Von keiner Landschaft der weiten Welt träumte ich früher als von der Atacama-Wüste – wohl ihres musikalischen Namens wegen oder weil der Volksschullehrer sie »unbarmherzig« nannte und erzählte, wie in ihren Hochebenen das stechend riechende Salpeter abgebaut werde, ein farbloser Stoff, außerdem Kupfer. In den Minen würden immer wieder Bergarbeiter verschüttet und manchmal sogar lebend geborgen. Da wollte ich hin.

Jahre später war ich mit Lili und Manuel, zwei einheimischen Guides, wochenlang durch den chilenischen Teil Patagoniens gezogen, wollte aber das Land nicht verlassen, ohne die Atacama-Wüste gesehen zu haben. »Geh nach San Pedro de Atacama«, sagten die beiden und buchten mir via Internet ein Hotel, das Meridor hieß oder so ähnlich. Und ich machte mich auf, kam zunächst in einer grandios unscheinbaren Stadt namens Antofagasta an, gelegen am Pazifik, mit Blick auf die Atacama. Da roch ich sie schon, die Wüste, sie atmete abends über den Gassen aus.

Anderntags nahm ich ein Taxi nach San Pedro. Jetzt lag die Wüste als eine Gewalt über dem Land, sie war dieses Sandmeer nicht nur, sie war die Kraft, die die Bewegungen schleppend, die Farben bleich, die Ansiedlungen defensiv machte. Sie war oben und unten zugleich. Nach drei Stunden Fahrt erschien San Pedro am Horizont. Eine Todesbotin kündigte den Ort an: Denn wirklich radelte eine blonde Touristin mit unbedecktem Kopf in Hotpants, schon angesengt, aber gemächlich in die Gluthölle der Sanddünen. Es war schaurig. Zerstreut lagen die ersten Ansiedlungen, Hotels, die Forts nachempfunden waren mit Palisaden-Anmutung oder Bambuszäunen. Das Ganze war ein Reservat des Alternativtourismus, der hier vom Solidaritätstöpfern bis zum cactus watching alles realisierte, was aus Bad Breisig verschwunden ist. Nach meinem Hotel suchten wir vergeblich. Nach seiner Adresse ebenso. Trotzdem lag dies Hotel in San Pedro, allerdings, wie auf der lokalen Polizeistation für uns recherchiert wurde, in San Pedro, Kalifornien.

Mein Zimmer dort sollte in jener Nacht unbewohnt bleiben. Ich bat den Taxifahrer, der mich inzwischen für einen Sonderling hielt, dieselbe Strecke wieder mit mir zurückzulegen, ich würde ihm dann sagen, wo er mich aussetzen könne. Keine Ahnung, warum ich mich für ein Hotel zehn Kilometer außerhalb von Calama entschied. Ich wusste ja noch nicht, dass hier im Jahr null Millimeter Niederschlag fallen, dass dieser also einer der trockensten Orte der Welt ist, der Vegetation nicht kennt und Fremde eher aus Filmen.

In meinem Hotel gab es einen Pool, aber niemand schwamm darin, aus zwei Gründen: Erstens hatte das Hotel keine Gäste, zweitens war das Wasser zu heiß. Am Pool vorbei tat ich ein paar Schritte in die Wüste. Und wieder zurück. Einmal kamen mittags einige Männer für eine Konferenz, aßen Salat und tranken Bier. Kaum waren sie aufgebrochen, blieb ich wieder mir selbst überlassen. Ein andermal fischte ein Angestellter im Kittel braune Halme aus dem Pool. Abends schlenderte ich allein durch die Flure und sah mir die leeren Zimmer hinter den offen stehenden Türen an.

Manchmal ging ich auch in das Städtchen und ließ mich von den Einwohnern ansehen, studierte die Graffiti, die Gemüse, die Schulkinder. Es gefiel mir so gut. Ich verweilte tagelang, konnte mich aus diesem Nichts nicht lösen, ging in die Irre, war in der Irre. In Calama verdichtete sich die Ziellosigkeit der Reise und wurde Stadt. Nirgends hätte ich besser ankommen können als in diesem Ort.