Schatzbriefe: Behaltet euer Kleingeld!
Bundesschatzbriefe gibt der Bund bald nicht mehr aus und treibt die deutschen Privatsparer in die Fänge der Finanzindustrie.
Schildkröten leben lange, sie werden 100, manche sogar 200 Jahre alt. Sie bevölkerten die Erde schon, bevor es Dinosaurier gab. Die Panzertiere gelten als sehr anpassungsfähig. Nur der Mensch macht ihnen zu schaffen. Das bekommt auch Günther Schild zu spüren, die wohl bekannteste Schildkröte Deutschlands. Sie ist erst vier Jahre alt, doch 2012 ist ihr letztes Lebensjahr. Der schrumpelige Günther Schild ist das Maskottchen der Bundesfinanzagentur. Seit 2008 warb er dafür, dass die Bürger möglichst viel von ihrem Geld in Bundesschatzbriefe und in die Tagesgeldanleihe des Bundes steckten.
Für Privatsparer waren das sichere Geldanlagen. Der Staat hatte auch was davon, er bekam von seinen Bürgern billigen Kredit. Das war der Deal. Doch von 2013 an stellt der Bund das Geschäft mit den Privatsparern ein, es gibt dann keine Bundesschatzbriefe mehr und keine Tagesanleihen. Günther Schild wird bald vergessen sein.
Das bedeutet nicht das Ende einer ganzen Gattung von Geldanlage. Aber wie immer, wenn eine Spezies verloren geht, darf man fragen, ob sich nicht dadurch das gesamte Ökosystem verändert, weil sich andere Arten nun breiter machen könnten als davor. Bei der Geldanlage wird das so sein, denn die Entscheidung des Bundes heißt: Der Staat wird sich künftig noch weniger über seine eigenen Bürger finanzieren und noch mehr über professionelle Investoren und über das Ausland. Und die Privatsparer sollen doch bitte zusehen, dass sie ihr Geld woanders anlegen, nicht mehr in staatlichen Wertpapieren, sondern am freien Kapitalmarkt.
Bundesobligationen wird es zwar weiterhin noch geben – aber eben nicht beim Bund, sondern nur noch bei Banken und Sparkassen. Sparer müssen die Papiere künftig bei Kreditinstituten kaufen und auch von ihnen verwahren lassen. Beides erledigte bisher die Finanzagentur, und zwar kostenlos. Die Banken dagegen werden künftig dafür Gebühren verlangen. Beim Kauf eines, sagen wir, 1.000-Euro-Papiers, verlangen einige Banken schon heute bis zu 20 Euro Aufschlag. Wenn kein Sparer mehr solche Kosten umgehen kann, werden die Bundeswertpapiere noch unattraktiver, als sie es wegen der mageren Rendite heute schon sind. Der Staat verzinst das Geld, das ihm seine Bürger leihen, derzeit denkbar schlecht. Bei einer Verzinsung von 0,25 Prozent in den ersten Jahren und einer Rendite von 1,03 Prozent von 2016 an kann man kaum noch von einer lukrativen Anlage sprechen. Wer dem Bund zu Beginn des Jahres 10.000 Euro geliehen hat und das Geld in eine Tagesanleihe steckte, verdiente damit bisher gerade einmal 10,84 Euro Zinsen. Manche Banken zahlen das Zehnfache.
Deshalb finden einige Finanzexperten, es sei kein großer Verlust, wenn sich der Bund nun aus dem Geschäft mit den Privatsparern zurückziehe, schließlich gebe es andere, auskömmlichere Geldanlagen. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Natürlich gab und gibt es immer Anlageformen, die für Privatsparer mehr abwerfen als Bundesschatzbriefe. Doch viele Bürger kennen die Alternativen nicht oder nutzen sie nicht.
Studien zeigen immer wieder, wie viele Milliarden Euro an zusätzlicher Rendite die Bürger liegen lassen, weil sie ihr Geld auf niedrig verzinsten Sparkonten oder gar zinsfrei auf dem Girokonto parken. Und wer nach gut verzinsten Anlagen verlangt, dem schwatzen Bankberater und Vertriebsexperten häufig Produkte auf, die zwar auf dem Papier hohe Renditen versprechen, in Wahrheit aber hoch riskant sind. Laut einer Studie des Verbraucherministeriums von 2008 verlieren die Deutschen pro Jahr 20 bis 30 Milliarden Euro durch fehlerhafte Finanzanlagen, Schrottimmobilien, Unternehmensbeteiligungen, Warentermingeschäfte oder Lehman-Zertifikate. Aus 50 bis 80 Prozent aller langfristigen Geldanlagen steigen die Privatsparer gemäß der Studie vorzeitig aus – mit Verlust. Häufig enden solche Geschichten damit, dass die geprellten Anleger so viel Geld versenkt haben, dass sie spätestens im Alter Hilfe vom Staat brauchen.
Der Bund müsse gegensteuern, fordert das Ministerium seitdem. Die Einführung der Tagesanleihe fiel 2008 genau in diese Zeit. Wirtschaftswissenschaftler wie Marco Wilkens, Professor für Finanz- und Bankwirtschaft in Augsburg, nennen sie noch heute eine »faire und sichere Geldanlage« für die breite Masse der Bevölkerung. Schließlich war die Sicherheit jeher eines der wichtigsten Argumente für die Geldanlage beim Bund.




Offensichtlich ist für viele Privatkunden eine hohe Rendite nicht allein ausschlaggebend. Mancher will sein Geld, das er eventuell für den Kauf einer Wohnung verwenden will, nur in der Zwischenzeit irgendwo parken. Dort soll es sicher sein, auch Zinsen bringen, aber vor allem unkompliziert wieder abgerufen werden können, wenn man es anderweitig verwenden will. Viele wählen deshalb ein Tagesgeldkonto.
Es soll jedoch auch Leute geben, die es stört, wenn mit ihrem Geld spekuliert wird mit dem alleinigen Ziel, die Gewinne der Banken und die an deren Personal ausgezahlten Boni zu erhöhen. Die Kritiker solcher Praktiken würden lieber die staatliche Tagesanleihe wählen.
Dass die deutsche Tagesanleihe mit den derzeit extrem niedrigen Erträgen vielleicht nicht gerade das beste Beispiel für diese Anlageform darstellt, soll nicht bestritten werden. Aber was ist denn mit den Staatsanleihen anderer Länder, die unter den hohen Zinsen ächzen, die sie am Kapitalmarkt zahlen müssen? Denen kann man nur raten: Bietet die Hälfte der sonst zu zahlenden Zinsen an und sorgt für ein einfaches Verfahren und europaweite Verfügbarkeit, das würde bestimmt gut ankommen!
Staaten, die aus den Rettungsfonds Geld erhalten wollen, sollten geradezu verpflichtet werden, Tagesanleihen für Privatkunden anzubieten. Es würde ihre Einkünfte diversifizieren und ihre Abhängigkeit von den altbekannten Geldgebern wenigstens etwas reduzieren.
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