RusslandPapagei im Transitkäfig

Schminkexzesse, Pommes zum Frühstück und ein Heiratsantrag – eine lange Nacht auf dem Moskauer Flughafen

Schlafboxen auf dem Scheremetjewo-Flughafen außerhalb Moskaus (Archivbild)

Schlafboxen auf dem Scheremetjewo-Flughafen außerhalb Moskaus (Archivbild)

Ich dachte, ich würde einen Zwischenaufenthalt von 14 Stunden auf dem Scheremetjewo-Flughafen locker überstehen. Auf der Flughafen-Homepage stand, ein Transitvisum sei nicht nötig, sofern man nicht vorhabe, das Flughafengelände zu verlassen. In Moskau stellte ich später fest, dass die versprochenen »Schlafkabinen« außerhalb der Transitzone liegen. Hinter den dicken Fensterscheiben ging die Sonne auf dramatische Weise unter, irgendwo brüllte ein Baby, und die Grenzbeamten nannten mich Sonnenschein.

Ich fing an spazieren zu gehen, was am Flughafen vor allem shoppen bedeutet. Systematisch probierte ich sämtliche Kosmetikprodukte aus, bis ich einem bunten Papageien glich. Danach schlenderte ich lange und unentschlossen durch die Spirituosenabteilungen, wo ich von einer Gruppe Kasachen gebeten wurde, für sie ein paar Produkte zu kaufen, durch die russisch-kasachische Währungsunion seien sie von den Duty-free-Angeboten ausgeschlossen. Ich kaufte mehrere Liter Parfum und Tonnen von blauem Lidschatten. Als das Flugzeug nach Astana abflog, war ich wieder allein und hatte noch immer zehn Stunden Zeit.

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Olga Grjasnowa

27, lebt in Berlin. Dieses Jahr erschien ihr Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt

Die Sessel waren genau so konstruiert, dass man auf ihnen nicht schlafen konnte. Obwohl draußen bereits Nacht war, war es in der Halle zu hell und zu kalt. Links von mir schnarchte eine ältere Frau, eingerollt in ihren Schlafsack. Das wollte ich auch und bezahlte 40 Euro für ein aufblasbares Kissen, Ohropax und eine Schlafbrille. Der Verkäufer sehnte sich nach einem Gesprächspartner. Er wollte wissen, wie man in Deutschland ein Grill-Haus aufmacht, grillen könne er ganz gut. Später spielten wir zusammen Karten – um Geld – und aßen Pommes zum Frühstück. Mein Spielpartner flüsterte in mein Ohr, dass ich ihn heiraten müsse, wenn ich die nächste Runde verliere. Zum Visumkriegen, nicht Kinderkriegen, sagte er noch, als kurz vor dem Morgengrauen verkündet wurde, dass mein Flug sich auf unbestimmte Zeit verspäte.

Gestrandet

Die schönsten Geschichten erlebt man auf Reisen, die schiefgehen. Auto kaputt, Hotel ausgebucht – und schon findet man sich dort wieder, wo man sonst nie hingekommen wäre. Neun Autoren erzählen, wo sie gestrandet sind.

Roger Willemsen: Im Sande verlaufen

Juli Zeh: Bett, Schweiß und Viren

Olga Grjasnowa: Papagei im Transitkäfig

Johannes Strempel: Eine Geschichte mit Bart

Markus Wolff: Robinson im Industriegebiet

Stefanie Flamm: Sex und Sardinen

Silke Scheuermann: Haltlos nach Amsterdam

Stefan Nink: Weich gelandet

Andreas Maier: Hiesige Verzauberung

 
Leserkommentare
  1. Ich habe mich gerade warm gelesen, da war er schon zu Ende. Trotzdem schön.

    3 Leserempfehlungen
    • Mari o
    • 25.07.2012 um 0:22 Uhr

    und muss unbedingt verfilmt werden
    im Stil der Überwachungskameras

    Eine Leserempfehlung
  2. Das hat mir am Birkenbuch schon gefehlt. Es kratzt an der Oberfläche, wie der Hamster am sperrholzigen Boden des Terrariums. Der Hamster sollte mit Picke, Bohrer und Stechbeitel ausgestattet werden, sodass er nicht nur am Grund seiner Geschichte nagen muss, sondern sich in die schmutzige Wäsche des Schranks vorarbeiten kann, auf dem seine 0,15 Kubikmeterwelt steht.

  3. SO ein Beitrag könnte ich mir in einem privaten Blog vorstellen. Aber was qualifiziert den Beitrag für Die Zeit?!

    Eine Leserempfehlung
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    Matsushita hat recht!
    Hier z.B. ein Beispiel aus einem privaten Blog mit ganz ähnlichem Thema:

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  5. Hinter dem sichtbaren Rußland verbirgt sich viel mehr. Gerne empfehle ich den Lesern dieses Artikel den Blog "An den Rändern. Ankünfte", dessen Autor sich intensiv mit Rußland,wo er seit drei Jahren lebt und arbeitet, dessen Kultur und Spiritualität befaßt. http://dasgeheimereich.bl...

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  • Quelle DIE ZEIT, 12.7.2012 Nr. 29
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