholische Wetterfee aus der Spielszene »Tagesschau«, Hans-Ueli, der reformierte Moderator, wie auch Prof. Dr. theol. & Dr. math. Mauritius, der Strategie-Experte. Und Saxofon, Klarinette, Tambouren marschieren scherzend unter Plastikpelerinen und Regenschirmen. Beste Infotainment-Parodie unter gepuderten Perücken.

Aber dann folgt im üppigen Barock der Schlosskapelle unvermittelt heftig das erste Wortgefecht. Von der Kanzel donnert gestikulierend der reformierte bärtige Theologe in Talar und Beffchen, während vor dem Chorgestühl ein beleibter Kapuzinermönch mit Tonsur und in brauner Kutte heftig fuchtelnd Kontra gibt. Dazwischen unter dem Altar mit vergoldetem Kruzifix der schwarze Chor ergebener Klageweiber, die a cappella Der Herr erbarme sich und ähnlich fromme Zeilen zwischen die Wortgranaten der beiden geistlichen Gockel flechten. Da und dort sind sie sich im Grundsätzlichen gar einig, doch letztlich soll der Allmächtige, das Schlachtenglück entscheiden. Der Protestant verlässt türknallend den heiligen Raum. Applaus der Gäste brandet in die Stille.

In einem Kellergewölbe wohnen wir einem Treffen von reformierten und katholischen Landfrauen bei. Sie beraten im klandestinen Laternenschein, was sie noch tun könnten, um den unsinnigen, drohenden Waffengang ihrer Männer abzuwenden. Denn die Helden kämen meist verstümmelt und unbrauchbar aus der Schlacht – wenn überhaupt. Männer hätten halt ein anderes Hirn, ja vielleicht gar eine andere Seele. Auch ein Sexstreik wird erwogen, aber schließlich einigt man sich auf die kluge Gestaltung der Nachkriegszeit mit einer Milchsuppe.

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