Heute sprechen wir nicht mehr gerne in diesen Großbegriffen: die besten Romane, der europäische Kanon. Das alles sind Sprachhülsen im XXL-Format, Angeberbegriffe aus einer Zeit, die sich ihrer selbst sehr sicher war und die die abendländische Grundrechenart – ich bin wichtig, ich bestimme, wer sonst noch wichtig ist – im Schlaf beherrschte. Und so ist es ein schwieriger Versuch, solche, nennen wir sie alteuropäische, Ordnungssysteme des Geistigen wieder zu reaktivieren, als wäre alles beim Alten.

Dennoch wollen wir auf den Literaturseiten der ZEIT einen langen Sommer hindurch einen Kanon der europäischen Literatur der Nachkriegszeit präsentieren. 70 Romane, jeweils zehn für jedes Nachkriegsjahrzehnt, wollen wir in dieser und den kommenden sechs Ausgaben vorstellen. Mit sieben namhaften europäischen Autoren werden wir jeweils Rückschau halten auf die sieben Jahrzehnte unserer gemeinsamen europäischen Geistesgeschichte.

Die unbequemen Fragen, die sich diesem Projekt in den Weg stellen, muss man nicht lange suchen. Es sind durchaus gewichtige. Zunächst die nach Europa. Wer gehört dazu? Was ist europäisch? Und besonders wichtig für einen europäischen Literaturkanon: Was ist das Europäische an der europäischen Literatur?

Der große Europäer Paul Valéry, der in dem Jahr starb, in dem unser europäischer Kanon auf den folgenden Seiten beginnt, hat in seinem Essay Die Krise des Geistes im Jahr 1919 eine Definition des europäischen Geistes versucht, die noch vom letzten Abendsonnenschein des europäischen Weltmachtbewusstseins beglänzt war. Der europäische Geist, schrieb Valéry, beziehe seine welthistorische Einzigartigkeit aus genau drei Quellen. Erstens aus seiner Herkunft aus dem Römischen Reich und dessen Ordnungs- und Stabilitätssystemen. Zweitens aus dem christlichen Glauben, der gewissermaßen das Kulturprogramm des römischen Imperialismus wurde. Und drittens aus der griechischen Denkfabrik, die Rom in einer kultursynkretistischen Meisterleistung übernommen und weitergegeben hat.

Derartig ausgerüstet, schien Europa über einen Zaubertrank zu verfügen, der es noch lange nach dem Untergang des Römischen Reiches von Sieg zu Sieg führte. Nord- und Südamerika, weite Teile Afrikas, Indien und die halbe Südsee wurden zwangseuropäisiert. Paul Valéry und mit ihm die Mehrzahl der europäischen Intellektuellen sahen diesen scheinbar allmächtigen europäischen Geist schon nach dem Ersten Weltkrieg ein für alle Mal am Boden liegen, gescheitert nicht zuletzt an seiner eigenen Größe und Maximierungssucht. Was ist es also, auf das wir uns berufen könnten, wenn wir uns zu Europäern erklären?

Unser Kanon beginnt 1945 auf einem menschlichen, politischen und kulturellen Trümmerfeld. Die Welt erfährt von Auschwitz und der mit allen Raffinessen des deutschen Ordnungssinns durchgeführten Vernichtung von sechs Millionen Juden. Europa ist eine Ruinenlandschaft. Der europäische Weltgeist auf die Knochen blamiert. Das Weltwunder Europa entzaubert. Seine berühmte Tugend, seine große Kunst, seine magischen Städte, seine überlegene Wissenschaft, sein Idealismus, seine unerschöpfliche Kreativität missbraucht. Sein aktuelles Wirtstier, das europäische Bürgertum, kompromittiert, ermordet, erstarrt in der Pose der Gleichgültigkeit. Davon geht die Welt nicht unter, hat Zarah Leander gerade noch gesungen. Jetzt spricht man von der Stunde null.

Wollte man eine grundlegende Gemeinsamkeit des Europäischen ausmachen, so könnte es diese Erfahrung der Selbstzerstörung sein. Die schnell gefundene Nachkriegsformel für die neue europäische Ausgangslage heißt: absurd. Die Autoren der vierziger und fünfziger Jahre, die wir vorstellen, schreiben aus dem Gefühl einer existenziellen Bodenlosigkeit. Jean-Paul Sartre sieht den Menschen zur Freiheit verdammt. Thomas Mann glaubt ihn eher vom Teufel verfolgt. Albert Camus beschreibt seine Pestbeulen. Samuel Beckett entsorgt ihn in Mülltonnen. Ernst Jünger empfiehlt ihm eine kosmische Kältetherapie. Primo Levi zweifelt daran, es in Europa noch mit Menschen zu tun zu haben. Allen gemeinsam ist das Gefühl, im freien Fall zu sein und mitzuschreiben.

Von diesem Rückfall in die eigene Bedeutungslosigkeit hat sich Europa bis heute nicht ganz erholt. Der Aufschwung vom grauen Nachkriegsexistenzialismus der vierziger und fünfziger Jahre zum neuen Konsumismus der sechziger und siebziger war überwältigend. Doch konnte der neuerliche Wohlstand das Grundgefühl, auf einer »anhaltenden Hochebene einer alles durchdringenden Nachkriegs-Nichtigkeit« zu leben, um eine Formulierung Peter Sloterdijks zu bemühen, kaum vertreiben. Emilio Gadda, Max Frisch, Heinrich Böll, Julien Green, Ingeborg Bachmann, Doris Lessing, Peter Handke und Imre Kertész sind einige der Autoren des europäischen ZEIT-Kanons in jenen Jahrzehnten, die durch die Welt gehen, als wäre sie aus Glas. Das Zeitalter des Misstrauens, das Nathalie Sarraute 1947 in Paris ausgerufen hatte, dauerte noch beinahe bis in die neunziger Jahre. Die Romane dieser Jahrzehnte sind besonders dünnhäutig: Jederzeit und überall können die Kulissen rechts und links wieder einstürzen, kann das Haus, die Stadt abbrennen, werden die Grenzen des Ich wieder eingerissen und versetzt. Erfolgreiche Titel in dieser Zeit heißen Riten der Selbstauflösung, Häutungen, Der Schmerz, Die Auslöschung oder Todesarten.

Es gibt ungezählte Perspektiven auf Europa

Die Vorstellung von der unersetzbaren Einmaligkeit jedes Individuums, die Milan Kundera »eine der schönsten europäischen Illusionen« überhaupt genannt hat, wird man in den Romanen unseres europäischen Nachkriegskanons bis in die neunziger Jahre weitgehend vermissen. Widerlegt ist auch die alte europäische Schulmeistermeinung, im Zentrum der Welt zu leben, zentrale Bücher zu schreiben und zentrale Gedanken zu denken, deren Nachbeben noch in der letzten Hütte die Teetassen auf dem Tisch zum Zittern bringen. Wer am Ende des 20. Jahrhunderts einen nüchternen Blick auf die Landkarte wirft, stellt fest: Europa ist eigentlich ein winziger westlicher Wurmfortsatz des asiatischen Kontinents.

Aber das wissen die europäischen Autoren nur allzu gut. Und der Selbstzweifel gehört im neuen Jahrtausend genauso zu einem selbstbewussten Europismus wie die einzigartige Urbanität der europäischen Städte und die großartige Vielfalt der europäischen Romane, deren Geist die Weltliteratur geprägt hat.

Das alles soll sich im Kanon der europäischen Nachkriegsliteratur wiederfinden, der wie jeder Kanon ungerecht ist und einander widersprechende Ziele verfolgt. Unser Kanon möchte natürlich die besten, aber auch die international wirkmächtigsten Werke berücksichtigen. Er möchte selbstverständlich keinen ganz großen Autor vergessen, möchte aber auch eine nationale Ausgewogenheit nicht versäumen. Er möchte den Anteil persönlicher Geschmacksurteile gering halten, aber auch nicht ausschließlich das platterdings Erwartbare bieten. Er möchte den neuen Migrationsbewegungen gerecht werden, aber auch nicht alle Grenzzäune einreißen. Er möchte europäisch sein, aber auch nicht kleinlich.

Entsprechend lang ist die Liste der vergessenen, der fast aufgenommenen, der umstrittenen Autoren. Manch großer deutscher Name ist weggefallen, wenn der Eindruck vorherrschte, dass die innerdeutsche und die gesamteuropäische Bedeutung zu weit auseinanderliegen. In der Frage, wo das intellektuelle Europa im Osten aufhört, wurde großzügig für die Türkei und für Russland optiert. Wenn unklar war, ob ein Autor eigentlich Europäer ist, wurde beispielsweise Salman Rushdie zwar zum Briten, Julien Green selbstverständlich zum Franzosen, Roberto Bolaño aber dennoch nicht zum Spanier erklärt. Und natürlich hat ein repräsentativer Nachkriegskanon aus nur 70 Titeln trotz allem weiße Flecken. So wird man unter anderen finnische, bulgarische, estnische, weißrussische und belgische Autoren vergebens suchen.

Die Uhren in Europa gehen nicht in einem Takt. Die Wiedervereinigung seines östlichen und seines westlichen Teils ist noch lange nicht vollendet. Die Lebensumstände der Nord- und der Südeuropäer entfernen sich immer weiter voneinander. Selten lebte Europa in seiner zweitausendjährigen Geschichte in so vielen verschiedenen kulturellen Klimazonen wie heute. Davon werden die begleitenden Gespräche mit europäischen Autoren berichten. Spanien hielt seine Türen nach Europa noch lange geschlossen, wie die spanische Autorin Ana María Matute in der nächsten Ausgabe versichert. Michel Butor erinnert in dieser Woche daran, dass Frankreich seine Stunde null bereits im Juni 1940 erlebte. Für den ungarischen Autor Péter Esterházy ist Europa für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden. Der Italiener Claudio Magris wird Europa vom Triester Caféhaus aus betrachten. Dem niederländischen Weltreisenden Cees Nooteboom war Europa immer schon zu eng. Für Orhan Pamuk hingegen lag es fast um die Ecke.

Es gibt ungezählte Perspektiven auf Europa. Ein nie abreißender Strom von Konferenzen und Europa-Festivals wird bis in diese Tage zu Ehren dieses vielsprachigen, zerrissenen Kontinents abgehalten, auf denen man sich jeweils begeistert gibt über die Einheit seiner unauflösbaren Widersprüche.

Im Ernstfall, der nun eintritt, ist diese Formel jedoch zu schwach, um uns eine Ahnung davon zu verschaffen, was uns eigentlich noch zusammenhalten könnte außer der gemeinsamen Furcht vor den wild gewordenen Finanzmogulen da draußen in der neuerdings bedrohlich uneuropäisch gewordenen weiten Welt. Wir wollen nicht so tun, als hätten wir darauf eine Antwort. Aber wir haben einen ziemlich großen Koffer mit ziemlich guten Büchern. Und wir halten es für möglich, dass wir die Antwort darin finden.