Ich strandete, nachdem ich die Hauptinsel längst verlassen hatte, und das kam so: Etwa zwei Wochen lang war ich auf einem Motorrad durch Irland gefahren. Die technischen Details sollen hier nicht kümmern. Ich muss jedoch erwähnen, dass man auf meiner Maschine dank ihrer enorm hohen Sitzbank die Beinlänge von Nadja Auermann gebraucht hätte, um im Stand sicher den Boden zu erreichen. Darum kippte ich einmal mit ihr an einer Ampel in einer ebenso würdelosen wie unaufhaltsamen Bewegung einfach auf den Asphalt. Fortan verlor sie Öl. Erst wenig, dann mehr und mehr, bis sie bei der Rückreise am Fährterminal leckte wie ein havarierter Tanker.

Auf einer Autobahn in den Niederlanden blieb meine Maschine schließlich mit Motorschaden liegen, etwa 150 Kilometer von zu Hause entfernt. Ich beschloss zu trampen. Das Motorrad wollte ich am nächsten Tag mit einem Anhänger holen. Zur Sicherheit trug ich zunächst weiterhin meine Lederkluft und auch meinen schwarzen Helm und stand mit ausgestrecktem Daumen an der Autobahn wie ein aus Zeit und Raumschiff gefallener Darth Vader, während der Verkehr wie in Lichtgeschwindigkeit an mir vorüberzog. Mitunter winkten mir Kinder zu. Ich habe selten erniedrigendere Momente erlebt.

Schließlich stoppte der Fahrer einer Spedition, den ich aus lauter Dankbarkeit nicht einmal fragte, wohin er fuhr. Irgendwann, ich war offenbar eingeschlafen, erwachte ich, als er in einem Industriegebiet hielt und sagte: »So, Trier!« Mit einem beschwingten Gruß stieg ich aus, so, als hätte ich gewusst, wo Trier überhaupt ist.

Der Wagen fuhr davon, und ich blickte mich um: nichts als Warenlager und breite, leere Straßen. Etwa 100 Meter entfernt lag eine kleine Verkehrsinsel, dahin schleppte ich mein Gepäck. Schlagartig müde, als wäre ich nach einem Schiffbruch mit letzter Kraft den Wellen entstiegen, warf ich Helm und Taschen in die Mitte der Insel. Sie ähnelte einem dieser Bonsai-Eilande, wie man sie aus Cartoons kennt. Anstelle der Palme krümmte sich in ihrer Mitte allerdings eine Straßenlaterne. Unter dieser breitete ich meine Karte aus und stellte erschrocken fest: Ich war inzwischen 400 Kilometer von zu Hause entfernt.

Eine endlose Zeit des Wartens begann. Denn meine Verkehrsinsel lag, wie sich schnell herausstellte, nicht an der Hauptader der Globalisierung. Sie galt offenbar eher als eines dieser Atolle, die man in Kenntnis ihrer Unwirtlichkeit weiträumig umfährt. So wurde die Verkehrsinsel meine neue Heimat. Schon nach wenigen Minuten kannte ich jeden gepflasterten Stein. Dann und wann schöpfte ich Hoffnung, wenn aus der Ferne ein Lkw auf mich zusteuerte – der jedoch fast ebenso weit entfernt wieder abbog.

Stunde um Stunde verstrich. Es wurde heiß, und da meine Insel nirgends Schatten bot, trotzte ich der Sonne mit meinem Helm, den ich wie eine unvorteilhafte Mütze trug. Ich bekam Durst und Hunger, registrierte aber mit zunehmender Sorge: Der Snickers-Vorrat wurde knapp, auch die Sprite ging zur Neige.

Anders, als man es aus Filmen mit Gestrandeten kennt, bereitete mir die Einsamkeit keine Mühen. Trotzdem freute ich mich zwischenzeitlich über die Gesellschaft eines kleinen Vogels, der offenbar auf seinem langen Flug in den Süden oder in die Trierer Innenstadt meine Insel für eine Zwischenlandung nutzte. Schon bald darauf flog er fort. Ich habe ihn nie wiedergesehen. 

Langsam wurde es dunkel. Vergeblich wartete ich auf den Mond, dafür sprang die Laterne an. Ich weiß nicht, wie lange ich in ihrem milchigen Licht gesessen habe, als sich mir zwei Scheinwerfer wie synchron fliegende Glühwürmchen näherten. Ich sprang auf, winkte – und so wurde ich gerettet. Denn an Bord des Wagens befanden sich zwei junge Männer, die ihren Abend mit dem beliebigen Kreuzen zwischen McDonald’s-Filialen verbrachten und mich gegen die Übernahme der Benzinkosten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 220 Stundenkilometern nach Hause fuhren.

Von meiner Insel blieb nichts als die Erinnerung. Ich habe sie danach jedenfalls auf keiner Karte finden können.