War da mal was mit europäischer Außenpolitik? Man muss schon lange grübeln, um sich an EU-Gipfel zu erinnern, auf denen sich die Staatschefs zum letzten Mal ernsthaft mit Fragen jenseits der Euro-Krise beschäftigt haben. Das hat einen Preis. Wahrscheinlich wird Europa erst dann, wenn diese Krise eingedämmt ist, merken, wie viel mehr als bloß Geld die letzten Jahre den Staatenbund gekostet haben.

Internationaler Einfluss, gerade der einer soft power wie Europa, muss gepflegt werden. Es braucht dazu politische Energie, Berechenbarkeit, Glaubwürdigkeit und, notfalls, handfeste Entschlossenheit. All diese Faktoren sind durch die Euro-Krise gründlich geschwächt worden, und zwar zu einer Zeit, in der Amerika den atlantischen Schulterschluss lockert und sich dem Pazifik zuwendet.

Abgesehen von der schieren Arbeitszeit, die die Euro-Krise seit drei Jahren bei jedem EU-Treffen absorbiert, traf ihr Ausbruch zusammen mit einer protokollarischen Neuregelung durch den Lissabon-Vertrag: Die Außenminister sind nicht mehr, wie früher, bei den Brüsseler Gipfeln der Staatschefs dabei. Gerade jetzt, da die Außenpolitik starke Anwälte brauchte, spielen deren Vertreter auf der Chefebene nicht mehr mit. Im Europäischen Rat, warnte unlängst der finnische Außenminister Erkki Tuomioja, mache sich schon merklich Vereinzelung breit: Viele Mitgliedsstaaten seien dazu übergegangen, die EU nur dann zu nutzen, wenn es ihren unmittelbaren Interessen diene. "Ohne gemeinsame Positionen können wir aber nicht erwarten, dass andere auf der Welt uns als Partner ernst nehmen, und wir werden sicher auch nicht in der Lage sein, Ereignisse zu beeinflussen."

Ein aktueller Beleg für diese These ist Syrien. Britische Diplomaten ließen durchsickern, London und Washington erwägten, den Diktator Baschar al-Assad durch Straffreiheit und Exil aus dem Amt zu locken. Sieht so ein abgestimmtes europäisches Vorgehen aus? Und: Wie gedenkt Europa eigentlich zu reagieren, sollte Assad doch noch stürzen? Ein Aktivist der syrischen Opposition warnte vor drei Wochen das Europäische Parlament, das Regime in Damaskus "könnte auf eine Art verschwinden, die Sie alle überrascht". Will Europa dann einfach zuschauen, wie sich der multiethnische Staat in einen zweiten Irak verwandelt?

Überhaupt wäre Europa im gesamten arabischen Revolutionsbogen entlang des Mittelmeeres gefordert. Kommt die Region wirtschaftlich nicht auf die Beine, drohen Radikalisierung und anhaltende Instabilität. Natürlich wird niemand Marshallpläne für Nordafrika entwerfen, wenn das noch nicht einmal für Griechenland gelingt. Das vergleichsweise wenige Geld aber, das Europa gebe, werde nicht einmal an politische Bedingungen geknüpft, kritisiert die grüne EU-Abgeordnete Franziska Brantner. "Ägypten droht Ende des Jahres der Staatsbankrott, und die EU bietet 500 Millionen Euro Hilfe. Dafür könnte man schon erwarten, dass politische Gefangene freikommen. Aber dafür fehlt in Brüssel schlicht die Ambition." Ebenso wenig habe sich irgendetwas getan, um dem Maghreb durch Freihandelsabkommen oder Reiseerleichterungen Entwicklungsperspektiven zu bieten, klagt der EU-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff. In der nördlichen Sahelzone, warnt der Liberale, entstehe durch den wachsenden Einfluss von Islamisten gerade "ein neues Afghanistan". Es sei ein dringendes europäisches Interesse, das zu verhindern. "Bloß, dafür interessiert sich keine Sau. Genauso wenig wie für Afghanistan vor dem Jahr 2001."

Zudem richtet die Euro-Krise auch ideell Schäden an. Bisher glaubte Europa, seine größte Stärke sei es, durch Überzeugungskraft zu wirken: dadurch, dass andere Weltregionen sein Integrationsmodell bewundern und übernehmen. Tatsächlich schauten Staatenbünde wie der lateinamerikanische Mercosur, der arabische Golfkooperationsrat oder die asiatische Asean in der Vergangenheit wissbegierig bis neidisch auf das Staatenmanagement der Europäer. Heute, da die Fehlkonstruktionen der EU gnadenlos offenliegen, erscheinen Brüsseler Baupläne nicht mehr ganz so attraktiv.

Zuletzt hat die Euro-Krise auch einen psychologischen Effekt. Finanzschwäche wird, in der Geopolitik wie im wahren Leben, als Gesamtschwäche wahrgenommen; als Ergebnis von falschen Weichenstellungen, Unzuverlässigkeit und Fehlurteilen. "Egal, mit wem ich im vergangenen Jahr Gespräche geführt habe, mit Chinesen, Indern, einfach jedem, die Botschaft war immer dieselbe", erklärte vor Kurzem Fiona Hill, die Leiterin des Europa-Programms des amerikanischen Brookings Institute: "Europa kann man nicht mehr trauen. Es scheint sich von einem Hort der Stabilität zu einem Herd von Instabilität zu entwickeln." Das mag übertrieben erscheinen. Aber lässt sich ausschließen, dass die Euro-Krise der Beginn einer größeren Desintegrationsbewegung ist? In Großbritannien tobt längst die Debatte darüber, die Union ganz und gar zu verlassen.

Es reicht schon für einen Einflussverlust, dass der Rest der Welt Europa als selbstzentriert und zerstritten wahrnimmt. Denn was zählt in der Politik, sind Wahrnehmungen. In der Vergangenheit hat Europa bisweilen von einer etwas zu optimistischen Außenwahrnehmung profitiert. Jetzt droht das Gegenteil.