NorwegenDas Leben nach dem Tod in Utøya

Am 22. Juli 2011 erschoss Anders Breivik auf einer norwegischen Insel 67 Menschen. Auch Lejla starb. Sie war Sofies beste Freundin. Sie ist es bis heute.

Es gibt eine Übereinkunft unter den Überlebenden des Massakers auf der norwegischen Insel Utøya am 22. Juli 2011: Wer sich gerade stark genug fühlt, der dreht morgens am Kiosk die Zeitungen um, damit die anderen nicht in sein Gesicht schauen müssen. Das machen sie von Oslo bis Trondheim und sogar hoch oben in Tromsø. Immer dann, wenn Anders Behring Breivik abgebildet ist. Und das ist er seit einem Jahr fast täglich. Auch jede Nachrichtensendung beginnt mit ihm. Zeigt ihn im Gerichtssaal, wie er reingeführt wird in Raum 250 oder wie er dasitzt, mit diesem immer gleichen Gesichtsausdruck.

Stoneface nennt Sofie ihn, seit sie ihn einmal dort erlebt hat. Gesicht aus Stein. Oder versteinerte Fratze. Sie hat sich geschworen, ihm zu zeigen, dass sie kann, wovor sich alle anderen fürchten: ihm in die Augen schauen.

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Als der Richter die Anwesenden gebeten hat, sich zu setzen, ist sie stehen geblieben und hat ihn angeguckt. Und er sie. So wie damals auf Utøya.

Da stand er am Ufer, das Gewehr in der Hand, den Blick aufs Wasser gerichtet, das nächste Opfer wählend. Sie im Wasser, die nackten Beine eiskalt, das Sweatshirt nass und schwer, das iPhone zwischen den Lippen, ziemlich sicher, dass sie gleich sterben musste. Da schon hatte er sie angeblickt, das Gewehr angelegt und gezielt. Damals war sie abgetaucht, unter den Leichen hergeschwommen, immer weiter von der Insel weg, im Zickzack, damit er nie sicher sein konnte, wo ihr Kopf gerade war. Damals hatte sie seinem Blick nicht standgehalten. Natürlich nicht. Am 20. April tut sie es. »Ich habe nicht böse geguckt, einfach nur intensiv und ruhig«, sagt sie. Danach musste sie weinen, aber sie war auch stolz.

Das musste sie unbedingt ihrer besten Freundin Lejla erzählen. Und sie macht es so, wie sie es früher auch getan hätte: Sie schreibt ihr eine Nachricht aufs Handy.

20. April 2012, 16:09

»Ich habe ihn angeguckt ganze lange fünf Minuten. Ich wünschte, du könntest mich jetzt in den Arm nehmen und sagen, dass alles wieder gut wird. Du wirst hier so sehr vermisst, das kannst du dir überhaupt gar nicht vorstellen.«

Sie will nicht abwarten, bis es dunkel wird, sie im Bett liegt und die Hände gefaltet hat, um ein paar Worte an ihre tote Freundin zu richten. Außerdem, wer sagt ihr, dass die ankommen und nicht einfach an der Zimmerdecke hängen bleiben? Ein Handysignal ist stärker, glaubt sie. Es geht schließlich durch Decken und Dächer, weiter nach oben, durch die Wolken, immer höher. Wenn sie auf »senden« drückt, stellt sie sich vor, wie Lejla kurz danach ihr Handy aus der Hosentasche zieht, die Nachricht anklickt und liest. Irgendwo im Himmel.

Das ist der Himmel, wie es sich eine 18-Jährige vorstellt: ein Ort mit Smartphones, gutem Empfang und kabellosem Internetzugang. Schließlich heißt es doch Paradies. Wenn man an diesem Ort seine Seele behalten darf, also seinen Charakter, seine Wünsche und Erfahrungen, seine Liebe und seine Gedanken, warum dann nicht auch sein Handy? Schließlich ist darauf die erreichte Rekordpunktzahl im Angry-Birds-Spiel gespeichert, die vielen Fotos und vor allem all die rührenden, alten SMS. Ihre ganze Freundschaft in witzigen Wortwechseln.

Als Lejla noch lebte, haben sie einander mindestens 20 SMS am Tag geschickt. Haben über Mindestlohn und Chancengleichheit diskutiert, über schlechte Küsser und krasse Diätregeln gelästert, über Differenzialrechnungen geklagt und sich gegenseitig über neue Nagellackmarken und neue Pickel informiert. Manchmal hatte Sofie ihrer Freundin morgens auch Fotos von zwei verschiedenen Outfits rübergeschickt, mit der Frage: »Was soll ich anziehen?« Und obwohl Lejla es amüsant fand, wie man sich mit so was Nebensächlichem wie einem Oberteil so lange befassen konnte, hat sie der Freundin immer geantwortet.

Leserkommentare
  1. Obwohl mich der Bericht sehr berührt hat, regte er mich am Ende doch ein wenig zum Widerspruch an. Was ist denn so schlecht daran, wenn sich Sofie beim SMS-Schreiben ihrer toten Freundin Lejla innerlich nahe fühlt? Könnten diese Nachrichten nicht auch positiv als aktive Auseinandersetzung mit dem furchtbaren Geschehen - als eine Art moderne Trauerarbeit - gesehen werden? Und umgekehrt: Wäre es denn wünschenswert, dass es Sofie irgendwann gelänge jeden Gedanken an Lejla zu verdrängen?
    Ich denke, Sofie weiß nur zu gut, dass ihre Nachrichten ins Leere gehen, aber so lange sie Trost in ihnen findet, sollte sie sich kein schlechtes Gewissen deswegen machen lassen.
    Übrigens weiß ich, wovon ich rede: Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben und ich schreibe heute noch Briefe an ihn. Und ich möchte mir von niemandem sagen lassen, diese Art von Gedenken sei trügerisch.

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    Ich teile Ihre Auffassung: Das Schicken der Nachrichten ist nicht trügerisch. Das wäre möglicherweise dann der Fall, wenn Sofie die Nachrichten in der trügerischen (sic!) Haltung verfassen würde, dass ihre Freundin noch da wäre und sich dieser Illusion hingeben würde. Das tut sie aber nicht. Sofie hat sehr wohl in ihrem Bewusstsein, dass die Freundin tot ist. Das ist nicht nur ihrer sonstigen Reaktion zu entnehmen, sondern in praktisch jedem Wortlaut ihrer Nachrichten.

    Insofern hat sie für sich ein gutes Mittel gefunden, Trauerarbeit zu leisten und Trost zu finden. Und das ist das genau das Gegenteil von Trug, denn das ist ihr Weg, die Realität zu integrieren. Ein bewundernswerter Weg, wie ich finde.

    Ich teile Ihre Auffassung: Das Schicken der Nachrichten ist nicht trügerisch. Das wäre möglicherweise dann der Fall, wenn Sofie die Nachrichten in der trügerischen (sic!) Haltung verfassen würde, dass ihre Freundin noch da wäre und sich dieser Illusion hingeben würde. Das tut sie aber nicht. Sofie hat sehr wohl in ihrem Bewusstsein, dass die Freundin tot ist. Das ist nicht nur ihrer sonstigen Reaktion zu entnehmen, sondern in praktisch jedem Wortlaut ihrer Nachrichten.

    Insofern hat sie für sich ein gutes Mittel gefunden, Trauerarbeit zu leisten und Trost zu finden. Und das ist das genau das Gegenteil von Trug, denn das ist ihr Weg, die Realität zu integrieren. Ein bewundernswerter Weg, wie ich finde.

    • Snorrt
    • 15.07.2012 um 9:58 Uhr

    Ich finde, Journalisten sollten viele solcher Dokus machen, sammeln und es sollte zur Verurteilung dazugehören, dass diesem peinlichen "Kreuzritter" jeden Tag seiner Haft daraus vorgelesen wird. Stoff genug hat er ja erzeugt. Mal gucken, ob er das ganze Leid, was er verursacht hat, im Nachhinein auch erträgt.

    11 Leserempfehlungen
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    Ich würde als Opfer nicht unbedingt wollen, dass der Täter Berichte über das Leid der Opfer zu lesen bekommt. Der Täter will nämlich die Opfer schädigen deshalb verübt er die Tat. Die Opfer leiden zu sehen ist also ein Sieg für Täter.

    Eine viel größere Strafe für Täter ist, wenn er zusehen muss, wie die Opfer trotzallem den Alltag meistern und ein glückliches Leben aufbauen.

    Das zu schaffen ist für Opfer zugegebenermaßen sehr schwer. Deshalb ist die Hilfe, Mitgefühl und Anteilnahme der Gesellschaft so wichtig, eben damit die Opfer dies schaffen.

    Oft werden Opfer leider von der Gesellschaft stigmatisiert und ihr Leben aufgrund des Opferseins nochmal schwer gemacht.

    Ich hoffe, dass es hier nicht passiert. Dass die Jugendlichen Ausnahmeregelung zum Schulbesuch bekommen usw. ist schon mal eine sehr gute Sache.

    Und dieser Artikel ist insofern sehr bemerkenswert, da er nicht auf Mitleidtour geht und ein zusammengebrochenes Opfer zeigt, sondern ein Opfer, welches tapfer das Geschehen zu bewältigen versucht.

    Ich würde als Opfer nicht unbedingt wollen, dass der Täter Berichte über das Leid der Opfer zu lesen bekommt. Der Täter will nämlich die Opfer schädigen deshalb verübt er die Tat. Die Opfer leiden zu sehen ist also ein Sieg für Täter.

    Eine viel größere Strafe für Täter ist, wenn er zusehen muss, wie die Opfer trotzallem den Alltag meistern und ein glückliches Leben aufbauen.

    Das zu schaffen ist für Opfer zugegebenermaßen sehr schwer. Deshalb ist die Hilfe, Mitgefühl und Anteilnahme der Gesellschaft so wichtig, eben damit die Opfer dies schaffen.

    Oft werden Opfer leider von der Gesellschaft stigmatisiert und ihr Leben aufgrund des Opferseins nochmal schwer gemacht.

    Ich hoffe, dass es hier nicht passiert. Dass die Jugendlichen Ausnahmeregelung zum Schulbesuch bekommen usw. ist schon mal eine sehr gute Sache.

    Und dieser Artikel ist insofern sehr bemerkenswert, da er nicht auf Mitleidtour geht und ein zusammengebrochenes Opfer zeigt, sondern ein Opfer, welches tapfer das Geschehen zu bewältigen versucht.

  2. Ich teile Ihre Auffassung: Das Schicken der Nachrichten ist nicht trügerisch. Das wäre möglicherweise dann der Fall, wenn Sofie die Nachrichten in der trügerischen (sic!) Haltung verfassen würde, dass ihre Freundin noch da wäre und sich dieser Illusion hingeben würde. Das tut sie aber nicht. Sofie hat sehr wohl in ihrem Bewusstsein, dass die Freundin tot ist. Das ist nicht nur ihrer sonstigen Reaktion zu entnehmen, sondern in praktisch jedem Wortlaut ihrer Nachrichten.

    Insofern hat sie für sich ein gutes Mittel gefunden, Trauerarbeit zu leisten und Trost zu finden. Und das ist das genau das Gegenteil von Trug, denn das ist ihr Weg, die Realität zu integrieren. Ein bewundernswerter Weg, wie ich finde.

    5 Leserempfehlungen
  3. Solche Texte hinter Panzerglas müssen in seine Zelle, immer gewechselt, und zufällig wiederkehrend, mehr kann ich nicht sagen, das wäre zu privart

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  4. Danke. Ich wünsche den Betroffenen, dass sie das Geschehene gut verarbeiten und Breivik dahin packen, wo er hingehört: In Sicherheitsverwahrung.

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  5. begreift man erst richtig, was der Mörder engerichtet hat. Eine ganze norwegische Generation wird ihr gesamtes Leben lang mit diesem Trauma leben und mit Depressionen zu kämpfen haben.
    Wie die Norweger damit aber umgehen, finde ich unglaublich; das verdient den allergrößten Respekt.
    Wenn ich das nächste Mal Norwegen besuche, dieses phantastische Land, dann werde ich auch der Opfer dort gedenken.

    3 Leserempfehlungen
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    doch das, dass es eben nicht "Die Norweger" gibt, die man ansprechen sollte, wenn man ein Land lobt, sondern die Menschen in Norwegen, unabhängig ihrer Nationalität. Das ist mehr als eine sprachliche Regelung, es geht darum anzuerkennen, dass Norwegen oder jede beliebige andere Nation, mehr ist, als das Produkt ihrer Staatsangehörigen, sondern da noch Menschen DAZUGEHÖREN, die hier zb keine Norweger sind. Jene, die vielleicht ein Breivik hasst.

    doch das, dass es eben nicht "Die Norweger" gibt, die man ansprechen sollte, wenn man ein Land lobt, sondern die Menschen in Norwegen, unabhängig ihrer Nationalität. Das ist mehr als eine sprachliche Regelung, es geht darum anzuerkennen, dass Norwegen oder jede beliebige andere Nation, mehr ist, als das Produkt ihrer Staatsangehörigen, sondern da noch Menschen DAZUGEHÖREN, die hier zb keine Norweger sind. Jene, die vielleicht ein Breivik hasst.

  6. Danke für den Artikel. Ich habe bisher nichts geschrieben, nicht weil der Artikel mir egal war, sondern weil ich so berührt war, dass ich lieber geschwiegen habe. Hinzu hatte ich irgendwie das Gefühl, dass hier noch was fehlt, was ganz wichtig ist.

    Nach paar Tagen, denke ich, dass dieses Gefühl davon kam, weil der Artikel sich konzentiert hat auf den Verlust - auf den Tod von Lejla und wie ihre beste Freundin Sofie damit umgeht.

    Sofie ist aber auch eine Überlebende, eine Traumatisierte. Auch sie stand dem Täter gegenüber und hatte Todesangst. Sie muss auch ihre Erfahrung verarbeiten, und auch das ist ein harter Weg.

    Viele Traumatisierte schreiben Tagesbücher an fiktive Addressaten zur Verarbeitung. An irgend einen Zuhöhrer, der immer da ist, und der nicht sagt, dass es nun endlich gut ist. Solche Tagebücher werden sogar von Therapeuten empfohlen, weil man die Seele aufschreiben und offenbaren kann, ohne Angst zu haben, zurückgewiesen oder kritisiert zu werden wie von lebenden Gesprächspartnern.

    Und wenn Sofie nun an ihre tote beste Freundin SMS schickt, wohl wissend, dass da keine Antwort kommt, ist es nicht auch ein Zeichen und ein "Vertrauen", dass ihre Freundin im Himmel immer für Sofie da sein wird und sie beschützen und ihr zuhören wird?

    So gesehen finde ich das Schicken von SMS nicht trügerisch, sondern einen sehr kreativen eigenen Heilungsversuch einer Überlebenden. Ich wünsche ihr alles Gute.

    4 Leserempfehlungen
    • h7
    • 15.07.2012 um 13:57 Uhr

    hat mich irgendwas im Internet zu Tränen gerührt. Das hier schon.

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