Martenstein"Dies ist das wahre Geheimnis des Fußballs"

Harald Martenstein über Zufälle, Elfmeterschießen und Expertentum von 

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Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Auch ich war beim Public Viewing. Wenn die Mannschaft führte, jubelten alle. Sobald die Mannschaft hintenlag, wurde sie beschimpft. Erst Superstar, dann Volldepp. Das geht blitzschnell. Fußballfans sind noch launischer als unser Hund oder als Theaterschauspielerinnen mittleren Alters. Wenn eine Mannschaft vier Mal gut gespielt hat, wird einem mit vielen Details von den Experten erklärt, warum die Weltklasse sind. Dann verlieren sie ein Mal, und derselbe Experte kann einem mit noch mehr Expertendetails erklären, warum die von Weltklasse meilenweit entfernt sind. Ich kann solche Leute nicht ernst nehmen. Ein Literaturkritiker, der behauptet, weil das letzte Buch von Philip Roth nicht ganz so gut war, ist Philip Roth kein Weltklasse-Autor, würde auch von niemandem ernst genommen werden.

Es gibt Sätze, die ich ungefähr tausend Mal gehört habe. Zum Beispiel, was Fußball betrifft, den Satz: "Elfmeterschießen ist ein Lotteriespiel." Dies bedeutet, nach meinem Verständnis, dass es beim Elfmeterschießen nach Ansicht der Experten sehr stark auf das Glück ankommt. Stimmt das, oder habe ich da was nicht richtig verstanden?

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Jetzt habe ich nach der Europameisterschaft zahlreiche Male gelesen, dass die spanische Mannschaft, der Turniersieger, die beste Mannschaft aller Zeiten sei . Dass diese Mannschaft sehr gut ist, kriegt ja jeder mit. Aber gegen Portugal sind sie im Elfmeterschießen weitergekommen. Das heißt, es war Glück dabei. Bestimmt spielen Nervenstärke oder Siegeswille beim Elfmeterschießen ebenfalls eine Rolle. Aber, verdammt noch mal, auch Glück. Die Spanier hätten leicht rausfliegen können. Dann wären sie nach Ansicht sämtlicher Kommentatoren nicht die beste Mannschaft aller Zeiten gewesen, sondern eine Mannschaft, die langweilig spielt und deren große Zeit vorbei ist.

Die Arbeit eines Fußballexperten besteht darin, Ereignisse, die zum Teil mit Zufall zusammenhängen, hinterher als unvermeidliche Folge von Fehlentscheidungen des Trainers darzustellen. Bei der Niederlage von Deutschland gegen Italien konnte, nach ein paar Minuten, ein Italiener auf der Torlinie den Ball ganz knapp mit dem Bein abwehren. Wenn die Deutschen früh geführt hätten, wäre das Spiel vielleicht anders ausgegangen. Ob aber ein Ball mal zehn Zentimeter anders fliegt oder ein Spieler minimal anders steht, hängt vom Zufall ab. Was anderes kann mir niemand erzählen. Um Zuschriften aus dem kleinen, aber leider sehr rührigen Lager der Besserwisser zu vermeiden, betone ich nochmals, dass Zufall nur einer von mehreren Faktoren ist. Allerdings derjenige, von dem keiner spricht, keiner außer mir.

Ein Physikexperte kann vorhersagen, bei wie viel Grad das Wasser kocht. Das nenne ich wahres Expertentum. Damit kann man was anfangen. Psychologen und Meteorologen liegen immerhin manchmal richtig, das sind Halbexperten. Theologen, Ökonomen und Fußballexperten wissen über die Zukunft überhaupt nichts. Trotzdem können das sympathische Menschen sein.

Das Endspiel haben wir in einer italienischen Kneipe gesehen. Wir waren drei Stunden vorher da. Fünf Minuten vor Spielbeginn kamen Italiener und sagten, wir sollten aufstehen. Ein Typ sagte: "Ihr Deutschen macht uns die schöne italienische Stimmung kaputt." Von da an war ich gegen Italien, und sie haben ihre verdiente Klatsche gekriegt. Wenn ich auf eine Mannschaft sauer bin, verliert sie immer. Dies ist das wahre Geheimnis des Fußballs. Mein Fazit der EM: Manchmal gewinnt Spanien , manchmal wird Griechenland Meister, oder auch ein anderes Land.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Wuhu, der Hund lebt also noch!

  2. Seh ich genau so. Kurz und praegnant hat das Randall Munroe in seinem webcomic erfasst (man beachte auch den "mouse over"-Kommentar):
    http://xkcd.com/904/

    • x24st
    • 12. Juli 2012 10:00 Uhr

    Was las ich gestern für eine Schlagzeile: "Trotz Kritik an Gomez - Scholl bleibt ARD-Experte". Diese Schlagzeile lässt doch schon tief in die stets eindimensionale schwarz-weiss-Malerei der medialen Berichterstattung des Fußballs blicken.

    Sehr netter Artikel - wobei die Ökonomen dann wahrscheinlich doch ein wenig mehr über die Zukunft sagen können als die Theologen. ;-)

  3. Wenn Sie mit einem Physikexperten an einem windigen Herbsttag unter einem Baum stehen und ihn bitten vorherzusagen wie lange das nächste fallende Blatt braucht um den Boden zu berühren wird seine Antwort auch bloß raten können. Wenn Sie ihn aber bitten die mittlere Falldauer der nächsten hundert Blätter (an einem windstillen Herbsttag) vorherzusagen wird er der Wahrheit schon recht nahe kommen.

    Die Welt ist, aus unserem beschränkten Blickwinkel heraus, eben nicht deterministisch & wenn behauptet wird, dass die Nationalmannschaft Spaniens die beste des letzten Jahrzehnts ist so bedeutet dieses nicht mehr als: Sie würde die überwiegende Anzahl ihre Spiele gewinnen. Eine Aussage welche durch die Erfolge eben dieser Mannschaft dann doch bestätigt wird.

    Und zum Zufall: Alle "ernsthaften" Experten (also all jene welche sich die Zeit nehmen die Finessen der jeweiligen Taktiken auch zu besprechen) blenden in ihren Prognosen den Zufall ganz bewusst aus - denn da ist jedes Wort verschwendet. Sie beschäftigen sich aber sehr wohl mit den einzelnen Spielzügen & dem Verlauf des Spiels - oftmals mehr als mit dem Ergebnis, denn dieses ist ja sowohl bekannt als auch stark vom Zufall abhängig.

    Also bitte ich Sie inständig sich mal die Analysen von z.B. zonalmarking.net oder Spielverlagerung.de anzuschauen bevor Sie das nächste Mal über die "Experten" herziehen.

    Oder was halten Sie davon wenn jemand von den Bild Glossen auf den gesamten deutschsprachigen Feuilleton schließt?

    Eine Leserempfehlung
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    • x24st
    • 12. Juli 2012 12:38 Uhr

    Was Sie ansprechen, wäre das "wahre" Expertentum des Fußballs. Menschen, die wirklich etwas davon verstehen und eine eine differenzierte Meinung abgeben, die nicht auf aktueller Stimmungslage beruht sonder auf einem Gesamtbild und echten Fakten.
    Klar kann man sich z.B. ausrechnen, wie viele der nächsten 20 Partien Spanien wohl in etwa für sich entscheiden wird. Klar kann man auch ausrechnen, mit etwa welcher Wahrscheinlichkeit Spanien die nächste Partie für sich entscheiden wird.
    Aber was kritikbedürftig ist, ist auch nicht das "wahre" Expertentum. Es ist das Pseudo-Expertentum und das ist der Mainstream. Die "Stimmugnsschwankungen" der angeblichen Experten gehen weit, sehr weit, über die BILD-"Berichterstattung" hinaus. Das finden in praktisch allen etablierten Medien zu finden - zwar unterschiedlich stark ausgeprägt aber absolut vorhanden. Seien es öffentlich rechtliche, private Sender, sei es die Süddeutsche oder FAZ.
    Überall werden die Gründe gesucht, warum die Deutschen gescheitert sind. Dass der Grund auch im Zufall liegt, das steht dort allerdings niemals in der Auswahl der Schuldigen. Als ob es keinen Zufall geben würde, als ob jede Niederlage einfach auf Fehlentscheidungen basieren MUSS.

    • x24st
    • 12. Juli 2012 12:38 Uhr

    Was Sie ansprechen, wäre das "wahre" Expertentum des Fußballs. Menschen, die wirklich etwas davon verstehen und eine eine differenzierte Meinung abgeben, die nicht auf aktueller Stimmungslage beruht sonder auf einem Gesamtbild und echten Fakten.
    Klar kann man sich z.B. ausrechnen, wie viele der nächsten 20 Partien Spanien wohl in etwa für sich entscheiden wird. Klar kann man auch ausrechnen, mit etwa welcher Wahrscheinlichkeit Spanien die nächste Partie für sich entscheiden wird.
    Aber was kritikbedürftig ist, ist auch nicht das "wahre" Expertentum. Es ist das Pseudo-Expertentum und das ist der Mainstream. Die "Stimmugnsschwankungen" der angeblichen Experten gehen weit, sehr weit, über die BILD-"Berichterstattung" hinaus. Das finden in praktisch allen etablierten Medien zu finden - zwar unterschiedlich stark ausgeprägt aber absolut vorhanden. Seien es öffentlich rechtliche, private Sender, sei es die Süddeutsche oder FAZ.
    Überall werden die Gründe gesucht, warum die Deutschen gescheitert sind. Dass der Grund auch im Zufall liegt, das steht dort allerdings niemals in der Auswahl der Schuldigen. Als ob es keinen Zufall geben würde, als ob jede Niederlage einfach auf Fehlentscheidungen basieren MUSS.

    Antwort auf "Mit Verlaub: Blödsinn"
    • Kometa
    • 12. Juli 2012 13:15 Uhr

    Ja, das Prinzip Zufall, bedacht, gelobt und gekürt vom archaic not perchancely
    Kolumnisten!

    Ja, darauf kann man eine ganze Ästhetik aufbauen. Ja, sogar die praktische Vernunft des wahren Zufalls. Oder die kritische Vernunft des nicht messbaren Zufalls. Und das Paralipomen des nicht länger geleugneten Zufalls. (Ach: das war ein zufälliger Tippfehler: Also: „Paralipomenon“, muss es schon heißen):
    Und weiterhinnig kunstinnig: ob der glückliche oder unglückliche Zufall es war, der das Bein, das Knie, die Fingerspitze, die Hacke – ach was! – der Meniskus, ein dummer, überflüssiger Knochen mit falschem Klangbild, sozusagen im Spiel waren.
    Zufall oder Absicht?
    Man kann's es ja lautest sagen,
    der Nation, dem heldensüchtigen Kind:
    dass die regenbogenfarbgen Fußballstiefel
    unproduziert geblieben verblieben sind.
    Ähnlich Gängiges vermutete schon Wilhelm Busch als „unglücklichen Zufall“ beim Vorübergang seines „Liebchens“: dass seine Treter, seine „einz'gen Stiefel“, beim Schuster seien. Ja, Not lehrt beschuhtes Auftreten!

    Der Not gehorchend oder dem Zufall?
    Ich tippe beim nächsten Auftritt von Löws singenden oder nichtsingenden Zöglingen auf noch verrücktere Farbgebungen beim ledernen Fußkleid, ob schwarz-rot-gold oder sonst wie zufällig

  4. 7. @x24st

    Eh, man kann es sich eben nicht "ausrechnen" sondern bloß eine gewisse Rolle zuordnen, eine genauere Abschätzung ist vielleicht in einer nationalen Meisterschafts möglich aber nicht in einem Turnier. (Wäre ein bisschen so wie die Qualität des nächsten Buches von P. Roth vorherzusagen.)

    Zu den Experten der Medienlandschaft:
    Um einen extremen Vergleich zu wählen: Über die (wahrscheinliche) Entdeckung des Higgs Bosons wurde (trivialer Weise) nur vereinfacht berichtet (Nischenmedien mal ausgenommen) und ähnliches (weitaus einfacherem Niveau) gilt für das Abschneiden der dt. Nationalmannschaft.

    Gleichzeitig lebt Fussball auch von diesem absurden Patriotismus, dem zwangshaften anfeuern der "eigenen" Mannschaft. Public Viewing ist der Tod für jeden Fussballgenuss eben weil es weniger um das Spiel als um die Emotionen geht. Und eben diese Emotionen stehen einer vernünftigen Nachbetrachtung im Weg. Dieser fussballerische Hurrapatriotismus wurde gerade in Deutschland in den letzten 6 Jahren bewusst gepflegt ("Sommermärchen" anyone?) und hat diese EM einen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

    Anderseits sollte ein Treppenwitz nicht unerwähnt bleiben:
    Während die FIFA nichts unversucht lässt um die unpolitische Natur des Fussballs herauszustreichen haben praktisch alle Medien die politische Seite des Fussballs zelebriert (z.B. das Singen der Hymnen) und das ist es was public viewing zumindest für mich so unerträglich macht.

    Am Thema vorbei, verzeiht!

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    verstehe ich nicht. Die Nationalhymnen wurden doch schon immer gesungen und zu Beginn eines Spiels übertragen... was hat das mit public viewing zu tun, das sie deshalb unter anderem so unerträglich finden?

    • x24st
    • 12. Juli 2012 18:54 Uhr

    Doch, natürlich kann man sich auch ausrechnen wie wahrscheinlich es ist, dass eine einzige Partie gewonnen oder verloren geht. Nichts anderes machen doch Wettbüros.
    Jedes Fußballspiel kann man auch als Zufallsexperiment betrachten, wobei nur eine Annäherung, niemals eine exakte Vorhersage möglich sein wird. Eben wegen der vielen Faktoren die auf das Ergebnis einwirken. Zufall ist eine davon. Dass in mehreren folgenden K.O.-Spielen der Zufall eine große Rolle spielt, ist doch eigentlich klar. Ob der Ball nun an den Pfosten knallt oder ins Netz geht ist praktisch reiner Zufall. Und dennoch hängt von diesem Zufall ab, ob die Presselandschaft am nächsten Tag ihre Helden bejubelt oder die Versager niederbrüllt.

    Ansonsten kann ich Ihrem Kommentar zustimmen. Allerdings - um das klarzustellen - das Bejubeln und anfeuern der "eigenen" Mannschaft, das finde ich voll okay. Das ist für mich ein "normaler" Teil von Unterhaltung und Freizeitgestaltung.

    Aber eben diese vollkommen unsachliche Reaktion der medialen Aufarbeitung (die natürlich auch sehr auf dem zuvor inszenierten Patriotismus und nun verletzten Nationalstolz fußt), die regt mich auf.

  5. verstehe ich nicht. Die Nationalhymnen wurden doch schon immer gesungen und zu Beginn eines Spiels übertragen... was hat das mit public viewing zu tun, das sie deshalb unter anderem so unerträglich finden?

    Antwort auf "@x24st"

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Philip Roth | Europameisterschaft | Glück | Trainer | Griechenland | Italien
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