Vor fünfzig Jahren, am 17. August 1962, endete das Leben von Peter Fechter beim Versuch, über die Berliner Mauer in den Westen zu gelangen. Der 18-Jährige wurde von DDR-Grenzposten erschossen. Die Kugeln hätten auch Helmut Kulbeik treffen können, der gemeinsam mit seinem Kumpel Peter die Flucht gewagt hatte. Doch Kulbeik kam durch und konnte im Westen ein neues Leben beginnen. Er ist der einzige unmittelbare Zeuge des Fluchtversuchs. Und hat – bis jetzt – über seine Erinnerungen geschwiegen. Ein Foto von sich will er auch heute noch nicht in der Zeitung sehen.

Kulbeik lebt in Berlin. Die Teilung der Stadt ist längst Geschichte, doch die Bilder von damals lassen ihn nicht los. Nein, die Flucht sei kein Fehler gewesen, kein Dummejungenstreich, sagt er. Er habe damals weggewollt, weg aus dem Osten, raus aus der DDR. Das System habe ihn bedrückt. Und eigentlich sei die Flucht ja nicht schwierig gewesen – eine Sache von Sekunden.

Doch die Sache ging schief. Fechter wurde von einer Maschinenpistolensalve getroffen und verblutete vor den Augen westlicher Polizisten und Journalisten, die ihm nicht helfen konnten, am Fuß der Mauer. Die Fotos von seinem Sterben gingen um die Welt, sein Tod wurde zum Sinnbild der andauernden Menschenrechtsverletzungen des DDR-Regimes . Am Mahnmal für Peter Fechter in der Westberliner Zimmerstraße legten Politiker und Staatsgäste alljährlich Blumen nieder, Touristen kamen. Heute erinnert hier eine Gedenksäule an den jungen Mann und seinen schrecklichen Tod.

Ein halbes Jahrhundert danach stellt sich sein Fluchtgefährte Helmut Kulbeik erstmals den Fragen nach den Geschehnissen von damals. Noch immer stehen sie ihm plastisch vor Augen.

Anfang der sechziger Jahre lebt Kulbeik, wie Fechter 1944 geboren, mit seinen Eltern in Berlin-Friedrichshain, im Osten der Stadt. Sein Vater, ein Werkzeugmacher, möchte gern, dass er studiert. Doch der Sohn will rasch Geld in der Tasche haben, also beginnt er auf dem Bau: Er macht eine Lehre als Betonbauer. Dabei lernt er den Maurergesellen Peter Fechter kennen. Die beiden erleben, wie 1961 die Mauer gebaut wird. Helmut kann seine Großmutter in West-Berlin nicht mehr besuchen, auch Onkel und Tante sind »drüben«. Peter, der mit seinen Eltern in einer kleinen Wohnung in Berlin-Weißensee lebt, verliert den Kontakt zu einer seiner älteren Schwestern.

Die beiden Kollegen vom Bau verstehen sich gut. Gemeinsam gehen sie zu Schulungen, treffen sich auch privat und fahren mit den Freundinnen ins Grüne. Im Mai 1962 hecken sie den Plan aus, in den Westen zu fliehen. Die Idee kommt von Helmut, er ist der Aktivere von beiden, Peter gilt eher als vorsichtig.

Ein paarmal laufen sie die Grenze ab. Vorerst finden sie keine geeignete Stelle. Im Sommer arbeiten sie dann mit ihrer Brigade in Berlin-Mitte am ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Palais. Von hier aus ist es nicht weit bis zur Mauer. Wieder erkunden Kulbeik und Fechter die Möglichkeiten zur Flucht. Sie stoßen auf ein Fabrikgebäude, in dem sich unter anderem eine Tischlerei befindet, direkt am Grenzstreifen. Von hier aus wollen sie es wagen.

Am 17. August 1962 steht Kulbeik wie üblich um fünf Uhr auf. Er frühstückt, gegen sechs fährt er zur Baustelle. Dort trifft er Peter, sie beginnen ihre Arbeit. Zur Pause am späten Vormittag gehen sie mit zwei Kollegen in die Kneipe Bullenwinkel am Hausvogteiplatz, ein paar Minuten entfernt. Sie essen eine Kleinigkeit, trinken ein Bier. Auf dem Rückweg behaupten sie, noch schnell Zigaretten holen zu wollen. Sie trennen sich von den Kollegen und kehren noch einmal zur Kneipe zurück. Ihr Entschluss steht fest, sie wollen abhauen.

Sie verabschieden sich von der Wirtin, dann gehen sie zu dem Fabrikgebäude an der Grenze. Ihre Arbeitskleidung tarnt sie, ungehindert gelangen sie in das Innere des Hauses in der Zimmerstraße. Zur Grenze hin sind alle Fenster zugemauert bis auf ein kleines im Erdgeschoss, etwa einen halben Meter hoch und breit. Genau darunter finden die beiden einen großen Berg Hobelspäne. Hier verkriechen sie sich.

Die Grenzposten beginnen von oben zu schießen

Das Versteck erscheint ihnen günstig. Sie wollen abwarten, bis sie ein Gefühl für die Situation bekommen. Zwei Stunden bleiben sie still liegen, dann hören sie Stimmen in unmittelbarer Nähe. Sie befürchten, entdeckt zu werden, und entschließen sich, so bald wie möglich zu handeln. Als die Stimmen sich wieder entfernt haben, gibt Kulbeik das Kommando. Beide ziehen ihre Schuhe aus, um möglichst lautlos zu sein, und springen aus dem kleinen Fenster hinaus auf die Straße. Kulbeik bemerkt noch einen herumstehenden Arbeiter, der jedoch »vollkommen sprachlos« bleibt.

Die beiden stürzen über den Bürgersteig, überspringen den Grenzzaun und rennen über die zehn Meter breite Fahrbahn auf dem Grenzstreifen bis zur Mauer. Fechter erreicht sie als Erster. In diesem Moment werden die beiden entdeckt. »Direkt von oben« beginnen die Grenzposten zu schießen – offenbar ohne Vorwarnung.

Kulbeik springt die Mauer hoch – ihm gelingt die Flucht

Was dann geschieht, wird Kulbeik sein Leben lang nicht verstehen können. Er bemerkt, dass Fechter »wie angewurzelt« stehen bleibt. Kulbeik rennt an ihm vorbei, springt die Mauer hoch und wirft sich auf den Stacheldraht der Mauerkrone. Er verletzt sich dabei an der Brust, doch das nimmt er kaum wahr. Unter sich sieht er Peter Fechter stehen, der sich noch immer nicht rührt. Er ruft ihm laut zu: »Nun los, nun los, nun mach doch!« Doch sein Freund bewegt sich nicht von der Stelle.

Kulbeik lässt sich auf die andere Seite der Mauer fallen. Mit einem Schlag ist er im Westen. Wie in Trance rennt er über eine Wiese in Richtung des Springer-Verlagshauses. Er nimmt zwei Soldaten der US-Streitkräfte wahr, einen Weißen und einen Dunkelhäutigen. Sie leiten ihn zu einem Jeep und fahren ihn davon.

Was sich währenddessen jenseits der Mauer abspielt, erfährt Helmut Kulbeik erst später, von der Westberliner Polizei und aus Zeitungsberichten. Peter Fechter wird von einer Gewehrsalve getroffen, die Kugeln zerfetzen sein Becken. Er bricht zusammen, direkt an der Mauer, wo er fünfzig Minuten lang schreiend und später wimmernd verblutet, ohne dass ihm jemand zu Hilfe kommt. Ein Fotograf und ein Kameramann befinden sich auf Westberliner Seite zufällig in der Nähe. Ihre Aufnahmen von dem Sterbenden gehen um die Welt. »Immer wieder« wird Kulbeik diese Bilder später sehen.

Im Westen folgen für den Flüchtling unruhige Tage. Kulbeik wird von seinen Verwandten aufgenommen. Zweimal sagt er vor der Polizei aus. So erfahren die Ermittler und die Öffentlichkeit den Namen des Toten. Heerscharen von Reportern versuchen, Kulbeik zu interviewen oder Bilder von ihm zu machen, doch sie dringen nicht zu ihm vor. Die Verwandten helfen dem Flüchtling, sich von der Presse abzuschotten.

Die Stasi durchsucht die Wohnung der Familie

Kulbeik steht noch lange »wie unter Schock«. Er will über seine Erlebnisse nicht reden. Sein Name soll nicht veröffentlicht werden, Kulbeik befürchtet, seine Eltern könnten sonst Ärger bekommen. So gerät allmählich in Vergessenheit, dass bei Peter Fechters tragischem Fluchtversuch ein zweiter Mann dabei war.

Im Ostteil der Stadt nehmen nach dem Zwischenfall Volkspolizei und Staatssicherheit ihre Ermittlungen auf. Sie durchsuchen die Wohnungen der entsetzten Eltern. Sie können »keinerlei Anzeichen eines vorbereiteten Grenzdurchbruchs« entdecken. Das Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte stellt gegen Kulbeik einen Haftbefehl aus. Kulbeik gilt, wie auch Fechter, als Verbrecher, da er »ohne Genehmigung demokratischer Organe das Gebiet der DDR« verlassen hat. Die Post seiner Eltern wird fortan von der Stasi überwacht. Erst zehn Jahre nach dem Ereignis hebt die DDR den Haftbefehl gegen ihn auf. Helmut Kulbeik kann nun in den Osten reisen, unbehelligt besucht er seine Eltern.

Nach dem Fall der Mauer und dem Sturz des SED-Regimes wird Kulbeik im Zuge der Mauerschützenprozesse noch einmal von der Polizei vorgeladen. Er erklärt den Beamten die Motive für seine Flucht. Er spricht vom Mauerbau, erzählt, wie er und Fechter ihn 1961 erlebten. Er berichtet vom »Druck, der ständig ausgeübt wurde«, und davon, dass er »berufs- und freizeitmäßig eingegliedert werden« sollte. Peter Fechter und er aber wollten nur eins: »Wir wollten frei sein.«

Helmut Kulbeik lebt heute wieder im Ostteil Berlins – unter einfachsten Bedingungen. Die erhoffte Freiheit fand er in den fünfzig Jahren seit seiner Flucht aus der DDR nicht. Die Geschehnisse ließen ihm keine Ruhe. Doch ihm fehlte die Kraft, sich der Vergangenheit zu stellen. Nie besuchte er Fechters Grab in Berlin-Weißensee. Auch Fechters Verwandte traf er nicht. Ein, zwei Mal, erzählt er, sei er in der Zimmerstraße gewesen, am Denkmal, allein.