GriechenlandAthen, du Ärmste

Das dritte Jahr in Folge reiste unser Reporter Moritz von Uslar in die griechische Hauptstadt, um mit Künstlern, Intellektuellen und Politikern über die Krise zu sprechen. Diesmal nahm er einen Wirtschaftsexperten mit: Den Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler.

Er erscheint eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit, eine tolle Agilität, Spannung, Anspannung, ja Hypernervosität steckt in diesem langen, schmalen Körper, und schon am Abfluggate in München ist klar, dass dies ein paar schnelle, heiße, umkämpfte Tage werden.

Wen wir während unserer dreitägigen Reise, der Obduktion Athens, der Hauptstadt des krisengeschüttelten Europa, alles treffen wollen, fragt Ernst-Wilhelm Händler. Verabredet sind wir, hoppla, gleich mit dem ganzen Spektrum der griechischen Gesellschaft, also mit einem arbeitslosen Elektriker, einem Unternehmer, einer Politikerin, einem Schriftsteller und dem Chef der Deutsch-Griechischen Handelskammer. »Das wird interessant«, sagt Händler und sieht auf sympathische Art ein wenig erschrocken aus, weil diese vorbildliche Recherche natürlich immer auch eine erfundene, jedenfalls eine anstrengende Sache ist.

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Der Reporter reist in diesem Sommer das dritte Jahr in Folge zur Krise nach Athen – diesmal soll ihn ein Fachmann begleiten: Ernst-Wilhelm Händler, 59 Jahre alt, Schriftsteller und Geschäftsmann aus München. Dafür, dass Händler schon sieben Romane geschrieben hat und diese von der Kritik sehr gelobt worden sind, ist sein Name nur begrenzt bekannt. Seine Bücher – zum Beispiel Wenn wir sterben (2002) – spielen in der Welt der Wirtschaft und der Unternehmen. In einer grandios präzisen, kalten und universellen Sprache berichtet seine Literatur aus der unmittelbaren Gegenwart der Gesellschaft heraus von den Mechanismen der Marktwirtschaft und den Verführungen und Gefahren des kapitalistischen Systems. Händler ist ein Schriftsteller-Schriftsteller (er selber hätte wohl kein Problem mit dieser Titulierung), seine Wirkung bei Kritik und Kollegen ist höher, als sich das an Auflagen ermessen lässt. Interessant ist doch, dass Händler auf seinem Gebiet, der Wirtschaft, über ein handfestes Insiderwissen verfügt, wo viele Schriftsteller mangels Erfahrung entweder nichts zu erzählen haben oder schönen Ideen und Ideologien nachhängen. Händler war schon mittelständischer Unternehmer (250 Mitarbeiter, 25 Millionen Euro Jahresumsatz, der Familienbetrieb stellte Schaltschränke und Installationsverteiler her), bevor er um 1995 den Zweitberuf des Schriftstellers ergriff. Nach der Jahrtausendwende verkaufte Händler die Firma an seinen Kunden Siemens, seither tätigt er Immobiliengeschäfte (er nennt sie überschaubare Projekte). Es ist jene Erfahrung außerhalb der literarischen Welt, die Händlers Bücher zu Zeitzeugnissen, zu aus der Reihe fallenden Kunstwerken macht. Kann es einen kompetenteren Inspekteur der Wirtschaftskrise in Athen geben?

Ernst-Wilhelm Händler

wurde 1953 in München geboren, studierte BWL und Philosophie. Er ist Schriftsteller und Geschäftsmann. 2001 verkaufte er den familieneigenen Betrieb. Seine Romane, seit 1995 in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen – »Wenn wir sterben« (2002), »Die Frau des Schriftstellers« (2006) oder »Welt aus Glas« (2009) –, spielen in der modernen Geschäftswelt, setzen sich mit dem kapitalistischen System auseinander. Händler lebt heute in München, Regensburg und in Umbrien. Sein neuer Roman erscheint im Frühjahr 2013 bei Fischer.

Wir sind mit der komischen Endzeitidee losgefahren, dass in Athen die ec-Automaten nicht mehr funktionieren. Also viel Bargeld in den Taschen. Erster Eindruck: Die Straßen sind leer. Die Leute können sich das Autofahren schlicht nicht mehr leisten. Zweiter Eindruck: Der Athener ist demonstrationsmüde. Vielleicht zum ersten mal seit Ausbruch der Krise ist vor dem Parlament am Syntagma-Platz kein Transparent zu sehen. Sonst alles wie immer: hässliche Stadt. Eisengitter vor den Schaufenstern, die leer stehenden Ladenlokale sind mit Plakaten zugeklebt. Wir wohnen im Luxushotel George Lycabettus im Boutiquenviertel Kolonaki. Reichtum sieht in der Krise noch hässlicher aus. Armut auch.

Noch im Taxi hat Händler – nach Kontrolle seiner Geschäfts-E-Mails und Kurztelefonat mit seiner Assistentin (»Ich bin in Athen, für Sie aber natürlich immer zu erreichen«) – erklärt: »Man hat das Gefühl, an der Krise in Athen sind allein die Griechen, nicht der Euro schuld. Ich sage ausdrücklich: Man hat das Gefühl.« Wenn Händler sich ins Gespräch einmischt, dann stets mit der Höflichkeitsfloskel »Verzeihung...«. Nächste Erklärung Händlers: »Verzeihung, aber die Griechen haben die günstigen Finanzierungsmöglichkeiten als Euro-Mitglied eben nicht für Investitionen genutzt, sie haben das Geld für Klientelwirtschaft ausgegeben.« Im Angesicht der maroden Stadt ist dem Schriftsteller und Geschäftsmann fast so etwas wie Empörung anzuhören: »Die Griechen sind schon Schluris. Man hat Reformen geschworen – Beamtenapparat zurückfahren, Steuersystem effektiver machen, Korruption bekämpfen. Und dann kam: so gut wie nichts.«

Erstes Treffen, wir sitzen in einem Café im Jachthafen von Piräus: der arbeitslose Elektriker, ein Mann um die fünfzig. Nach zwei Jahren ist sein krankheitsbedingter Pensionsanspruch jetzt durchgesetzt, aber die Bank, bei der er heute war, zahlt ihm das Geld nicht aus. Es ist manchmal schwer, das konkrete Schicksal so eines Mannes zu begreifen, da man die Geschichten von Arbeitslosigkeit und plötzlicher Armut schon gut aus dem Fernsehen kennt. Händler ist ein guter Interviewer, er hat sich vorbereitet. Vom Elektriker Jorgos will er wissen, was dran ist am in Deutschland verbreiteten Klischee, dass der kleine und mittelständische Unternehmer in Griechenland keine Steuern zahlt. Es fällt die klassische Klage: »Die Kleinen zahlen, die Großen zahlen nicht.« Der Elektriker erzählt die absurde Geschichte, dass Läden an der Hauptstraße in Griechenland mehr Steuern zahlen müssen als Läden in Seitenstraßen: Jorgos’ Laden lag an einer Hauptstraße. Fazit Händler: »Wenn so einer schwarzarbeitet, dann ist es Notwehr.« Das Beispiel des arbeitslosen Elektrikers, so Händler, zeige, dass man in einem Staat, dessen Steuersystem verrückt sei, dem Einzelnen nicht beibringen könne, seine Steuern zu zahlen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Diskriminierungen. Danke, die Redaktion/mk

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    Wann zahlen denn diejenigen dafür dass die auf Kosten der anderen gelebt haben und immer noch leben. Kann man so schön auf andere Gegenden dieser Welt anwenden. z.B. zwischen nördlichem Alpenrand, östlich Frankreichs und der Benelux Länder, westlich Tsechiens und Polens etc. Oder auf der Insel mit Linksverkehr. Der Unterschied: Im Süden ist's schon aufgefallen, im Norden wird's noch auffallen.

    ...von ihrem Staat gelebt, jeder für sich, jeder gegen das Gemeinwesen. Die Konsequenzen beschreibt folgender Artikel:http://ef-magazin.de/2011/06/21/3048-griechenland-und-tschechien-wo-der-boehmische-loewe-sitzt-muss-die-attische-eule-erst-hin.

    Wann zahlen denn diejenigen dafür dass die auf Kosten der anderen gelebt haben und immer noch leben. Kann man so schön auf andere Gegenden dieser Welt anwenden. z.B. zwischen nördlichem Alpenrand, östlich Frankreichs und der Benelux Länder, westlich Tsechiens und Polens etc. Oder auf der Insel mit Linksverkehr. Der Unterschied: Im Süden ist's schon aufgefallen, im Norden wird's noch auffallen.

    ...von ihrem Staat gelebt, jeder für sich, jeder gegen das Gemeinwesen. Die Konsequenzen beschreibt folgender Artikel:http://ef-magazin.de/2011/06/21/3048-griechenland-und-tschechien-wo-der-boehmische-loewe-sitzt-muss-die-attische-eule-erst-hin.

    • Marula
    • 20.07.2012 um 9:59 Uhr

    Das kommt einem bekannt vor aus Bulgarien. Die Rente wird - wenn überhaupt - nach zwei Jahren bewilligt und dann erst mal nicht ausgezahlt. Selbst wenn es nur 75 Euro im Monat sind, die aber dringend benötigt werden. Die Hilflosigkeit der Menschen gegenüber einer Bürokratie, die sich verselbständigt hat und kaum noch ohne Gegenleistung Dienstleistungen erbringt.
    Wie soll man das jemals ändern? Den Beamten hinter dem Schalter durch den Antragsteller vor dem Schalter ersetzen? Wird der sich nicht genauso verhalten, weil das System das belohnt?
    Die größte Furcht haben in Bulgarien korrupte und betrügerische Firmen vor dem Europäischen Verbraucherzentrum und korrupte und unfähige Behörden vor SOLVIT, beides EU-Institutionen und nicht eingebunden in das System von Vetternwirtschaft und Korruption wie die nationalstaatlichen Institutionen. Viele Probleme lösen sich auf einmal auf, sobald sich die EU-Behörden einschalten. Beide dürfen aber nur in Bulgarien lebende EU-Ausländer anrufen, nicht die Bulgaren selbst, sonst würde ja in die Souveränität des Gastlandes eingegriffen.
    Solange es keine externe und unabhängige Beschwerdestelle für alle gibt, kann sich in einer korrupten Gesellschaft kaum jemand wehren. Wenn die Griechen aber wie Frau Katseli gegen jede Intervention der EU sind, dann ist ihnen auch nicht zu helfen.

    Eine Leserempfehlung
  2. Händler hat zwar recht dass es kein vollständiges und vor allem einfach zu kommunizierendes Alternativ-Modell gibt. Das man am Tag X statt Kapitalismus einführt und das dann funktioniert. Aber das braucht man natürlich auch gar nicht, was soll das also? Wenn man wirklich (!) unzufrieden ist mit dem was in unseren Gesellschaften passiert dann braucht man doch nur ernsthaft schauen wie bestimmte Maßnahmen sich auf Leid und Glück von konkreten Menschen auswirken. Ein ordentliches Steuersystem errichten und Korruption bekämpfen ist so gesehen wohl ok. Renten kürzen, vor allem im unteren Bereich müsste absolut unvermeidlich sein, Ultima Ratio, um akzeptabel zu sein. Usw..
    Der kapitale Fehler der von machthabenden Politikern gemacht wird ist die Interessen der Menschen und der volkswirtschaftlichen Daten, Bewertung durch Rating-Agenturen einfach als IDENTISCH zu erklären. Wenn man wirklich eine humane Sichtweise könnte man auch im bestehenden System viele kleine Schritte machen die eine Revolution unnötig machen. Wenn der Begriff der mitfühlenden Marktwirtschaft mehr wäre als eine hohle Phrase.

    2 Leserempfehlungen
  3. Wann zahlen denn diejenigen dafür dass die auf Kosten der anderen gelebt haben und immer noch leben. Kann man so schön auf andere Gegenden dieser Welt anwenden. z.B. zwischen nördlichem Alpenrand, östlich Frankreichs und der Benelux Länder, westlich Tsechiens und Polens etc. Oder auf der Insel mit Linksverkehr. Der Unterschied: Im Süden ist's schon aufgefallen, im Norden wird's noch auffallen.

    Antwort auf "[...]"
  4. wenn man den Griechen verallgemeinert,
    ihn mit Missgunst übersäht anstatt mal mitzufühlen.
    Selbst wenn die Griechen "selber Schuld" sind, dort droht die absolute Verelendung. Wer dann lieber wegschaut, sich die Bild schnappt und stumpfe Parolen über das griechische Volk verbreitet, der sollte sich einmal selbst hinterfragen.
    Und ein jeder der "den Griechen" für sein Schicksal verantwortlich macht, der sollte sich selber fragen wie es um die eigene Steuermoral steht. Den möchte ich sehen, der in Zukunft freiwillig zwei Jahre länger arbeitet um die älter werdende deutsche Bevölkerung mit ihrer Rente zu versehen und die Staatskasse zu füllen, alles aus der Verantwortung des mitdenkenden Bürgers heraus, der sich um den Staatshaushalt sorgt.

    Wir sind kalt geworden, verdammt kalt...

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    Kann ich ehrlich gesagt, mit leben !
    Wer 67 Jahre später mit Reperationszahluingen ankommt (War Griechenland mal Siegermacht?)und meint in Griechenland gäbe es nicht zu viel Beamte, tja ....?!!!
    Griechenland sollte sich verabschieden und sich mit dem Schuldenschnitt zufrieden geben !
    War doch leichte Kohle !

    Meinetwegen kann jeder gern warmherzig sein und zahlen.
    Mir reicht, was ich zahle für die EURO-EU, ohne es zu wollen.
    Ich suche mir aus, wofür ich sonst so was zahle und verbitte mir Vorwürfe a la Kälte.

    Kann ich ehrlich gesagt, mit leben !
    Wer 67 Jahre später mit Reperationszahluingen ankommt (War Griechenland mal Siegermacht?)und meint in Griechenland gäbe es nicht zu viel Beamte, tja ....?!!!
    Griechenland sollte sich verabschieden und sich mit dem Schuldenschnitt zufrieden geben !
    War doch leichte Kohle !

    Meinetwegen kann jeder gern warmherzig sein und zahlen.
    Mir reicht, was ich zahle für die EURO-EU, ohne es zu wollen.
    Ich suche mir aus, wofür ich sonst so was zahle und verbitte mir Vorwürfe a la Kälte.

  5. ...von ihrem Staat gelebt, jeder für sich, jeder gegen das Gemeinwesen. Die Konsequenzen beschreibt folgender Artikel:http://ef-magazin.de/2011/06/21/3048-griechenland-und-tschechien-wo-der-boehmische-loewe-sitzt-muss-die-attische-eule-erst-hin.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  6. 7. [...]

    Entfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Argumenten zur Diskussion bei. Danke, die Redaktion/mk

  7. Kann ich ehrlich gesagt, mit leben !
    Wer 67 Jahre später mit Reperationszahluingen ankommt (War Griechenland mal Siegermacht?)und meint in Griechenland gäbe es nicht zu viel Beamte, tja ....?!!!
    Griechenland sollte sich verabschieden und sich mit dem Schuldenschnitt zufrieden geben !
    War doch leichte Kohle !

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    Nur zu ihrer information...
    1.die Griechen gehoerten zu den siegesmaechten
    2.Das Londoner schuldenabkommen hat fuer Deutschland auch Griechenland unterschrieben.
    3.Reparations-und entschaedigungszahlungen sowie rueckzahlung aller "Notkreditte" von Deutschland aus haben nie statt gefunden.
    4.Nach der wiedervereinigung Deutschlands haette der vertrag in kraft gesetzt werden muessen und Deutschland sollte zahlen...tat es aber nicht.
    5.Die Griechen werden sich auch...67 jahre zeit lassen und dann mit der begruendung: "Es ist doch laengst verjaehrt" nichts zurueckzahlen.Guter gedanke?Sieht auf jedenfall nach Deutschen prinzip aus.Der untzerschied:Es geht nur ums geld,was eigentlich nie da gewesen ist...kein land ist bombardiert,ausgepluendert und hungersnot gestorben.

    PS:Bleiben sie bei ihrer einstellung aber wenn es ihnen so passt...HOEREN SIE AUF MIT DER "FINANZKRISEKEULE" die Griechen zu difarmieren...es sei denn sie koennen es nicht lassen.

    Nur zu ihrer information...
    1.die Griechen gehoerten zu den siegesmaechten
    2.Das Londoner schuldenabkommen hat fuer Deutschland auch Griechenland unterschrieben.
    3.Reparations-und entschaedigungszahlungen sowie rueckzahlung aller "Notkreditte" von Deutschland aus haben nie statt gefunden.
    4.Nach der wiedervereinigung Deutschlands haette der vertrag in kraft gesetzt werden muessen und Deutschland sollte zahlen...tat es aber nicht.
    5.Die Griechen werden sich auch...67 jahre zeit lassen und dann mit der begruendung: "Es ist doch laengst verjaehrt" nichts zurueckzahlen.Guter gedanke?Sieht auf jedenfall nach Deutschen prinzip aus.Der untzerschied:Es geht nur ums geld,was eigentlich nie da gewesen ist...kein land ist bombardiert,ausgepluendert und hungersnot gestorben.

    PS:Bleiben sie bei ihrer einstellung aber wenn es ihnen so passt...HOEREN SIE AUF MIT DER "FINANZKRISEKEULE" die Griechen zu difarmieren...es sei denn sie koennen es nicht lassen.

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