UngarnBett, Schweiß und Viren

Auf halbem Weg macht der Wagen schlapp: Mit Katze, zwei Hunden und einer Grippe im ungarischen Kettenhotel von Juli Zeh

Die Kettenbrücke über der Donau verband Buda und Pest.

Die Kettenbrücke über der Donau verband Buda und Pest.  |  © Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images

Ich habe nichts gegen technischen Fortschritt, es sei denn, er findet unter der Motorhaube meines Autos statt. Elektronische Bauteile wie das zylinderindividuelle Einspritzregelungstemperaturfühlermessrelais wurden nur erfunden, um auf dem Weg ins bulgarische Rila-Gebirge irgendwo im ungarischen Nirgendwo den Geist aufzugeben.

Wir schaffen es bis Budapest. Wir, das sind zwei Erwachsene, zwei Hunde, eine Katze und Gepäck für zwei Monate.

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In der Werkstatt erklärt man uns in einer Fantasiesprache, dass ein Ersatzteil der benötigten Ausführung zwar existiere, aber nicht im Hier und Jetzt, sondern im Sonstwo und Irgendwann. Man empfiehlt uns ein Kettenhotel im Gewerbegebiet.

Juli Zeh

38, lebt in Brandenburg. Demnächst erscheint ihr neuer Roman Nullzeit

Was in unserem Zimmer am Fenster hängt, sieht aus wie Duschvorhänge und riecht auch so. Auch die Abmessungen unserer neuen Behausung erinnern an eine Duschkabine. Die Hunde füllen den schmalen Gang zwischen Bett und Wand. Die Katze füllt jene Ecke des Schreibtischs, die nicht vom bauchigen Fernseher gefüllt wird. Den Rest des Platzes füllen unsere Koffer. Uns Menschen bleibt das Bett als ständiger Aufenthaltsort. Um diese Tatsache in einen logischen Zusammenhang zu stellen, entscheiden wir uns spontan für einen grippalen Infekt.

Wir husten und niesen. Wir schniefen und schnauben. Das letzte bisschen Luft im Raum riecht nach Schweiß und Viren. Draußen fällt Dauerregen. Es wird auch tagsüber nicht hell. Morgens und abends schleppen wir uns vor die Tür, um in der benachbarten Mall Nasentropfen, Brötchen und Scheibenkäse zu kaufen. Was wir nicht aufessen, legen wir zu den angebrochenen Hunde- und Katzenfutterdosen auf den Fernseher.

Gestrandet

Die schönsten Geschichten erlebt man auf Reisen, die schiefgehen. Auto kaputt, Hotel ausgebucht – und schon findet man sich dort wieder, wo man sonst nie hingekommen wäre. Neun Autoren erzählen, wo sie gestrandet sind.

Roger Willemsen: Im Sande verlaufen

Juli Zeh: Bett, Schweiß und Viren

Olga Grjasnowa: Papagei im Transitkäfig

Johannes Strempel: Eine Geschichte mit Bart

Markus Wolff: Robinson im Industriegebiet

Stefanie Flamm: Sex und Sardinen

Silke Scheuermann: Haltlos nach Amsterdam

Stefan Nink: Weich gelandet

Andreas Maier: Hiesige Verzauberung

Am zweiten Tag geht in der Werkstatt niemand ans Telefon. Am dritten spricht keiner Englisch. Am vierten weiß man nicht mehr, wer wir sind. Am fünften setzen wir uns ins Taxi und fahren hin. Das Ersatzteil hat sich noch nicht materialisiert. Wir sollen zu Hause warten. Man wird uns anrufen.

Zuhause – das ist das Hotel. Wir legen uns aufs Bett. Die Zeit löst sich auf. Es gibt kein Heute und Morgen mehr. Irgendwann wird es egal, ob der Mechaniker noch anruft oder nicht. Grippeviren, Dauerregen und Scheibenkäse verbinden sich zu einer besonderen Form von Ewigkeit. Zu einer Metapher für die Vergeblichkeit aller Fluchtversuche. You can check out any time you like, but you can never leave. Ein Teil von mir ist immer noch dort, auf dem Bett, in Budapest. Starrt mit tränenden Augen an die Decke und denkt: Beim Stranden sollte darauf geachtet werden, dass ein Strand in der Nähe ist.

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  • Schlagworte Reise | Ungarn | Budapest | Hotel | Mobilität
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