Längst ist die Prognose zur Gewissheit geworden: China drückt dem 21. Jahrhundert seinen Stempel auf. Europäer und Amerikaner stellen sich darauf ein, dass sich die Gewichte zum Pazifik verschieben. Barack Obama hat die amerikanische Außenpolitik mit seiner »Wende« nach Asien im vergangenen Jahr strategisch neu ausgerichtet.

Aber was ist das für eine Macht, die da voller Selbstbewusstsein und zugleich voller Selbstzweifel die Bühne der Weltpolitik betritt? Eine Studie der Chinaforscher Dirk Schmidt und Sebastian Heilmann von der Universität Trier gibt darauf kenntnisreich und manchmal überraschend Antwort.

Der vielleicht wichtigste Befund: Mit den Kategorien des Kalten Krieges ist der Aufstieg Chinas nicht zu verstehen. Die Volksrepublik ist eben nicht die Sowjetunion. Anders als dort bestimme in China »kein allmächtiges Zentrum« die Politik. Charakteristisch gerade für die Außenwirtschaft sei vielmehr die Vielzahl unterschiedlicher Akteure – neben der Zentralregierung auch die Provinzen und die großen Staatskonzerne. Von einer »China AG«, schreiben Schmidt und Heilmann, könne angesichts »einer überaus lückenhaften und oftmals ineffektiven zentralstaatlichen Steuerung« nicht die Rede sein.

China ist in der Tat etwas komplizierter, als es auf den ersten westlichen Blick scheinen mag. Es rüstet kräftig auf und strebt doch (noch) nicht nach globaler Macht. Mimosenhaft achtet es darauf, dass man ihm mit Respekt begegnet; soll es aber Verantwortung übernehmen, dann drückt es sich.

Die Prioritäten in Peking sind klar. »Aufrechterhaltung von innerer Stabilität und Machterhalt der Kommunistischen Partei, Sicherung der territorialen Integrität (Taiwan, Tibet), Absicherung der ökonomischen Entwicklung« – das alles, schreiben die Autoren, sei dem Regime in Peking wichtiger als das »Bestreben, sich als verantwortungsvolle und kooperationsbereite Großmacht zu präsentieren«.

China ist noch immer mit sich selbst beschäftigt. Bisweilen jedoch lässt es auf eher ungelenke Art die Muskeln spielen. Manchen asiatischen Nachbarn hat das veranlasst, wieder Schutz bei der alten Hegemonialmacht Amerika zu suchen.

Keine andere bilaterale Beziehung wird die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts stärker prägen als die zwischen Peking und Washington. Bei Wirtschaft und Währung gibt es längst eine »symbiotische wechselseitige Abhängigkeit«, schreiben Schmidt und Heilmann. Politisch hingegen herrscht Rivalität zwischen der etablierten Supermacht und der aufstrebenden regionalen Großmacht. Die US-Regierung versucht, den Aufstieg Chinas zu »managen«; China wiederum fürchtet eine amerikanische Einkreisungsstrategie.

Die Herausforderung China wird der Westen so bald nicht los

Anders als einst der bankrotte Sowjetsozialismus fordert der Erfolg des autoritären chinesischen Staatskapitalismus die Demokratien des Westens in sehr grundsätzlicher Weise heraus. Da ist es etwas überraschend, wenn Schmidt und Heilmann schreiben, ein »umfassender politisch-ökonomisch-ideologischer Systemwettbewerb« sei nicht zu erkennen. Das ist er durchaus, auch wenn der Skandal um das geschasste Politbüromitglied Bo Xilai die dunklen Seiten des chinesischen Modells, die Abgründe der Diktatur soeben brutal offengelegt hat.

Wenn aber China seine Führungskrise überwindet, wenn es seinen wirtschaftlichen Aufstieg fortsetzt, wenn es die überfälligen politischen Reformen in Angriff nimmt, dann wird es für manche Schwellenländer eine attraktive Alternative bleiben. Zu »Selbstgefälligkeit«, da haben die Autoren recht, gibt es für Europäer und Amerikaner keinen Grund. Die Herausforderung China werden sie so bald nicht los.

Die historische Pointe, resümieren Schmidt und Heilmann: In einer paradoxen Umkehrung der Verhältnisse könnten sich Europa und die USA in der Lage der Qing-Dynastie gegen Ende des 19. Jahrhunderts wiederfinden – bestimmt von »politischen Beharrungskräften, wirtschaftlichen Wettbewerbsschwächen und moralischen Überlegenheitsvorstellungen«. Das kaiserliche China hat so seine Zukunft verspielt. Etwas klüger sollte der Westen es schon anstellen.