Die Pest von Albert Camus (1913 bis 1960) ist ein hundertprozentiger Nachkriegsroman. Sein Autor und seine Helden sind Kriegsversehrte. Egal, ob davon gesprochen wird oder nicht: Hinter ihnen liegen endlose Leichenfelder, vor ihnen ist nichts als Ungewissheit, in ihnen brennt eine Leere, die sie mit Anstand zu ertragen versuchen. Der Roman erscheint am 6. Juni 1947 bei Gallimard in Paris und ist sofort ein ungeheurer Erfolg. Im Lauf des Sommers 47 werden in Frankreich über 90 000 Exemplare verkauft. Als Camus aus den Sommerferien nach Paris zurückkommt, ist er eine Berühmtheit. Das Buch hat einen Nerv getroffen.

Seit 1938 verfolgt Camus dieses Projekt, eine erste Fassung ist 1942 fertig und wird mehrfach umgeschrieben. Aber immer geht es um die Stimmung des Eingesperrtseins, der Machtlosigkeit und Absurdität, in der die Franzosen während der deutschen Okkupation gelebt haben. Camus bannt all das in ein strapazierfähiges Bild: die Pest, die die ahnungslosen Bewohner der algerischen Küstenstadt Oran eines Tages befällt. Ehe man versteht, was geschieht, werden die Stadttore geschlossen und alle Verbindungen zur Welt gekappt. Die Eingeschlossenen sterben einer nach dem anderen, der tapfere Arzt, Dr. Rieux, stemmt sich der Seuche in stoischem Gleichmut entgegen.

Die allzu naheliegende Deutung, die im Pestbazillus den Nationalsozialismus, in der Okkupation eine Naturkatastrophe und im heroischen Arzt den Résistancekämpfer erkennen will, hat die Nachkriegsrezeption des Romans bestimmt. Das Nach-Vichy-Frankreich nahm sie dankbar auf. Doch häufig wurde Camus auch entgegengehalten, der Kampf gegen Mikroben und der gegen die Gestapo könnten nicht gleichgesetzt werden.

Aber der Roman bietet mehr als diese tafelbildtaugliche zeitgeschichtliche Allegorisierung, durch die er sich seit über sechzig Jahren den Studienräten auf der ganzen Welt empfiehlt. Auf den zweiten Blick entdeckt man in ihm eine Fülle grotesker Charaktere und absurder Miniaturdramen, die seine bleiche und magere Nachkriegsphysiognomie gleich sehr viel weniger bleich und mager aussehen lasse.

Man kann Die Pest lesen, ohne Camus’ Anschauungen vom leeren Himmel über uns und vom absurden Gesetz in uns zu kennen, die er in seinen großen Essays der vierziger und fünfziger Jahre erörtert hat. Zu entdecken ist in ihm ein Autor, dessen größter Zauber in der Ernüchterung liegt. Eine derart radikale Illusionslosigkeit hatte es noch nicht gegeben.