LHC-TechnikerDer Chefmaschinist

Mike Lamont hält den Genfer Teilchenbeschleuniger in Schwung, mit dem das Higgs nachgewiesen wurde. von 

Es ist Frühling, einige Monate vor der großen Entdeckung. Im äußersten Westen der Schweiz springt Mike Lamont in seinen knallgelben, winzigen Citroën, startet und tritt aufs Gas. Lamont brettert ins schweizerische Örtchen Meyrin, zum Eingang der größten unterirdischen Rennbahn der Welt: des Teilchenbeschleunigers LHC am Cern bei Genf. Er bremst hart, holpert mit seinem 70-PS-Gefährt auf den Grasstreifen neben dem vollen Parkplatz, steigt aus. Am rechten vorderen Kotflügel hat eine Kollision Spuren hinterlassen.

Lamont ist der Chefmechaniker der größten Maschine überhaupt, der Leiter der Operations Group des Large Hadron Collider (LHC). Er ist dafür verantwortlich, 30 Trillionen Teilchen, die gleichzeitig mit nahezu Lichtgeschwindigkeit durch den 27 Kilometer langen Ringtunnel rasen, auf Kurs zu halten, mikrometergenau. »Grace under pressure« sei das Geheimnis seines Jobs, sagt der Engländer – Anmut unter Druck. So hat Ernest Hemingway einmal die wichtigste Charaktereigenschaft seiner Protagonisten beschrieben. Wie ein Hemingway-Held wirkt der 52-jährige Physiker nicht gerade: Nickelbrille, Kurzhaarschnitt, schmale Schultern.

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Der Druck steigt. Die Wissenschaftler am Cern wollen endlich das Higgs-Boson aufspüren. Das Partikel, von manchen zum »Teilchen Gottes« verklärt, ist der einzige Baustein im Standardmodell der modernen Physik, der noch nicht gefunden wurde. Das Higgs-Boson soll erklären, woher Elementarteilchen das haben, was Physiker »Ruhemasse« nennen. Um es nachzuweisen, brauchen die Experimentalphysiker die Protonen, die Lamont und seine Maschinenmannschaft in den Beschleunigerring schießen und zusammenstoßen lassen. Die Spuren dieser Kollisionen zeichnen die Forscher mit haushohen Detektoren auf. Womöglich führen einige davon zum Higgs. Lamont wäre es recht: »Die sollen das Ding endlich erledigen, verdammt noch mal!«

Der Eingang zur Untergrundrennbahn wird streng kontrolliert: persönlicher Chip, Iris-Scan. Die Sicherheitsschleuse lässt die Besucherin nicht passieren. »Mist, das System ist neu. Ich hab beim Antrag was falsch gemacht«, sagt Lamont. Schnell plant der Cheforganisator eine Alternative. Benedetto Gorini, Koordinator des Atlas-Detektors, lädt die Besucher in seinen Kontrollraum. »Hier war ich auch noch nicht«, sagt Lamont. Normalerweise telefonieren die beiden, wenn Gorini etwas am Teilchenstrahl auszusetzen hat oder der Detektor muckt. »Wir brauchen dieses Jahr mehr Luminosität«, fordert der Koordinator. Luminosität, das ist die Teilchendichte. Mehr Teilchen bedeuten mehr Kollisionen und mehr Daten – und eine schnellere Antwort auf die Higgs-Frage.

Der Beschleuniger

Das Kernforschungszentrum Cern bei Genf ist die größte Physikerkolonie der Welt: 2.400 Wissenschaftler sind dort angestellt, 10.000 Forscher aus aller Welt arbeiten zeitweise als Gäste am aufwendigsten Forschungsprojekt aller Zeiten.

Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) soll helfen, die letzten Fragen der Physik zu beantworten: Wie fing das Universum an? Woraus besteht es? Was hält es zusammen?

Für die Wartung und Steuerung der weltgrößten Maschine sind etwa einhundert Maschinenphysiker, Ingenieure und Techniker zuständig. Der Bau des Beschleunigers hat rund drei Milliarden Euro gekostet, ohne die Teilchen-Detektoren. Der Betrieb des Cern kostet etwa eine Milliarde Euro im Jahr. Deutschland zahlt ein Fünftel davon.

Wie das zu bewerkstelligen ist, will Lamonts Team am Nachmittag im Cern Control Center, dem CCC, diskutieren. Das liegt in Prevessin auf der französischen Seite der Grenze. In seinem gelben Kleinstwagen prescht der oberste Mechaniker zum zweiten Standort des Cern. Ähnlich wie die Teilchen, die sie im Kreis jagen, müssen die Physiker ständig zwischen der Schweiz und Frankreich hin- und herflitzen, zwischen den beiden Hauptstandorten, den vier Detektoren, den acht Zugangspunkten zum Protonenparcours.

Bei der Besprechung im CCC dreht sich alles um β. Das ist die Amplitudenfunktion, eine der Stellschrauben für die Luminosität. Sinkt β, wird der Teilchenstrahl dünner, die Luminosität steigt. Die Maschinenphysiker überlegen, in welchen Schritten sie β reduzieren sollen. Lamont lehnt sich zurück, kratzt sich am Kopf, klickt mit seinem Kuli. Er sagt wenig. Als die Forscher sich auf einen Plan geeinigt haben, verschwindet der Chef, er will noch eine Präsentation für die nächste Konferenz vorbereiten.

»Ich hoffe, Sie mögen Meetings«, hatte Lamont schon vor dem Treffen gesagt. Bis zu zehn davon hat er jede Woche. »Ich muss alles zusammenhalten, das ist mein Job.« Nach der Konferenz geht er kurz im Kontrollraum vorbei. Vor den Monitoren hocken die diensthabenden Ingenieure, sie fahren den LHC gerade nach der Winterpause wieder hoch. »Na, benimmt sich die Maschine anständig?« Auf einem Regal stehen Champagnerflaschen, die haben sie geleert, als der Beschleuniger nach dem großen Crash wieder anlief. Nur neun Tage nach dem Start im September 2008 hatte sich einer der supraleitenden Magneten wegen einer fehlerhaften Stromverbindung überhitzt, sechs Tonnen des kühlenden Heliums waren ausgetreten. Erst mehr als ein Jahr später konnte der LHC wieder durchstarten. Da knallten die Korken.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/ls

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    Ihren Beitrag nicht. Ist das CERN nun ein Russenmagazin und verdammenswert, weil Sie diesen "Wahnsinn" nicht verstehen? Hätten Sie Einstein, Heisenberg und Turing sicherlich auch gesagt :). Wenn Sie der Gedanke daran, dass bestimmte Elementarteilchen durch ein bestimmtes Feld eine solch fundamentale Eigenschaft wie die Masse "vermittelt" bekommt und man die Existenz dieses Feldes nun nachgewiesen hat, nicht mit Faszination beseelt dann bleibt mir leider nichts anderes übrig als Ihnen mein Bedauern auszudrücken und Ihnen zu raten, die Leute, die etwas davon verstehen, einfach mal machen zu lassen ;)

  2. Ihren Beitrag nicht. Ist das CERN nun ein Russenmagazin und verdammenswert, weil Sie diesen "Wahnsinn" nicht verstehen? Hätten Sie Einstein, Heisenberg und Turing sicherlich auch gesagt :). Wenn Sie der Gedanke daran, dass bestimmte Elementarteilchen durch ein bestimmtes Feld eine solch fundamentale Eigenschaft wie die Masse "vermittelt" bekommt und man die Existenz dieses Feldes nun nachgewiesen hat, nicht mit Faszination beseelt dann bleibt mir leider nichts anderes übrig als Ihnen mein Bedauern auszudrücken und Ihnen zu raten, die Leute, die etwas davon verstehen, einfach mal machen zu lassen ;)

    Antwort auf "[...]"
  3. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  4. 4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  5. Danke für den interessanten Artikel.

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    Erstens sollte man beim Thema bleiben und zweitens: Schöner Artikel.

    Es ist viel zu selten, dass die Leute im Hintergrund, deren Kunst an der Maschine den Wissenschaftlern überhaupt erst die Daten zum denken liefern, gewürdigt werden.

  6. Erstens sollte man beim Thema bleiben und zweitens: Schöner Artikel.

    Es ist viel zu selten, dass die Leute im Hintergrund, deren Kunst an der Maschine den Wissenschaftlern überhaupt erst die Daten zum denken liefern, gewürdigt werden.

    Antwort auf "Jetzt mal zum Thema:"

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