Es gibt eine Übereinkunft unter den Überlebenden des Massakers auf der norwegischen Insel Utøya am 22. Juli 2011: Wer sich gerade stark genug fühlt, der dreht morgens am Kiosk die Zeitungen um, damit die anderen nicht in sein Gesicht schauen müssen. Das machen sie von Oslo bis Trondheim und sogar hoch oben in Tromsø. Immer dann, wenn Anders Behring Breivik abgebildet ist. Und das ist er seit einem Jahr fast täglich. Auch jede Nachrichtensendung beginnt mit ihm. Zeigt ihn im Gerichtssaal , wie er reingeführt wird in Raum 250 oder wie er dasitzt, mit diesem immer gleichen Gesichtsausdruck.

Stoneface nennt Sofie ihn, seit sie ihn einmal dort erlebt hat. Gesicht aus Stein. Oder versteinerte Fratze. Sie hat sich geschworen, ihm zu zeigen, dass sie kann, wovor sich alle anderen fürchten: ihm in die Augen schauen.

Als der Richter die Anwesenden gebeten hat, sich zu setzen, ist sie stehen geblieben und hat ihn angeguckt. Und er sie. So wie damals auf Utøya .

Da stand er am Ufer, das Gewehr in der Hand, den Blick aufs Wasser gerichtet, das nächste Opfer wählend. Sie im Wasser, die nackten Beine eiskalt, das Sweatshirt nass und schwer, das iPhone zwischen den Lippen, ziemlich sicher, dass sie gleich sterben musste. Da schon hatte er sie angeblickt, das Gewehr angelegt und gezielt. Damals war sie abgetaucht, unter den Leichen hergeschwommen, immer weiter von der Insel weg, im Zickzack, damit er nie sicher sein konnte, wo ihr Kopf gerade war. Damals hatte sie seinem Blick nicht standgehalten. Natürlich nicht. Am 20. April tut sie es. »Ich habe nicht böse geguckt, einfach nur intensiv und ruhig«, sagt sie. Danach musste sie weinen, aber sie war auch stolz.

Das musste sie unbedingt ihrer besten Freundin Lejla erzählen. Und sie macht es so, wie sie es früher auch getan hätte: Sie schreibt ihr eine Nachricht aufs Handy.

20. April 2012, 16:09

»Ich habe ihn angeguckt ganze lange fünf Minuten. Ich wünschte, du könntest mich jetzt in den Arm nehmen und sagen, dass alles wieder gut wird. Du wirst hier so sehr vermisst, das kannst du dir überhaupt gar nicht vorstellen.«

Sie will nicht abwarten, bis es dunkel wird, sie im Bett liegt und die Hände gefaltet hat, um ein paar Worte an ihre tote Freundin zu richten. Außerdem, wer sagt ihr, dass die ankommen und nicht einfach an der Zimmerdecke hängen bleiben? Ein Handysignal ist stärker, glaubt sie. Es geht schließlich durch Decken und Dächer, weiter nach oben, durch die Wolken, immer höher. Wenn sie auf »senden« drückt, stellt sie sich vor, wie Lejla kurz danach ihr Handy aus der Hosentasche zieht, die Nachricht anklickt und liest. Irgendwo im Himmel.

Das ist der Himmel, wie es sich eine 18-Jährige vorstellt: ein Ort mit Smartphones, gutem Empfang und kabellosem Internetzugang. Schließlich heißt es doch Paradies. Wenn man an diesem Ort seine Seele behalten darf, also seinen Charakter, seine Wünsche und Erfahrungen, seine Liebe und seine Gedanken, warum dann nicht auch sein Handy? Schließlich ist darauf die erreichte Rekordpunktzahl im Angry-Birds-Spiel gespeichert, die vielen Fotos und vor allem all die rührenden, alten SMS. Ihre ganze Freundschaft in witzigen Wortwechseln.

Als Lejla noch lebte, haben sie einander mindestens 20 SMS am Tag geschickt. Haben über Mindestlohn und Chancengleichheit diskutiert, über schlechte Küsser und krasse Diätregeln gelästert, über Differenzialrechnungen geklagt und sich gegenseitig über neue Nagellackmarken und neue Pickel informiert. Manchmal hatte Sofie ihrer Freundin morgens auch Fotos von zwei verschiedenen Outfits rübergeschickt, mit der Frage: »Was soll ich anziehen?« Und obwohl Lejla es amüsant fand, wie man sich mit so was Nebensächlichem wie einem Oberteil so lange befassen konnte, hat sie der Freundin immer geantwortet.

Augenblicke, in denen es kaum auszuhalten ist

Und wenn Lejla mal an einem Dienstagabend ausnahmsweise nicht bei Sofie übernachten konnte, weil sie ihren kleinen Bruder beaufsichtigen musste, dann haben sie ihrer beider Lieblingssendung Grey’s Anatomy einfach per SMS kommentiert.

Am 17. April sitzt Sofie allein auf ihrer weißen Couch, der Fernseher läuft schon. Sie trägt eine Jogginghose und warme Schlafsocken. Für heute deutet der Videotext eine endgültige Trennung zwischen Derek und Meredith – den Hauptcharakteren der Krankenhausserie – an. Mit Lejla zusammen wäre das eine super Folge geworden.

17. April 2012, 19:04

»Ach, Lejla, ich vermisse dich so.«

Oder der Abend im Oktober, als sie zusammen nach Malmö zum Konzert von Rihanna fahren wollten. Die Tickets hatten sie schon gekauft.

31. Oktober 2011, 22:00

»Wir sollten jetzt gerade eigentlich in Schweden sein, Rihanna zuhören, mitsingen und tanzen. Es ist alles blöd ohne dich.«

Das sind die Augenblicke, in denen es kaum auszuhalten ist. Da holt Sofie dann plötzlich alles ein – wie mit einem Schlag gegen den Kehlkopf fange es an, sagt sie. Auf einmal sei ihr alles bewusst, was sie sonst versucht wegzuschieben, und es fühle sich ganz nah und bedrohlich an: die tote Lejla, der Sarg, die Angst ums eigene Leben, die halbe Stunde im Kühlschrank, als sie sich vor Breivik versteckt hat, das Schwimmen, das Absinken, die Schüsse, die Leichen, die vielen Beerdigungen, das viele Weinen, die brennenden Wangen, Breiviks Blick im Gerichtsaal, seine Stimme, sein irre ruhiger Blick, die Schüsse in Lejlas Kopf. Und dann kommt diese Leere. Mit so viel Wucht, als habe sie Anlauf genommen.

Weihnachten war furchtbar. Neujahr auch. Und kurz darauf kam Lejlas 18. Geburtstag. Eigentlich wollten die Freundinnen sich am 9. Januar 2012 das erste Mal hochoffiziell zusammen in einer Bar betrinken. Stattdessen hat Sofie gemeinsam mit Lejlas kleinem Bruder einen Kuchen gebacken und später riesige Herzen in den Schnee gezogen.

9. Januar 2012, 21:02  

»Ich gratuliere dir, meine Liebe. Ich hoffe, sie haben dich im Himmel gefeiert. Ich bin mir sicher, dass du der witzigste und sexieste Engel dort bist. Guck mal runter, wir haben Herzen gemalt.«

Als sie die erste SMS schrieb, hatte sie noch Hoffnung

Noch schlimmer war nur diese Woche im Mai, in der die Polizei endlich die Speicherkarten voller Fotos freigegeben hat, die sie nach dem Massaker von allen Teilnehmern eingesammelt hatte. Und viele Überlebende haben die gleich bei Facebook hochgeladen. Sofie findet nun ständig Bilder von Lejla und ihr.

Eines zeigt die beiden Freundinnen auf Utøya am Morgen vor dem Massaker. Sie tragen T-Shirts und Boxershorts, sind ungeschminkt, mit Zopf, auf dem Weg zum See, um sich zu waschen. Sofie steht hinter Lejla und stützt ihr Kinn auf deren Kopf ab, beide strecken ihre blau eingefärbten Zungen raus. Zur Erklärung hält Sofie einen Lolli in die Kamera.

9. Mai 2012, 1:07

»Oh, mein Mädchen. Dieses neue Bild auf Facebook würdest du nicht mögen. Du würdest es löschen. Wir sehen aus wie Idioten. Aber es ist das letzte von uns. Wir lachen und die Sonne scheint. Ich will die gute Zeit zurück. Komm zurück.«

Als Sofie das erste Mal eine Nachricht an ihre tote Freundin schrieb, hatte sie noch Hoffnung. Das war am Abend des Massakers. Sie saß im Tagungshotel Sundvolden in Krokkleiva, immer noch klitschnass, in diesen dunkelroten Polstern, mit einem geliehenen Handy in der Hand, und tippte nur zwei Wörter: »Melde dich«. Die hat sie an Lejla geschickt, und an Sondre, an Bendik, an Elisabeth und an ein paar andere, deren Namen nicht auf der Liste standen. Dieser verfluchten Liste, die an die Holzverkleidung an der Wand gepinnt worden war und auf der die Namen aller Überlebenden standen. Immer wieder wurde sie abgenommen und mit blauem Kuli ergänzt: neuer Name, neue Hoffnung.

495 Menschen haben Utøya überlebt, 69 nicht. 22 davon kannte Sofie gut, die meisten davon sah sie wöchentlich, einer war ihr Nachbar, einer ihr Exfreund, und Lejla, ihre beste Freundin. Die Sofie aber, wenn sie von ihr spricht, immer nur »Schwester« nennt, »weil wir beide keine hatten und beide eine wollten«.

Sofie und Lejla hätten noch viel vorgehabt zusammen. Sofie wird jetzt mit der Schule fertig. Lejla hätte noch ein Jahr hingehen müssen, aber Sofie wollte auf die Freundin warten. Sie hätte dann einfach mehr gearbeitet. Vielleicht hätte sie schon die Mittagsschicht in der Eisdiele unten am Meer übernommen, und Lejla wäre dann nachmittags, nach der Schule, gekommen, die Abendschicht hätten sie immer zusammen gemacht. Nur sie beide und die Softeis-Anlage. Darauf hatten sie sich gefreut.

Danach hatten sie vor, in Oslo in eine WG zu ziehen. Am liebsten gleich in der Nähe des Schlossparks. Jungs wären zwar erlaubt gewesen, aber nicht ständig. Lejla hatte sogar schon angefangen, sich Töpfe und Geschirrtücher, Salatschüsseln, Bettwäsche und einen Handstaubsauger von ihren Eltern zu wünschen.

Lejla wollte Jura studieren, Sofie wollte sich beim Militär verpflichten und danach auf die Polizeischule gehen. Lejla wollte Politikerin werden, und Sofie wollte als Profilerin Kinderschänder und Serienkiller überführen. Aber diese Pläne sind aus der Zeit vor Utøya.

Aufstehen geht manchmal einfach nicht

17. Januar 2012, 15:05

»Es waren immer du & ich. Ich funktioniere nicht ohne dich.«

Aufstehen geht manchmal einfach nicht. Duschen, schminken, anziehen – unvorstellbar. Ein ganzer Schultag ist für Sofie, der Lernen immer leicht gefallen ist, inzwischen zu anstrengend. Die Arbeitsräume sind zu eng, auf den geraden, langen Fluren fühlt sie sich schutzlos, die vielen Leute überfordern sie manchmal, und wenn der Wind eine Klassentür zuschmeißt, schrickt sie zusammen. Für die Fächer Englisch, Geschichte und Mathe lernt sie selbstständig, zu Hause. Das fällt ihr leichter. »Diese Kinder waren im Krieg. Wir tun alles, damit sie sich wieder einleben«, hatte die norwegische Bildungsministerin Kristin Halvorsen kurz nach dem Attentat gesagt. Und ihr Wort gilt. Für die Traumatisierten gibt es Sonderkonditionen. Sie können Fächer schieben und ein Schuljahr auf zwei Jahre ausdehnen, oder allein lernen und nicht bestandene Prüfungen wiederholen. Sofie will den Abschluss wie geplant in diesem Sommer machen. Wie es danach weitergeht, weiß sie noch nicht.

Sofie hatte sich nach dem Massaker auf Utøya noch zwei Tage lang an den Gedanken geklammert, Lejla könnte sich irgendwo versteckt und noch nicht gemerkt haben, dass alles vorbei war. Oder sie läge irgendwo, ohnmächtig. Oder ein Fischer hätte sie gerettet und päppelte sie jetzt in seiner Hütte mit Milchshakes wieder auf. Lejla liebte Milchshakes. Wenn die beiden sich in Fredrikstad zum Quatschen trafen, wählten sie das Café immer danach aus, auf welche Sorte Lejla gerade mehr Lust hatte. Schokolade schmeckte ihr im Verdensspeilet besser, aber Banane kriegten die im Cactus irgendwie geiler hin.

24. Juli 2011, 11:37

»Kannst du nicht doch nach Hause kommen? Ich kann nicht ohne dich.«

Stattdessen kommt an diesem Tag der Anruf von Lejlas Mutter, sie haben die 17-Jährige identifiziert. Lejla war eine der Ersten gewesen, die getötet worden waren. Sie lag vor dem Vereinshaus, vom Bootssteg war Breivik dort zuerst hingegangen. Der forensische Gutachter wird die Umstände ihres Todes ein halbes Jahr später im Osloer Gerichtssaal 250 so zusammenfassen: »Lejla Selaci, 17 Jahre, zwei Schüsse, beide in den Kopf, sehr geringe Entfernung, frontal abgefeuert von einer halb automatischen Ruger Mini-14, Kaliber 223, sofort tot.« Eine Polizistin, die alle Überlebenden befragt hat, ergänzt die nüchternen Worte des forensischen Gutachters: »Lejla Selaci hat offenbar versucht, Breivik zum Aufhören zu bewegen.« Laut Zeugen ist sie zu ihm hingegangen, hat ihn angesprochen, er solle sofort die Schießerei sein lassen. Sofie erinnert sich, dass danach keiner mehr was gesagt hat im Gerichtssaal, nur ein paar Angehörige hätten leise geweint. Vielleicht haben sie sich vorgestellt, wie wunderbar ihr Leben wäre, wenn Breivik einfach auf die 17-Jährige gehört hätte. Wenn ihr Kind nicht tot wäre.

Lejla bekommt für ihren Mut posthum den Ehrenpreis ihrer Heimatstadt Fredrikstad verliehen. Sofie nimmt ihn entgegen.

29. März 2012, 21:49

»Es war wirklich emotional heute. Du hättest da sein müssen. Du verdienst diesen Preis so sehr. Ich bin echt stolz auf dich. Du hättest alles geschafft.«

Das Nachrichtenschicken ist trügerisch

Dass sie nie mit Lejla in einer WG-Küche sitzen wird, dass sie nie einander die Trauzeugin sind können und dass sie sich nicht mal mehr gegenseitig kichernd die lockigen Haare glätten werden, so wie sie es früher fast jeden Samstagnachmittag getan haben – in Vorbereitung auf die Partynacht –, das hat Sofie akzeptiert. Sagt sie. Und das sagt auch ihre Psychologin. Sofie macht sich ganz gut. Sie nimmt die Realität an. Wenn sie neben Lejla auf dem Friedhof im Gras liegt, dann weiß sie, dass sie auf ihre Fragen keine Antwort bekommt. Natürlich nicht.

Aber das andere: Das Nachrichtenschicken, das ist trügerisch. Zwar weiß sie auch hier, dass sie keine Antwort bekommen wird. Aber das Gefühl, die Freundin einzuweihen, teilhaben zu lassen, ihr eine Nachricht zu schreiben, das ist so wie früher. Die Hälfte ihrer Kommunikation war schon immer digital. Das heißt: Sie waren sich nah, ohne dass sie einander sehen oder anfassen konnten. Und genauso vertraut fühlt es sich auch heute noch an, wenn Sofie mit ihren lackierten Nägeln über die Tastatur auf dem Display klackert und schließlich auf »Senden« drückt. Nichts stört die Illusion: Einen virtuellen Grabstein gibt es nicht. Keine SMS, die zurückkommt und aufklärt: »Der Empfänger deiner Nachricht ist nie mehr erreichbar.« Die Nachricht geht weg, als sei nichts geschehen.

Lejla ist nun schon fast ein ganzes Jahr tot. Den richtigen Zeitpunkt für ihren digitalen Tod muss Sofie erst noch finden. Irgendwann, wenn sie sich stark genug fühlt, dann wird sie aufhören, Nachrichten an ein altes Handy zu senden, das ausgeschaltet in einer Nachttischschublade liegt.

Dann bleibt die Freundin zwar weiter Freundin, aber nicht mehr erste Ansprechpartnerin, der sie sich sofort mitteilen muss, wenn sie am Kiosk einen Lolli sieht, der beim Lutschen die Zunge verfärbt, oder eine neue Nagellackmarke entdeckt oder wenn sich bei leichtem Regen ihre Haare wellen. Und bald, so hofft sie, wird Lejla nicht mehr die Einzige sein, die alle kleinen Späße versteht, alle Szenen erkennt und alle Eindrücke teilt. Neulich dachte Sofie, es wäre so weit, sich von Lejla als Adressatin zu verabschieden.

Es war ein guter Tag gewesen: Sie hatte ihre Abschlussklausur in Norwegisch geschrieben und hatte ein richtig gutes Gefühl, sie war im Fitnessstudio gewesen und hatte 40 Minuten auf dem Stepper durchgehalten. Auf dem Weg nach Hause war die Sonne rausgekommen. Nur noch diese letzte Nachricht:

7. Juni 2012, 23:31

»Ich mache es so, wie ich es dir versprochen habe. Ich lebe und genieße das Leben, so gut ich kann. Es ist hart, das ohne dich zu tun, aber ich hoffe, du siehst auf mich herunter und bist stolz auf mich.«

Und das Vorhaben wäre vielleicht auch gelungen, wenn nicht diese zehn heißen Typen zu ihr in die Eisdiele gekommen wären. Alle ohne T-Shirt, nur in Badeshorts. Alle ganz schön gut gebaut und braun gebrannt. Total unwirklich. Grinsend hat Sofie allen von ihnen ein Softeis gezapft. Aber als sie aus der Tür waren und wieder runter in Richtung Strand liefen, hat sie ihr iPhone aus der hinteren Tasche ihrer Jeans gezogen und sofort losgetippt.

26. Juni 2012, 15:04

»Wooaaah, gerade waren zehn Jungs oben ohne in der Eisdiele. Das hätte dir auch gefallen.«