Motorrad-ReisenRobinson im Industriegebiet

Eine Verkehrsinsel ist auch eine Insel: Wer hier auf der Strecke bleibt, muss mit seinen Snickers haushalten, bis endlich Rettung kommt von Markus Wolff

Ich strandete, nachdem ich die Hauptinsel längst verlassen hatte, und das kam so: Etwa zwei Wochen lang war ich auf einem Motorrad durch Irland gefahren. Die technischen Details sollen hier nicht kümmern. Ich muss jedoch erwähnen, dass man auf meiner Maschine dank ihrer enorm hohen Sitzbank die Beinlänge von Nadja Auermann gebraucht hätte, um im Stand sicher den Boden zu erreichen. Darum kippte ich einmal mit ihr an einer Ampel in einer ebenso würdelosen wie unaufhaltsamen Bewegung einfach auf den Asphalt. Fortan verlor sie Öl. Erst wenig, dann mehr und mehr, bis sie bei der Rückreise am Fährterminal leckte wie ein havarierter Tanker.

Auf einer Autobahn in den Niederlanden blieb meine Maschine schließlich mit Motorschaden liegen, etwa 150 Kilometer von zu Hause entfernt. Ich beschloss zu trampen. Das Motorrad wollte ich am nächsten Tag mit einem Anhänger holen. Zur Sicherheit trug ich zunächst weiterhin meine Lederkluft und auch meinen schwarzen Helm und stand mit ausgestrecktem Daumen an der Autobahn wie ein aus Zeit und Raumschiff gefallener Darth Vader, während der Verkehr wie in Lichtgeschwindigkeit an mir vorüberzog. Mitunter winkten mir Kinder zu. Ich habe selten erniedrigendere Momente erlebt.

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Schließlich stoppte der Fahrer einer Spedition, den ich aus lauter Dankbarkeit nicht einmal fragte, wohin er fuhr. Irgendwann, ich war offenbar eingeschlafen, erwachte ich, als er in einem Industriegebiet hielt und sagte: »So, Trier!« Mit einem beschwingten Gruß stieg ich aus, so, als hätte ich gewusst, wo Trier überhaupt ist.

Markus Wolff

41, ist Journalist in Hamburg

Der Wagen fuhr davon, und ich blickte mich um: nichts als Warenlager und breite, leere Straßen. Etwa 100 Meter entfernt lag eine kleine Verkehrsinsel, dahin schleppte ich mein Gepäck. Schlagartig müde, als wäre ich nach einem Schiffbruch mit letzter Kraft den Wellen entstiegen, warf ich Helm und Taschen in die Mitte der Insel. Sie ähnelte einem dieser Bonsai-Eilande, wie man sie aus Cartoons kennt. Anstelle der Palme krümmte sich in ihrer Mitte allerdings eine Straßenlaterne. Unter dieser breitete ich meine Karte aus und stellte erschrocken fest: Ich war inzwischen 400 Kilometer von zu Hause entfernt.

Eine endlose Zeit des Wartens begann. Denn meine Verkehrsinsel lag, wie sich schnell herausstellte, nicht an der Hauptader der Globalisierung. Sie galt offenbar eher als eines dieser Atolle, die man in Kenntnis ihrer Unwirtlichkeit weiträumig umfährt. So wurde die Verkehrsinsel meine neue Heimat. Schon nach wenigen Minuten kannte ich jeden gepflasterten Stein. Dann und wann schöpfte ich Hoffnung, wenn aus der Ferne ein Lkw auf mich zusteuerte – der jedoch fast ebenso weit entfernt wieder abbog.

Gestrandet

Die schönsten Geschichten erlebt man auf Reisen, die schiefgehen. Auto kaputt, Hotel ausgebucht – und schon findet man sich dort wieder, wo man sonst nie hingekommen wäre. Neun Autoren erzählen, wo sie gestrandet sind.

Roger Willemsen: Im Sande verlaufen

Juli Zeh: Bett, Schweiß und Viren

Olga Grjasnowa: Papagei im Transitkäfig

Johannes Strempel: Eine Geschichte mit Bart

Markus Wolff: Robinson im Industriegebiet

Stefanie Flamm: Sex und Sardinen

Silke Scheuermann: Haltlos nach Amsterdam

Stefan Nink: Weich gelandet

Andreas Maier: Hiesige Verzauberung

Stunde um Stunde verstrich. Es wurde heiß, und da meine Insel nirgends Schatten bot, trotzte ich der Sonne mit meinem Helm, den ich wie eine unvorteilhafte Mütze trug. Ich bekam Durst und Hunger, registrierte aber mit zunehmender Sorge: Der Snickers-Vorrat wurde knapp, auch die Sprite ging zur Neige.

Anders, als man es aus Filmen mit Gestrandeten kennt, bereitete mir die Einsamkeit keine Mühen. Trotzdem freute ich mich zwischenzeitlich über die Gesellschaft eines kleinen Vogels, der offenbar auf seinem langen Flug in den Süden oder in die Trierer Innenstadt meine Insel für eine Zwischenlandung nutzte. Schon bald darauf flog er fort. Ich habe ihn nie wiedergesehen. 

Langsam wurde es dunkel. Vergeblich wartete ich auf den Mond, dafür sprang die Laterne an. Ich weiß nicht, wie lange ich in ihrem milchigen Licht gesessen habe, als sich mir zwei Scheinwerfer wie synchron fliegende Glühwürmchen näherten. Ich sprang auf, winkte – und so wurde ich gerettet. Denn an Bord des Wagens befanden sich zwei junge Männer, die ihren Abend mit dem beliebigen Kreuzen zwischen McDonald’s-Filialen verbrachten und mich gegen die Übernahme der Benzinkosten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 220 Stundenkilometern nach Hause fuhren.

Von meiner Insel blieb nichts als die Erinnerung. Ich habe sie danach jedenfalls auf keiner Karte finden können.

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Leserkommentare
    • Varech
    • 28. Juli 2012 10:58 Uhr

    Alles Öl verlieren und dann den Motor ruinieren.

    Aber vielleicht hört man ja bei "Snickers" die Nachtigall trappsen und zeigt sich etwas erkenntlich.

  1. Vielen Dank für diese wirklich erheiternde Erzählung! Eine schöne, fast literarische Abwechslung im vorhersagbaren Journalistikbrei. Die lakonisch geschilderten Kleinkatastrophen sind für jeden un-coolen Motorradfahrer herrlich nachvollziehbar...
    "Darum kippte ich einmal mit ihr an einer Ampel in einer ebenso würdelosen wie unaufhaltsamen Bewegung einfach auf den Asphalt."
    Davon gern mehr!

  2. Genial! Super.

  3. .
    ... dennoch bis zum endgültigen Motorschaden weiterzubrettern, statt beizeiten die nun ja auf modifiziertes Einwegverfahren optimierte Frischölschmierung entsprechend zu ergänzen, um dann, die Maschine zurücklassend, im Zustand fortgesetzter Übermüdung auch noch erstmal eine heillose Flucht auf dem ersten besten Planwagen anzutreten ... Respekt!

    Als mehrfach in der Fremde von freundlichen Eingeborenen äusserst tatkräftig unterstützter Reisender, der auch schon seinerseits mehr als einen kapitalen Motorschaden samt Gepäck und Sozia vom Autobahnkreuz des Heimatdorfes gerettet hat kann ich hier nur dringend raten, den Standort des letzten Motormuckses stets nur zusammen mit dem Wrack zu verlassen - oder gar nicht.

    Verkehrsinseln allerdings, nachgerade etwas grössere, am besten natürlich in Mitten bewohnter Gebiete mit ausreichender Infrastruktur, sind für vorübergehenden oder längeren Aufenthalt mit Zelt, sortiertem Bordwerkzeug und grösserem Reparaturbedarf meist geeigneter als euphemistisch bisweilen "Park" genannte Hundeklos, und auch die Gefahr des Diebstahls wichtiger Teile, die im Rahmen grösserer Reparaturen natürlich vorübergehend entnommen werden müssen, ist auf schwer zugänglichen Inseln inmitten rauschenden Verkehrs geringer als auf Flächen mit hoher Fussgängerfrequenz.

    Zur Not lässt sich ein Motor aber auch im Grün des Autobahndreiecks tauschen.

    Nur muss die rettende Insel dazu natürlich zusammen MIT der ruinierten Maschine aufgesucht werden ...

  4. Nächstemal besser Adresse oder Handynummer mit den kleinen Vögeln austauschen. Dann könnte ein Wiedersehen möglich werden.

    Sehr schön mit jeder Menge Galgenhumor geschrieben. Ich habe viel Spass gehabt beim Lesen.

  5. sowas kann auch schon mal länger dauern ;-)

    http://www.der-postillon....

  6. In Brandenburg soll es z.B. wieder Wölfe geben,..

  7. ... hätte mir mein erster Chefredakteur im Volontariat während der 1970er Jahre um die Ohren gehauen. Und mit was? Mit Recht. Heute gilt so etwas einem "seriösen" Medium als publikationswürdig. Der alte Kuli hatte in den 1960ern doch recht, als er prophezeite: "Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie mit dem Fernsehen noch machen werden."

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