NorwegenEine Geschichte mit Bart

Das Badewasser hat drei Grad, und der Schnaps ist rationiert: Unter Polarforschern auf der Bäreninsel von Johannes Strempel

Wenn man sich für Nebel interessiert, ist die Bäreninsel eine fantastische Adresse. Nebel hing über den Ufern, als ich an Land ging, im Nebel reiste ich wieder ab. Dazwischen lagen elf versuppte Tage, an denen ich mich fühlte wie Hannibal Lecter, der in seiner Zelle von einer Aussicht träumt.

Wer bei Google Maps die Mitte zwischen dem nördlichen Ende Norwegens und dem südlichen Spitzbergens anpeilt und dann geduldig zoomt, wird im Blau des Polarmeers einen weißen Fleck ausmachen. Das ist die Bäreninsel. Neben viel Geröll gibt es hier an Sehenswürdigkeiten eine im Zweiten Weltkrieg abgestürzte Junkers 88, eine Gruppe bärtiger, ausgebleichter Meteorologen und hin und wieder ein paar Eisbären, die im Winter übers Packeis kommen. Wegen des ständigen Nebels ist es nicht immer einfach, einen Meteorologen von einem Eisbären zweifelsfrei zu unterscheiden, weshalb man bei Zufallsbekanntschaften auf der Hut sein sollte. Ich war hier, um über eine Expedition zu berichten, die sich auf die Suche nach dem Flugzeug des Polarforschers Roald Amundsen gemacht hatte. Amundsen war 1928 vom norwegischen Tromsø in Richtung Nordpol gestartet und dann für immer verschwunden. Fischer sahen das Flugzeug noch in eine Nebelbank eintauchen. Wahrscheinlich musste die Maschine notwassern und versank im Eismeer.

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Weil es nicht genug Plätze auf den zwei Expeditionsschiffen gab, sollte ich in der kleinen Wetterstation auf der Bäreninsel wohnen und regelmäßig mit einem Beiboot abgeholt werden. Das Regelmäßige daran war, dass es nicht klappte: Mal zogen Stürme auf, mal herrschte zu viel Seegang, und immer, immer war es viel zu nebelig. Dann ging irgendetwas kaputt, und die Schiffe drehten zur Reparatur ab nach Norwegen. Die Tage krochen dahin. Nebel brandete gegen die Fenster. Wenn es für ein paar Minuten aufklarte, zeigte sich eine Mondlandschaft, so abwechslungsreich wie ein Interview mit Philipp Lahm. Eine junge, zierliche Meteorologin, die einzige Frau unter bärtigen Kollegen, schnallte eine Satteltasche auf einen Husky, schulterte eine doppelläufige Flinte und verschwand wortlos für drei Tage im Dunst. Ich ordnete alle Dateien meines Laptops abwechselnd nach Name, Größe und Erstellungsdatum. Ich las ein Buch über Atmosphärenphysik und Wettersatelliten und bot hohe Summen, um an den streng rationierten Alkoholvorräten der Station teilhaben zu dürfen. Ich ließ mir einen Bart wachsen.

Johannes Strempel

40, ist freier Journalist in Berlin

Jemand hat einmal gesagt, einen Film von Éric Rohmer zu sehen sei mit der Erfahrung vergleichbar, Farbe beim Trocknen zu beobachten. Die Zeit auf der Bäreninsel war wie ein Rohmer-Film, aber ohne die ganzen Diskussionen. Meteorologen reden nur das Nötigste. Irgendwann war das Gemüt des mitreisenden Fotografen so zerrüttet, dass er das Bäreninsel-Nacktbaderdiplom – beglaubigt und verliehen von den Wetterforschern – in der drei Grad kalten See ablegte.

Um überhaupt jemals wieder von der Insel wegzukommen, sendeten wir einen Funkspruch an eine Lenkwaffenfregatte der norwegischen Marine, die uns an Bord nahm. Weil es sich um ein Kriegsschiff handelte, mussten wir Kameras, Computer, Handys abgeben und während der Passage in einer fensterlosen Kabine unter Deck schmachten. Wir wollten nach Norwegen, die Lenkwaffenfregatte fuhr nach Spitzbergen. Wir waren überglücklich. Amundsens Flugzeug hat man nie gefunden.

Gestrandet

Die schönsten Geschichten erlebt man auf Reisen, die schiefgehen. Auto kaputt, Hotel ausgebucht – und schon findet man sich dort wieder, wo man sonst nie hingekommen wäre. Neun Autoren erzählen, wo sie gestrandet sind.

Roger Willemsen: Im Sande verlaufen

Juli Zeh: Bett, Schweiß und Viren

Olga Grjasnowa: Papagei im Transitkäfig

Johannes Strempel: Eine Geschichte mit Bart

Markus Wolff: Robinson im Industriegebiet

Stefanie Flamm: Sex und Sardinen

Silke Scheuermann: Haltlos nach Amsterdam

Stefan Nink: Weich gelandet

Andreas Maier: Hiesige Verzauberung

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Leserkommentare
  1. Der Polarforscher Arved Fuchs kommt auch gerne auf der Bäreninsel vorbei. Dabei hat er immer eine treue Begleiterin, ohne die selten in arktischen Gewässern unterwegs ist. Dazu eine kleine Geschichte über die unterschiedlichen Gesichter des Erfolgs:

    http://wp.me/pNQVe-R

    Mt besten Grüssen

    Ihr Dr. Ralf Hettich

  2. Köstlich. Ich liebe den Humor des Autors. Bitte bald mehr.

    Zitate:

    Wegen des ständigen Nebels ist es nicht immer einfach, einen Meteorologen von einem Eisbären zweifelsfrei zu unterscheiden, weshalb man bei Zufallsbekanntschaften auf der Hut sein sollte.

    Wenn es für ein paar Minuten aufklarte, zeigte sich eine Mondlandschaft, so abwechslungsreich wie ein Interview mit Philipp Lahm.

    Wir waren überglücklich. Amundsens Flugzeug hat man nie gefunden.

  3. Sehr gut geschrieben, ausdrucksstark und humorvoll. Man bekommt ein zartes Gefühl der "Eigenheiten" der Bäreninsel.

    Bitte mehr aus dieser Feder!

  4. Danke für den schönen Artikel, sehr nett zu lesen! Aber: auf der Bäreninsel gibt es auch im Nebel viel mehr als nur Nebel, wie ich aus eigener Erfahrung sehr gut weiß. Nachzulesen im Buch "Die Bäreninsel: Grenzstein im Grenzenlosen".
    Viele Grüße an die ZEIT und ihre LeserInnen,
    Rolf Stange (Autor des besagten Buches)

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  • Schlagworte Reise | Nordpolarmeer | Polarforschung | Norwegen | Natur
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