Literaturkanon: "Die deutsche Literatur? Zu deutsch!"
Michel Butor ist der letzte Vertreter des französischen Nouveau Roman. Er erinnert sich noch genau an die ersten Nachkriegsjahre.
© AFP

Der französische Schriftsteller Michel Butor als 38-Jähriger, 1964 in Paris
DIE ZEIT: Herr Butor, gibt es überhaupt eine europäische Literatur?
Michel Butor: Es gibt keine rein europäische Literatur mehr. Die nationalen Grenzen verschwinden oder spielen keine Rolle mehr.
ZEIT: Dann ist die große Zeit des europäischen Romans vorbei?
Butor: Absolut. Die europäischen Nationalliteraturen waren sehr verschieden unmittelbar nach dem Krieg. Heute haben sie sich aneinander angeglichen, sie sind uniform geworden. Wir leben nicht nur in einer Wirtschaftskrise, wir leben auch in einer literarischen Krise. Die europäische Literatur ist bedroht. Was wir in Europa gerade erleben, ist eine Krise des Geistes. Das immerhin haben die europäischen Nationen gemeinsam.
ZEIT: Woran erkennt man diese europäische Krise des Geistes?
Butor: Seit zehn oder zwanzig Jahren passiert beinahe nichts mehr in der Literatur. Es gibt eine Flut von Veröffentlichungen, aber einen geistigen Stillstand. Die Ursache ist eine Krise der Kommunikation. Die neuen Kommunikationsmittel sind bewundernswert, aber sie verursachen einen ungeheuren Lärm. Jeden Tag gibt es Neuigkeiten und noch mehr Neuigkeiten und noch mehr Neuigkeiten, die alle wieder verschwinden. Diese Informationsflut zerstört sich selbst. Es ist heute bedeutend schwieriger, zu erfahren, was wirklich geschieht, als vor zwanzig Jahren. Am Ende bleibt der Eindruck, dass nichts passiert.
ZEIT: Milan Kundera glaubt, der europäische Roman wird verschwinden, weil die Welt, aus der er kommt, nicht mehr existiert.
Butor: Es ist möglich, dass der Roman verschwindet. Es hat ihn ja auch nicht immer gegeben. Den Roman, über den wir heute reden, gibt es in Europa erst seit vierhundert Jahren. Aber der Roman ist ja nichts exklusiv Europäisches.
ZEIT: Wenn wir, allen Zweifeln zum Trotz, von einem literarischen Kanon Europas reden, wie müsste er für Sie aussehen?
Butor: Schwer zu sagen. Die Bücher, die mich geprägt haben, wurden alle vor dem Krieg geschrieben. Nach dem Krieg waren es vor allem Sartre und Camus, die mich beeinflusst haben.
ZEIT: Ich nenne mal ein paar Namen: Lampedusa, Golding, Beckett, Doderer, Borowski, Pasternak? Die haben alle im selben Jahrzehnt publiziert, in dem Sie mit Ihrem Roman Die Modifikation Literaturgeschichte geschrieben haben.
Butor: Mag sein, aber vergessen Sie nicht, dass wir im Krieg waren. Alles war geheim. Bücher wurden verboten. Es gab nicht einmal Papier. Europa war von den geistigen Informationsflüssen abgeschnitten. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen.
ZEIT: Und nach dem Krieg?
Butor: Ging alles langsam. Nehmen Sie Spanien, das war ein fast verschlossenes Land unter Franco. Ein Buch musste drei Zensurbehörden passieren. Die Modifikation wurde, als sie 1956 erschien, nicht ins Spanische übersetzt.
ZEIT: Gab es nach dem Krieg das Gefühl, wieder auf null gesetzt zu sein?
Butor: Nein, die Dinge gingen doch weiter. Wir hatten viel zu entdecken.





die meisten Romane spielen nicht mehr mit dem Wort, und wenn sie es tun, kommt Mist bei raus.
Der Gebrauch der malerischen Eigenschaften der Sprache, der Ausdruck von feinen Untertönen des Sinns und der Bedeutung, die Vermittlung von (gewusster) Lebenswahrheit, tiefen Geheimnissen nach Art von Mann und Goethe,
ist ersetzt durch Dramaturgie und Spannung.
Das Publikum ist gleich der Autor, weil beide aus einer Zeit kommen. Vielleicht ist das Publikum schon verdorben, was begann in der Schule mit Vernachlässigung der kreativen rechten Gehirnhälfte. Auswendig lernen sollen wir, und Folge leisten nach Plan. Bedeutung nachgeahmt werden, nicht mehr geschöpft soll werden.
Vielleicht ist das mit der Schule und den heutigen Lebensformen der wahre Grund, weil es so intensiv ist, in eine Welt geboren zu werden, und sie zu übernehmen. Und wir verlieren die Zeit fürs Leben, kenne keine Bedeutungen mehr, keine Ruhe, keine innere Wahrheit, denn ich denke nur damit lässt sich schreiben. Eine innere Wahrheit, die man stellvertretend für alle Menschen erfährt, ausgewählt durch eine Stimmung. Das ist die Wirklichkeit und sie kann jedes Mal neu erfunden werden. Aber wir wollen den Geschmack treffen, und können niemanden mehr was zumuten. So trauen wir uns nicht, und gelingt kein großer Wurf-
Das wirft ein trauriges Bild auf die Gegenwart. Aber auch unabhängig von den modernen Verbildungen, unabhängig von der genötigten Stresshaftigkeit, kein Zeit mehr zum Leben zu haben, zuviel REAL DRAMA!
Schwierige Bücher sind selten geworden, scheint mir, inbesondere sprachschwierige. Während die Lyrik ja lange schon das Problem hatte, sich schlecht zu verkaufen, sehen wir offenbar bei vielen Prosaautoren vorweg die Schere im Kopf, "es" jedenfalls nicht zu anstrengend für den Leser werden lassen zu wollen. Bzw. solche Prosa erreicht uns nicht mehr, weil die Verlage noch mehr nach höheren Verkaufszahlen schielen - und folglich keine "nicht leicht zulesenden" Bücher mehr herausgeben. Also liegt in den Buchläden viel langweiliges Zeug, selbst von jungen Autoren.
wie Iris Radisch die Literatur der Gegenwart verwaltet. Sie gleicht einem Ingenieur für Bewässerungstechnik, der eine langen Dürrezeit erleben muss.
Butor zu hören, ist erfreulich. In seinen Äußerungen erkennt man den sog. Realitätssinn, ohne den ein wichtiger Autor nicht existieren kann.
Die deutsche Kultur spielt, das wird mir immer deutlicher, im Ausland so gut wie keine Rolle mehr. In den U.S.A. werden die advanced studies abgebaut.
Das kränkt, aber ehrlich: wie sollte man dagegen argumentieren?!
schriftsteller, kritiker und philosoph in einer person?
sprachliche kompetenz,innovation,freier rhythmus,rückblick auf veraltete und präsentation neuer lebensmodelle können in einem modernen werk konzentriert gefunden werden? ja!
das alles gibt es doch noch/schon wieder. es wird nur vom mainstream ignogiert oder lächerlich gemacht.
http://www.epubli.de/shop...
dazu 2 blogs:
http://chateaudefleurac.t...
und
http://chateaudefleurac.b...
english/francais
... nicht Mainstream sein, um das hier...:
"der roman erzählt vom schicksal eines mannes und einer frau, die in früheren zeiten kundalini-yoga (tantra) praktizierten, um zur erleuchtung zu gelangen, diese ernorme macht jedoch missbrauchten und zu schwarz-magiern wurden.
ihr absturz und ihre strafen waren furchtbar.
marguerite, die protagonistin des romanes, ist nun – im 21. jahrhundert - auf dem weg zurück zu gott, göttin, zur erleuchtung, doch muss alle sieben höllen durchqueren, gegen dunkle mächte kämpfen …um ihren geliebten zu finden."
... lächerlich zu finden.
... nicht Mainstream sein, um das hier...:
"der roman erzählt vom schicksal eines mannes und einer frau, die in früheren zeiten kundalini-yoga (tantra) praktizierten, um zur erleuchtung zu gelangen, diese ernorme macht jedoch missbrauchten und zu schwarz-magiern wurden.
ihr absturz und ihre strafen waren furchtbar.
marguerite, die protagonistin des romanes, ist nun – im 21. jahrhundert - auf dem weg zurück zu gott, göttin, zur erleuchtung, doch muss alle sieben höllen durchqueren, gegen dunkle mächte kämpfen …um ihren geliebten zu finden."
... lächerlich zu finden.
... nicht Mainstream sein, um das hier...:
"der roman erzählt vom schicksal eines mannes und einer frau, die in früheren zeiten kundalini-yoga (tantra) praktizierten, um zur erleuchtung zu gelangen, diese ernorme macht jedoch missbrauchten und zu schwarz-magiern wurden.
ihr absturz und ihre strafen waren furchtbar.
marguerite, die protagonistin des romanes, ist nun – im 21. jahrhundert - auf dem weg zurück zu gott, göttin, zur erleuchtung, doch muss alle sieben höllen durchqueren, gegen dunkle mächte kämpfen …um ihren geliebten zu finden."
... lächerlich zu finden.
als vor 30 jahren die ersten ökologischen holzhäuser mit grasdach in deutschland gebaut wurden, da war häme groß, deren bauherren (dazu gehörte auch ich) galten als idioten und waren enormer (!) lächerlichkeit preisgegeben.
zu dieser zeit war auch yoga nur etwas für eso-spinner… tja …wie sich die zeiten ändern.
offensichtlich ist die zeit in südhessen stehen geblieben.
Ich habe das Interview sehr gut gefunden, aber ihre Kommentare machen mich ratlos. Warum beziehen Sie sich nicht auf den Artikel und ergreifen stattdessen die Möglichkeit beim Schopf, uns über mikro-sozialen Friktionen beim ökologischen Hausbau vor 30 Jahren zu "informieren"?
Kann es sein, dass Sie ein unglaublich wichtige Person sind, die zu kennen sich für uns alle lohnte?
Ich habe das Interview sehr gut gefunden, aber ihre Kommentare machen mich ratlos. Warum beziehen Sie sich nicht auf den Artikel und ergreifen stattdessen die Möglichkeit beim Schopf, uns über mikro-sozialen Friktionen beim ökologischen Hausbau vor 30 Jahren zu "informieren"?
Kann es sein, dass Sie ein unglaublich wichtige Person sind, die zu kennen sich für uns alle lohnte?
Ich habe das Interview sehr gut gefunden, aber ihre Kommentare machen mich ratlos. Warum beziehen Sie sich nicht auf den Artikel und ergreifen stattdessen die Möglichkeit beim Schopf, uns über mikro-sozialen Friktionen beim ökologischen Hausbau vor 30 Jahren zu "informieren"?
Kann es sein, dass Sie ein unglaublich wichtige Person sind, die zu kennen sich für uns alle lohnte?
Für mich ist das ein vielsagendes interessantes Gespräch.
Ich glaube, dass "une certaine génération allemande", zu jung, um an der Front und in Naziparaden gewesen zu sein, aber zu alt, um angeblich nichts gewusst zu haben, anstatt aus dem Blechnapf zu speisen (Hans Fallada) oder die Blechtrommel zu rühren (Günter Grass), das schillernde Frankreich jener Jahre und seine Kultur kennen lernen wollte. Jean-Paul Sartre, Simone de Bouvoir, Françoise Sagan bis hin zu Marcel Proust und Jean Jacques Rousseau. Das war doch 'was, das uns die eigene Misere wie im Traum vergessen liess.
Here meine Gedanken zu Yoga:
http://community.zeit.de/...
...sind dafür bekannt, daß sie nur vor allem das gelten lassen was französisch ist und nicht gern über den eigenen Tellerrand hinaus blicken. Andererseits fehlt es den Deutschen oft an genug Selbstbewußtsein, alles wird hochgejubelt wenn es aus dem Ausland kommt, vor allem aus Frankreich. Viele der einst hochgelobten französischen Autoren der Nachkriegszeit wurden hoffnungslos überschätzt. Simone de Beauvoir hat ihre Verdienste als Frauenrechtlerin aber ihre Romane sind doch eher mittelmäßig. Mademoiselle Sagans Romane sind doch recht trivial, sie in einem Atemzug mit dem genialen Proust zu nennen ist doch ein wenig vermessen. Satre war kein schlechter Schriftsteller aber an Camus kam er doch nie heran und als Philosoph ist er auch nicht mehr ernst zu nehmen.
Ist Grass wirklich so deutsch? Man kann durchaus sehr deutsch sein und erfolgreich in Frankreich. Die sehr deutsche Dietrich war in Frankreich sehr populär, Franzosen sind die leidenschaftlichsten Wagnerianer (Proust, Baudelaire), während die französische Oper in Deutschland nie so recht ernstgenommen wurde, Nietzsche wird von den Franzosen offenbar besser verstanden als von den Deutschen, französische Cineasten können nichts mit dem aktuellen deutschen Film anfangen, lieben aber Faßbender, Fritz Lang, Murnau.
...sind dafür bekannt, daß sie nur vor allem das gelten lassen was französisch ist und nicht gern über den eigenen Tellerrand hinaus blicken. Andererseits fehlt es den Deutschen oft an genug Selbstbewußtsein, alles wird hochgejubelt wenn es aus dem Ausland kommt, vor allem aus Frankreich. Viele der einst hochgelobten französischen Autoren der Nachkriegszeit wurden hoffnungslos überschätzt. Simone de Beauvoir hat ihre Verdienste als Frauenrechtlerin aber ihre Romane sind doch eher mittelmäßig. Mademoiselle Sagans Romane sind doch recht trivial, sie in einem Atemzug mit dem genialen Proust zu nennen ist doch ein wenig vermessen. Satre war kein schlechter Schriftsteller aber an Camus kam er doch nie heran und als Philosoph ist er auch nicht mehr ernst zu nehmen.
Ist Grass wirklich so deutsch? Man kann durchaus sehr deutsch sein und erfolgreich in Frankreich. Die sehr deutsche Dietrich war in Frankreich sehr populär, Franzosen sind die leidenschaftlichsten Wagnerianer (Proust, Baudelaire), während die französische Oper in Deutschland nie so recht ernstgenommen wurde, Nietzsche wird von den Franzosen offenbar besser verstanden als von den Deutschen, französische Cineasten können nichts mit dem aktuellen deutschen Film anfangen, lieben aber Faßbender, Fritz Lang, Murnau.
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