Wenn Winston Smith, der Held in George Orwells im Juni 1949 erschienenem Zukunftsroman 1984, aus dem Fenster blickt, schaut er auf das Wahrheitsministerium, über dessen Portal die Inschrift »Unwissenheit ist Stärke« leuchtet. Am 4. April 1984 beginnt er sein geheimes Tagebuch, in einem toten Winkel des Televisors, der alle Ecken der Wohnung überwacht und auf dem der »Große Bruder« ihm die Welt deutet und die Parolen ausgibt. »Gestern Abend im Kino«, lautet die erste Eintragung, »lauter Kriegsfilme. Ein sehr guter, über ein Schiff von Flüchtlingen, das irgendwo im Mittelmeer bombardiert wird. Zuschauer höchst belustigt.«

Als der britische Autor George Orwell (1903 bis 1950) seinen legendären Roman über einen utopischen Überwachungsstaat im Jahr 1984 verfasste, der Generationen von Gymnasiasten als das Paradebeispiel postfaschistischer und antikommunistischer Literatur vorgesetzt wurde, schrieb er, der »Amerikanismus« sei in Gefahr, ebenso totalitär zu werden. Dann starb er.

Heute leben wir, einstweilen, im komfortablen Frieden, den Frontex, Elektrozäune und Patrouillen an den Grenzen Ozeaniens (heute sagen wir OECD) sichern. Wir haben Kenntnis davon, wie Geheimdienste Bedrohungsszenarien durch Schurkenstaaten fabrizieren, wie Monopolmedien die Massen lenken, wie unsere Kreditkartenkäufe, Bibliotheksnutzungen, Automobilbewegungen, sexuellen Vorlieben und Internetprotokolle überwacht werden. Unwissenheit ist zur zivilen Macht geworden, das weiße Rauschen der bewusstseinsindustriellen Vielfalt wirkt effektiver, geräuschloser als die staatliche Säuberungen der Archive oder Zensur. Orwells Erfindung des »Doppeldenk« lebt weiter in den hassfreien Sprachhülsen »Reform«, »Schutzschirm« oder »die Märkte«. Aber solange Schaumwein, Hormonlachs, H&M, Ikea und easyJet verfügbar sind – 1984 reichte noch »Victory Gin« zur Betäubung der Massen –, solange die Angst vorm zivilen Absturz wirkt, geht alles noch seinen Gang.

Orwells Buch bleibt hochaktuell. Natürlich würde der scharfsinnige Autor, der in seinem Roman die vordigitalen Vergnügungszentren seiner Zeit als »Versuche, das Bewusstsein zu zerstören«, analysierte, seinen Helden Winston Smith heute als Kreativen in eine Agentur für Irgendwas schicken. Auch würde seine Freundin Julia heute nicht mehr Billigromane kompilieren, sondern Vorabendserien – und beide würden notgedrungen an einer Welt ohne Alternativen mitstricken. Gegen ihr Gefühl. Die Formen und die Technik der Herrschaft über Wissen und Bewusstsein mögen wechseln. Doch was den Roman 1984 zeitlos macht, ist seine Denunziation des wirksamsten Mechanismus dieser Macht: der Angst der Beherrschten. Die Macht lebt von der Angst der Ohnmächtigen, von ihrer Unterdrückung des Gefühls von Zugehörigkeit, von Gut und Richtig, Liebe und Hass, Verrat – und Selbstverrat.

Jeder, der 1984 gelesen hat, erinnert sich an diese Szene: »Wir sind die Toten, sagte Winston. Wir sind die Toten, betete Julia getreulich nach. Ihr seid die Toten, sagte eine eiserne Stimme hinter ihnen.« Wir sind immer schon die Toten, hatte Winston gemeint, tot, weil wir eingewilligt haben in eine gedächtnis- und gemeinschaftslose Welt von Technik, Büros, Beton, billigen Vergnügungen und Gehorsam. Leichen mit Urlaub in Legoland.