ZugreiseHaltlos nach Amsterdam

Wohin es führt, wenn man in der Bahn einschläft von Silke Scheuermann

Auf dem Weg nach Amsterdam kann man unverhofft die Liebe entdecken.

Auf dem Weg nach Amsterdam kann man unverhofft die Liebe entdecken.  |  © 12frames/photocase.com

Von früh auf fand ich Gestrandete ziemlich lustig. Das liegt zum einen daran, dass ich als Schülerin zum großen Teil in Weingarten, Baden, aufgewachsen bin und dort regelmäßig auf welche traf: junge, Bierdosen haltende Männer mit Rucksäcken, die am winzigen Bahnhof eintrafen und grölend fragten, wo es hier zur Kaserne ginge. Woraufhin meine Freundinnen und ich, am einzigen Kiosk in der Nähe des Bahnhofs herumhängend, unsererseits zu lachen und zu grölen begannen. Wir erklärten: »Das ist das falsche Weingarten, hier gibt es keine Kaserne! Ihr meint das Weingarten in Württemberg, bei Ravensburg! Hahaha!« Wie schön, dass ein Bundesland zwei Weingarten hat! Begeisterung bei uns, belämmerte Gesichter bei den künftigen Verteidigern des Vaterlands.

Der zweite Grund war mein Vater. Er arbeitete in der Karlsruher Direktion der damals noch staatlichen Bahn. Ausgerechnet er fand das Fahrgeräusch der Züge dermaßen beruhigend, dass er auf der Heimfahrt nach Weingarten regelmäßig einnickte und von Mama an einer anderen, weit entfernten Station mit dem Auto abgeholt werden musste. Ich will damit nicht sagen, dass ich meinen Vater lächerlich fand. Nur ein bisschen ulkig. Als Folge davon achtete ich später immer genau auf Fahrpläne und -zeiten, und lange Jahre hindurch strandete ich überhaupt nicht. Dann passierte es doch; die Gene meines Vaters setzten sich durch.

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Ich weiß nicht mehr, welcher Verflossene es war, der mir in diesem ersten oder zweiten Uni-Semester das Herz brach, aber ich wollte zu einer Freundin nach Düsseldorf fahren, um ihr mein Herz auszuschütten. Es war eine Fahrt von knapp drei Stunden vom Frankfurter Hauptbahnhof aus. Ich setzte mich in den Zug, auf dem Amsterdam Centraal stand, holte zwei Pikkolöchen aus dem Speisewagen, machte es mir bequem – und wachte vier Stunden später auf. Mir gegenüber saß jemand Männliches, Blondes. Gustav, wie sich herausstellte, ein tätowierter Niederländer, der überhaupt nicht so aussah wie mein Verflossener, sondern besser. Das merkte ich aber erst, nachdem ich entsetzt herumgebrüllt hatte.

Silke Scheuermann

39, lebt in Offenbach. In Kürze erscheint ihr neuer Roman Die Häuser der anderen

»Du hast deine Station verpasst?«, fragte er nach, und wir kamen ins Gespräch.

Der Rest der Fahrt verging wie auf einem Zauberteppich. Ich erzählte, dass dies die schlimmste Bahnfahrt meines Lebens sei. Woraufhin Gustav mich mit der Geschichte seiner schlimmsten Bahnfahrt tröstete: Er hatte einmal stundenlang neben einem Toten gesessen. »Er sah schon beim Einsteigen schlecht aus, aber ich habe nicht mitbekommen, dass er aufhörte zu atmen, ich dachte, der schläft...« Irgendwann war es dann nicht mehr die entsetzlichste Bahnfahrt meines Lebens. Während draußen die Landschaft dunkler wurde, kamen mir die Gleise immer breiter vor, und an jedem Bahnhof wurde mir das Herz weiter. Ich blieb vier Tage in Amsterdam. Davon gab es damals nur eines.

Gestrandet

Die schönsten Geschichten erlebt man auf Reisen, die schiefgehen. Auto kaputt, Hotel ausgebucht – und schon findet man sich dort wieder, wo man sonst nie hingekommen wäre. Neun Autoren erzählen, wo sie gestrandet sind.

Roger Willemsen: Im Sande verlaufen

Juli Zeh: Bett, Schweiß und Viren

Olga Grjasnowa: Papagei im Transitkäfig

Johannes Strempel: Eine Geschichte mit Bart

Markus Wolff: Robinson im Industriegebiet

Stefanie Flamm: Sex und Sardinen

Silke Scheuermann: Haltlos nach Amsterdam

Stefan Nink: Weich gelandet

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Leserkommentare
    • Gex83
    • 30. Juli 2012 19:39 Uhr

    An sich sehr hübsche und lustige Geschichte, leider etwas oberflächlich und knapp erzählt. Schade. :(

  1. Die liebenswürdige Erzählung bietet genügend Anhaltspunkte, um sie selbst auszuschmücken. Ich habe vor Jahren eine ähnliche Kurzgeschichte geschrieben. Ich bin damals zu früh ausgestiegen, da überlegt mann dann jahrzehntelang, was man womöglich versäumt hat...

  2. 3. tja...

    Ich könnte auch eine Geschichte über total in die Binsen gegangene Zugfahrten und verpasste Züge erzählen, aber da gab es leider kein romantisches Happy End :(

    • cinor
    • 01. August 2012 10:49 Uhr

    Womma vun Wengerde isch, nod isch so än Ausflug noch Amschdadam schu ebbes, wu bsunnasch isch - awwa hätts dodefor ä extra Gschichtle sei misse? Ha i waiß jo ned...

    (Wenn man aus Weingarten ist, dann ist so ein Ausflug nach Amsterdam schon etwas Besonderes. Bin mir jedoch nicht sicher, ob das eine Geschichte gerechtfertigt hat.)

    Gruß vum nördliche Nochbarskaff

  3. treffen sich 2 junge Leute im Zug, beim Flirten verpasst die junge Frau rechtzeitig auszusteigen (der junge Mann hat sie mit Süßigkeiten abgelenkt, ein paar Jahre nach dem Krieg war das was). - Zu ihrer goldenen Hochzeit vor ein paar Jahren haben meine Eltern noch Tango getanzt...

    Eine Leserempfehlung
  4. "Wohin es führt, wenn man in der Bahn einschläft"

    Haha ist mir auch einmal passiert. Mit 15 oder 16 bin ich mit dem Schönen Wochenendticket an einem Sonntag von Karlsruhe nach Dortmund zur Mayday (riesengroßes Technokonzert [90er=Techno] in der Westfalenhalle) gefahren. Das hat schon mal den ganzen Sonntag gedauert.

    Dort haben ich und mein Freund die Nacht durchgetanzt bis sie uns Montagmorgens irgendwann rausgeschmissen haben. Dann mussten wir den ganzen 1. Mai in der Dortmunder Innenstadt verbringen bis es endlich 19 Uhr war und wir mit dem Guten Abend Ticket heimfahren konnten.

    Wir haben uns versucht gegenseitig wachzuhalten aber es hat offensichtlich nicht geklappt weil wir irgendwann in Basel in der Schweiz aufgewacht sind...

    Dort war es saukalt mitten in der Nacht und wir haben gefroren wie noch nie bis wir mit dem ersten Zug wieder zurückfahren konnten. Leider war unser Ticket inzwischen natürlich ungültig und Geld hatten wir auch keins mehr. Zum Glück hat uns der nette Schaffner geglaubt dass wir nur noch heim zu Mama wollten (DANKE). Dienstagmorgens waren wir dann irgendwann wieder zu Hause und Mama hat uns dann netterweise eine Entschuldigung für die Schule geschrieben weil wir schon im Stehen eingeschlafen sind...(DANKE)

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