KarriereSind Kinder und Karriere vereinbar?

Eine amerikanische Spitzenpolitikerin gibt ihr Amt auf – und entfacht eine Debatte neu. von  und

Anne-Marie Slaughter

Anne-Marie Slaughter  |  © Alex Wong/Getty Images

Nein

Frauen können immer noch nicht alles gleichzeitig haben. Arbeitswelt und Gesellschaft lassen es einfach nicht zu. Endlich hatte es eine gesagt: Anne-Marie Slaughter, Politik-Professorin an der Universität Princeton, stieg 2009 als erste Frau in die Position der Chefin des Planungsstabes im US-Außenministerium auf. Nach zwei Jahren durchgetakteten Lebens warf sie hin. Sie wollte lieber bei ihren beiden heranwachsenden Söhnen sein.

Slaughter schrieb einen Aufsatz über ihre Beweggründe. Selbst Feministin, fand sie sich mit ihrer Entscheidung gegen ihren Traumjob plötzlich auf der Seite derjenigen Frauen, denen sie, wie sie schreibt, vorher immer mit einem »leicht überheblichen« Lächeln entgegentrat, wenn diese einen Job wegen der Familie aufgaben. Jetzt liest sich ihr Bekenntnis, gerade weil es von einer Vertreterin der älteren Garde von Emanzipationskämpferinnen kommt, wie ein Aufruf zur Befreiung der jüngeren. Denn die müssen sich nicht mehr nur mit gläsernen Decken und frauenfreien Abteilungen und Etagen herumschlagen, sondern auch mit dem Anspruch älterer Zeitgenossinnen à la Ursula von der Leyen: Alles ist vereinbar. Wir können sieben Kinder haben, Ministerin sein und, ach ja, immer noch in Kleider der Größe 34 passen. Wir können alles gleichzeitig, Kinder, Karriere und noch mehr.

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Nein, das können wir nicht. Die es können, sind die Ausnahme, nicht die anderen. Für Slaughter war es an der Zeit, das auszusprechen – es ist befreiend. Nun kann man ihr vorwerfen, dass sie eine Eliten-Debatte führt. Slaughter ist ja nicht an den Herd zurückgekehrt, sondern hat einen Top-Job gegen einen anderen eingetauscht, der es ihr ermöglicht, auch unter der Woche abends nach Hause zu gehen. Eine Princeton-Professorin, die zwei Jahre im Zentrum der Macht in Washington arbeitete, hat weder Geld- noch Betreuungsprobleme. Sie hat ein Zeit- und Gewissensproblem.

Aber die Eliten-Frau hat sich in einer Frage ehrlich gemacht, die auch die Normalo-Frau interessieren dürfte: Obwohl sie sich als Spitzenverdienerin die beste Betreuung für ihre Kinder leisten konnte; und obwohl sie als Mutter entschieden hat, mehr Zeit bei ihrem Job als zu Hause zu verbringen, musste sie einsehen: Es geht nicht. Der Preis ist einfach zu hoch.

Slaughters Befund ist düster, aber ehrlich. Für viele Feministinnen bedeutet er Verrat; für viele andere dagegen, die »nur« supertoll in einer Disziplin sind oder sein wollen, Job oder Mutter, ist er entlastend. Woher kommt dieser Anspruch überhaupt, alles gleichzeitig tun und haben zu können? Können Männer ja auch nicht. Haben sie gute Jobs, werden sie oft zu Feierabend- oder Wochenendvätern. Sie teilen also das Problem von Karrierefrauen, und viele leiden auch darunter – nur dass es bei ihnen heißt, sie opferten ihr Privatleben ihrer Arbeit. Während Frauen häufig als Rabenmütter beschimpft werden. Das sind sie nicht, sondern sie stecken in einem Dilemma – und sind darin den Männern tatsächlich einmal gleichgestellt.

Özlem Topcu

Leserkommentare
    • SAHD
    • 18. März 2013 11:06 Uhr

    Ja sind sie, wenn "Karrierefrauen" bereit wären, einen Vollzeithausmann zu finanzieren, denn es gibt viele Männer in 08/15 Jobs, die lieber ihr Kinder erziehen würden.

  1. Klar sind Kinder und Karriere vereinbar.
    Wenn Mutter/Vater bereit ist, täglich auf viele Stunden gemeinsam verlebtes Leben mit seinem Nachwuchs zu verzichten. Und das ist nicht jedermans Sache.

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