Gemäldegalerie Berlin: Eine historische Chance
Warum die Gemäldegalerie in Berlin auf die Museumsinsel umziehen muss – eine Erwiderung auf Hanno Rauterbergs Kritik.
Im Gesicht Berlins sind trotz allen Wandels der letzten Jahre die Narben des 20. Jahrhunderts nicht zu übersehen. Die dunklen Jahrzehnte, in denen Berlin seine Spitzenstellung verlor, wirken bis heute nach. Jedermann weiß, wie die Avantgardisten der Moderne unter dem diffamierenden Bilderverbot der Nationalsozialisten zu leiden hatten. Doch der Wahnwitz traf auch das universelle Denken der Berliner Museumspräsentation. Mit dem Jahr der Machtergreifung 1933 wurde auf der Museumsinsel vieles anders. Das große Werk Wilhelm von Bodes, Skulptur und Malerei zusammen auszustellen, um so zeigen zu können, dass sich seit dem 15. Jahrhundert beide Gattungen befruchteten und die Porträtmaler den Bildhauern viel zu verdanken haben, diese gefeierte Idee war plötzlich nichts mehr wert. Was in den großen Kunstmuseen in Philadelphia, Chicago, Boston, Cleveland oder New York Nachahmer fand, galt in Deutschland plötzlich als Ausdruck kaiserlicher Propaganda. Was zusammengehörte, wurde wieder strikt getrennt: die nordeuropäischen Sammlungen kamen in den Nordflügel des Pergamonmuseums, die verbliebenen italienischen Werke wurden neu geordnet und nach Gattungen unterteilt. Die Teilung der Bestände hält bis heute an. Während die Skulpturensammlung im sanierten Bode-Museum ihren Platz einnahm, zogen die Alten Meister in die 1998 eröffnete Gemäldegalerie am Kulturforum. Bodes Ideen verblassten, zumindest in Berlin.
Nunmehr besteht die einmalige historische Chance, an die große Berliner Tradition anzuknüpfen und die Skulpturensammlung wieder gemeinsam mit der Gemäldegalerie auf der Museumsinsel zu vereinigen. Es ist ein mutiger, ein radikaler Plan, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz entwickelt hat und der darauf abzielt, die »Insel« zu einer wahrnehmbaren Adresse der Weltkunst zu machen. Endlich wäre das Panorama menschlicher Kreativität von der Vorgeschichte bis zum 19. Jahrhundert vollständig. Es gibt keinen besseren Ort als die Museumsinsel, um die grandiosen Schätze der europäischen Kunstgeschichte zu präsentieren. Weder in London noch in Paris ist es möglich, Arnolfo di Cambio mit Giotto, Riemenschneider mit Dürer oder Bernini mit Caravaggio in einen Dialog treten zu lassen. Genau das aber würde in Berlin gelingen, wenn jetzt die Gunst der Stunde erkannt würde.
Die Neuordnung der Berliner Museumslandschaft hat aber noch eine zweite Seite. Diese Stadt war der Sehnsuchtsort der klassischen Moderne. Ihre Mythen gediehen in einem urbanen Flair, das eine gewaltige Anziehungskraft besaß und eine Inspirationsquelle für Kreative war. Die Nationalsozialisten brachen diese Brücke zur Zeitgenossenschaft ab, und es dauerte, bis Berlin wieder Anschluss fand. Dank großherziger Leihgaben bedeutender Sammler konnten die empfindlichsten Lücken geschlossen werden. Doch es mangelt noch immer an einem Zentrum für die Moderne, wo die grandiose Geschichte dieser Stadt mehr als nur ausschnitthaft erzählt wird. Wo wird deutlich, dass Berlin eine einzigartige Projektionsfläche auch für Architekten war – von Peter Behrens bis zum Bauhaus? Warum empört sich niemand darüber, dass die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe viel zu klein geworden ist, um ihre Bestände angemessen zeigen zu können? Die Idee, aus der Gemäldegalerie eine »Galerie des 20. Jahrhunderts« zu machen und den Mies-Tempel für Wechselausstellungen zu nutzen, ist von bezwingender Logik. Außerdem wäre Platz für die herausragende Sammlung von Heiner und Ulla Pietzsch zur Kunst des Surrealismus und abstrakten Expressionismus, die eine Lücke schließt, die die Kulturbarbarei der Nazis gerissen hat. Und es wäre Platz für die Collection von Erich Marx, die derzeit im Hamburger Bahnhof beheimatet ist. Das Kulturforum hätte endlich das Potenzial, zu einem »Forum der Moderne« zu werden und an das kulturelle Feuerwerk zu erinnern, das in Berlin einst entzündet wurde.
André Schmitz ist Staatssekretär für Kultur in Berlin
Es mag sein, dass diese Debatte etwas spät kommt, und es muss natürlich erlaubt sein, zu fragen, ob Berlin mit dem Bau des Humboldtforums nicht schon ein Projekt von wahrhaft titanischem Ausmaß zu bewältigen hat. Doch es geht darum, die Museumsstandorte im Interesse der Besucher stärker zu profilieren. So wie das auch in Dresden und München geschehen ist, wo sich gezeigt hat, dass die Sammlungen besser wahrgenommen werden, wenn man sie örtlich konzentriert. Der Bund hat den Weg für die Neuordnung der Berliner Schätze freigemacht und zehn Millionen Euro für den Umbau der Gemäldegalerie zur Verfügung gestellt. Jetzt muss es darum gehen, so schnell wie möglich einen Architekturwettbewerb für einen Erweiterungsbau des Bode-Museums auszuloben. Dann werden auch die Zweifler verstummen, die behaupten, dass die Alten Meister »auf unabsehbare Zeit« im Depot verschwänden. Es stimmt natürlich, dass anders als in der Gemäldegalerie immer nur 500 Werke gezeigt werden können. Doch mit häufigen Wechseln und zusätzlichen Präsentationsflächen wird der vorübergehende Verlust ein verkraftbarer sein. Und ich bin sicher, dass die Abwesenheit von Botticelli und Rubens, Tizian und Dürer so viel Druck aufbaut, dass der Erweiterungsbau schneller kommt als gedacht. Die Interimszeit wird von kurzer Dauer sein, wenn und weil Berlin und der Bund sich entschließen, aus der Museumsinsel einen »deutschen Louvre« zu machen und sich dabei zu den besten Prinzipien des Ausstellens bekennen, wie sie Wilhelm von Bode vor über hundert Jahren prägte.





Herr Schmitz schreibt, dass der Nationalsozialismus Lücken in die Moderne Kunst gerissen habe. Er erwähnt nicht, welche riesigen Lücken auch in den Bestand der Alten Gemälde gerissen wurden: fast alle großen Formate sind Kriegsverluste. Dieser riesige Kunstverlust ist doch genauso der Nazibarbarei zu verdanken. Wäre es deshalb nicht angemessen, sie endlich mal zur Ruhe kommen zu lassen, statt sie auf Jahre im Bode-Museum nur zum kleineren Teil zu zeigen.
Auf andere Fehler hat Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung hingewiesen:
- die Eröffnung der Erweiterung des Bode-Museums im Nordflügel des Pergamonmuseums erfolgte Jahre vor der Machtergreifung der Nazis.
- natürlich könnte man in London eine Skulptur von Arnolfi di Cambio neben einem Gemälde von Giotto zeigen, wenn nur die Direktoren des Victoria and Albert Museums und der National Gallery auf die Idee kämen, Skulpturen und Bilder zusammenzuwerfen. Warum tun sie das wohl nicht?
Aber der Gipfel ist sein Schlussabsatz, wo er sagt, dass sich durch das geplante Komprimieren auf nur 500 Bilder im Bode-Museum "so viel Druck aufbaut, dass der Erweiterungsbau schneller kommt als gedacht." Ist es nicht ein Aufruf zur Geiselnahme, wenn Herr Schmitz propagiert, mit der Not der Alten Kunst und dem Leid der Freunde der Alten Kunst Geld herbeizupressen?
Und Herr Schmitz übt praktisch das Amt des Kulturministers in Berlin aus (formal bekleidet der Regierende Bürgermeister Wowereit auch diesen Posten).
"so viel Druck aufbaut, dass der Erweiterungsbau schneller kommt als gedacht."
Zudem ist es reichlich optimistisch anzunehmen, dass in Berlin IRGENDETWAS schneller as erwartet stattfindet (ausser wenn kommerziuelle Interessen dahinterstecken, wenn es etwa um den Bau eines neuen Einkaufszentrums geht). Man schaue sich die Sanierung der Staatsoper an. Barenboims Staatskapelle bleibt länger, nicht kürzer erwartet in Charlottenburg ausgegliedert und bleibt auf Millionenverlusten sitzen. Mhalakovs Staatsballett, einst das Beste der Welt, hat seine Glanzzeit bereits überschritten und kann weder Spitzentänzer in Berlin halten, noch sich neue Choreographien für die Saison 2012/2013 leisten. Kunst ist fragil. geht viel leichter kaputt, als sich so manch ein Politiker denkt.
"so viel Druck aufbaut, dass der Erweiterungsbau schneller kommt als gedacht."
Zudem ist es reichlich optimistisch anzunehmen, dass in Berlin IRGENDETWAS schneller as erwartet stattfindet (ausser wenn kommerziuelle Interessen dahinterstecken, wenn es etwa um den Bau eines neuen Einkaufszentrums geht). Man schaue sich die Sanierung der Staatsoper an. Barenboims Staatskapelle bleibt länger, nicht kürzer erwartet in Charlottenburg ausgegliedert und bleibt auf Millionenverlusten sitzen. Mhalakovs Staatsballett, einst das Beste der Welt, hat seine Glanzzeit bereits überschritten und kann weder Spitzentänzer in Berlin halten, noch sich neue Choreographien für die Saison 2012/2013 leisten. Kunst ist fragil. geht viel leichter kaputt, als sich so manch ein Politiker denkt.
Entscheidung!
Schmitz schreibt Berliner Kulturgeschichte. Ein Glücksfall für die Hauptstadt.
Ich lebe in Berlin und besuche unsere Museen regelmässig. Mir erscheint die ganze Debatte als eine typische Insider-Spitzfindigkeit. Um ehrlich zu sein, mir als Besucher ist es gehupft wie gesprungen wo ich hinfahre, ist ja alles per BVG gleich einfach zu erreichen. Was für mich zählt ist die QUALITÄT der Ausstellung. Die gezeigten Bilder. Die Skulpturen. In welchen Gebäuden und an welchen Mauern die hängen ist dritt- nein viertrangig...
Die Gemäldegalerie am Potsdamer Platz finde ich GENIAL! Freunde aus aller Welt die mich in Berlin besuchen nehme ich dort immer zu aller erst hin!
"so viel Druck aufbaut, dass der Erweiterungsbau schneller kommt als gedacht."
Zudem ist es reichlich optimistisch anzunehmen, dass in Berlin IRGENDETWAS schneller as erwartet stattfindet (ausser wenn kommerziuelle Interessen dahinterstecken, wenn es etwa um den Bau eines neuen Einkaufszentrums geht). Man schaue sich die Sanierung der Staatsoper an. Barenboims Staatskapelle bleibt länger, nicht kürzer erwartet in Charlottenburg ausgegliedert und bleibt auf Millionenverlusten sitzen. Mhalakovs Staatsballett, einst das Beste der Welt, hat seine Glanzzeit bereits überschritten und kann weder Spitzentänzer in Berlin halten, noch sich neue Choreographien für die Saison 2012/2013 leisten. Kunst ist fragil. geht viel leichter kaputt, als sich so manch ein Politiker denkt.
Die alten Meister sind da wo sie sind, gut aufgehoben und ausgestellt. Also brauchen sie kein "neues Zuhause" und keinen "Umzug". – Die Modernen brauchen das.
Bei der bevorstehenden Finanzkatastrophe wird es wohl nicht so bald zu einem Multi-Millionen-Neubau für ausgelagerte Alte Meister kommen, oder?
Warum nicht gleich einen Neubau oder Ausbau woanders für die Modernen planen? Die passen besser in ein modernes Gebäude. Also erst mal Geld sammeln gehen und nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, d.h. die Alten Meister auf unabsehbare Zeit in den Keller verbannen.
das schmitz, den ich für den prototyp eines karrieristen halte, hier in der ZEIT für seine propaganda, als antwort auf rautenberg, ein forum erhält. Es müßte ein weniger befangener Experte dafür einstehen.
Das hier ganz bewusst gewählte Bild einer faden Ausstellungssituation mit nur zwei Besucherinnen vor einigen Zeichnungen, soll für den, der sich nicht auskennt, den Einruck erwecken, als ob es sich bei der Gemäldegalerie der Alten Meister um eine kleine, unbedeutende Sammlung handelt. Hier versucht der Autor, neben seiner politischen Schreibweise auch die Macht des Bildes für seine Sache einzusetzen.
Vielleicht kann ein unbefangener ZEIT Redakteur noch ein zweites aussagekräftigeres Bild einstellen?
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