Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde. Der Freund heißt Serenus Zeitblom, ein Gymnasiallehrer, der wie Leverkühn aus Kaisersaschern an der Saale stammt, einer fiktiven Stadt im Herzen der Luthergegend. Es geht um Deutsches und Deutschland in diesem Roman, um den Lebensweg Leverkühns vom Studenten der Theologie zum Komponisten, der impressionistisch beginnt und, dank teuflisch-syphilitischer Inspiration, den Durchbruch zur Zwölftonmusik vollzieht. Leverkühn ist 1885 geboren und stirbt umnachtet 1940, am 25. August wie Nietzsche.

Es gibt berühmte Kapitel: Onkel Leverkühns Musikalienhandlung, das Teufelsgespräch, Domorganist Kretzschmars Vortrag über Beethovens opus 111. Die Musikschilderungen überhaupt sind Glanzstücke deutschsprachiger Prosa: einzigartig die Vergegenwärtigung der Apocalipsis cum figuris, man glaubt beim Lesen das Stück zu hören, hat keinen Zweifel an seiner Existenz und wundert sich, dass es in der wirklichen Musikgeschichte nicht vorkommt. Die Münchner Gesellschaftsszenen, der Tod Ines Roddes, die sich in den Geiger Schwerdtfeger verliebt und ihn aus Eifersucht erschießt, die Schlittenpartie nach Neuschwanstein: Der Faustus ist ein hervorragender Künstlerroman, einer der besten des Genres.

Und trotzdem meiner Meinung nach im Kern, in der Aussage der Konstruktion, hochproblematisch. Leverkühn soll nicht nur für einen Künstler, einen Musiker in den Umwälzungen des 20. Jahrhunderts stehen, sondern zugleich für deutsches Schicksal. Das Buch will auch Deutschlandroman, Roman vor allem der deutschen Zentralkatastrophe namens »Drittes Reich« sein, weniger im konkret-chronologischen als im mentalitätsgeschichtlichen Sinn. Doktor Faustus umkreist eine These: Man nehme einen deutsch-mittelalterlich-romantisch-aristokratisch gesinnten Künstler (Leverkühn), eine Art Elitär-Musikspitzweg und weltabgewandten Gotteskauz, der auf »Durchbrüche« und große Ordnung hofft, dazu Musik, besonders die Wagners, als Verführungs-Zaubertrank, einige Schattierungen noch (die Studentengespräche, der Kridwiß-Kreis) – und man bekommt, wie Hans Rudolf Vaget in seiner Untersuchung Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik suggeriert, einen fundamentalen Beitrag zum Verständnis entscheidender geistiger Voraussetzungen des Nationalsozialismus. Bei aller durchaus für bestimmte Kreise relevanten Problematik der Leverkühn-Mentalität scheint es mir zu weit hergeholt, sie als politikprägend, als typisch für die Geistesverfassung des damaligen Deutschland zu zeichnen. Ein großer Teil des deutschen Volkes wählte zwar bewusst Hitler, aber nicht bewusst den Teufel. Niemand hätte Hitler gewählt, wäre in einer Zauberkugel das Deutschland von 1945 zu sehen gewesen. Leverkühn aber infiziert sich bewusst, um auf diese Weise zum »Durchbruch« zu gelangen, und er weiß, dass er dem Teufel gegenübersitzt und für den Pakt bezahlen muss.

Der Teufel Fausts, Mephisto, ist nicht der Teufel des Faschismus. Das Böse im »Dritten Reich«, wie Stanislaw Lem in einer umfangreichen und überaus scharfsinnigen Studie zum Faustus, Über das Modellieren der Wirklichkeit, ausführt, war weder vernünftig noch personalistisch, es folgte der Logik bürokratischer Apparate und hatte seine Spielregeln beim Schlächter gelernt. Es war vollständig flach, erkenntnislos und auch banal (wie es Hannah Arendt beschrieben hat) – Elephantiasis und technische Perfektionierung der Staatsmaschine. Dieses neuartige Böse zum Mephisto zu stilisieren bedeutet jedoch, es grundlegend zu verfälschen – das ist das Erzproblem der allegorischen Ebene des Romans.

Aber die Allegorie ist nicht alles. Man wird mit diesem Buch nicht fertig. Beim Wiederlesen stelle ich mir die Frage, ob man nicht ein wenig Thomas Manns Sichtlenkung in den Tagebüchern und in der Entstehung des Doktor Faustus aufsitzt, vor allem aber der Auslegung so mancher Interpreten, wenn man die Parallelen Kaisersaschern – »Drittes Reich«, Musik – Verführung (zum »Dritten Reich«) allzu sehr bemüht. Es gibt stärkere zur Verführung geeignete Drogen als Musik. Dies auch dann, wenn Musik, wie im Faustus, nicht nur für sich selbst, sondern eher als Chiffre für den Komplex »deutsches Wesen/Reinheit und Ideal« steht. Musik als Urgrund des deutschen Wesens. Stimmt es auch? Vieles spricht eher für den Kleingarten. Man sollte die Rolle der Kultur, auch der klassischen Musik, im Alltag nicht überschätzen. Da war mehr Rudi Schuricke und Zarah Leander, mehr Land des Lächelns als Parsifal, mehr Ufa als Berliner Philharmonie; am Ende mehr Durchhalte- und Ablenkungs- als Erhöhungspathos. Die Hauptteile des Faustus haben zeitlich gesehen mit dem »Dritten Reich« gar nichts zu tun, sie spielen um die Jahrhundertwende, im München um den Ersten Weltkrieg, das Teufelsgespräch findet in Palestrina in den Sabiner Bergen 1911 oder 12 statt. Und: Es geht um Musik, um den Lebensgang eines Komponisten. Das Buch hat nicht von ungefähr 48 Kapitel, es ist selbst auch das, wovon es spricht: Musik, Komposition mit zwölf Tönen. Ich kenne keinen Roman, der so tief in Musik und ihren Zauber, der ja durchaus zweideutig sein kann, eingedrungen ist wie der Doktor Faustus.

Ob die Mentalitäten und Gesellschaftszustände, die Thomas Mann schildert, ob sie mithilfe der deutschen klassischen Musik als Rauschmittel tatsächlich und geradewegs zu jener Katastrophe führten, die nicht aufhören wird, uns zu beschäftigen, weil ihre Vergangenheit kaum vergangen ist, weil sie menschenmöglich war und also wiederkehren kann, ob also der Doktor Faustus auf der Bedeutungsebene fragwürdig ist, sei dahingestellt. Auf der Erzählebene, als Kunst der Schilderung, der Vergegenwärtigung von Szenen und Leben, ist er es nicht. Und auch wenn der eine oder andere Zweifel mich beschleicht, habe ich beim Lesen des Faustus doch immer das Gefühl, der Beschwörung einer großartigen Musik zuzuhören.