Lieber Robert Schimke, lange habe ich überlegt, ob ich auf Deinen Brief antworten soll. Es bricht mir das Herz, manche Deiner nostalgisch und wehmütig anmutenden Zeilen zu lesen – obwohl ich doch tief in mir empfinde, dass es mir gut geht wie lange nicht. In all meinen Lebensadern fließt neue Kraft, ich habe das Gefühl, nicht mehr nur Flausen im Kopf zu haben. Sondern: etwas erreichen zu können. Weil wir die Dinge so verschieden sehen, habe ich beschlossen, Dir zu schreiben.

Ich bin eine 1000-jährige Stadt. Es gibt viele Gründe, auf mich stolz zu sein: mein kulturelles Erbe, mein Antlitz, mein selbstbewusstes Bürgertum. Und doch bin ich lebendig geblieben und offen für viel Neues. Gerade darum grämt es mich, immer von »Zugezogenen« oder »Neu-Leipzigern« zu lesen, als wolle man diese ausgrenzen. Ich bin groß geworden, weil Menschen von nah und fern zu mir kamen und Ideen mitbrachten; weil sie hier lebten, sich ausprobierten, ihr Glück suchten. Diese Vielfalt und das stete Wachstum tun mir gut.

Leider habe ich in den vergangenen 100 Jahren finstere Zeiten erlebt. Es gab verheerende Kriege und Zerstörung. Es gab Unfreiheit unter Diktaturen von Nazis und SED. Es ging mir nicht gut. Meine Kleider waren verschlissen; allerorts Dreck und Verfall. Es waren meine stolzen Bürger, die 1989 ihr und mein Schicksal wieder in die eigenen Hände nahmen.

Dann kam die Zeit, an die Du Dich so gern erinnerst in Deinem Brief – die Zeit nach der Wiedervereinigung. Mir war plötzlich, als sei ich noch mal in der Pubertät. Ich hatte Träume, von Olympia und Wolkenkratzern, und ich ließ mich auf Abenteuer ein. Ja, es war auch dieser sympathische Größenwahn, der mich damals trieb, ungeheure Dinge anzupacken. Wir haben uns ausprobiert. Vielleicht wollte ich zu schnell erwachsen werden. Du weißt schon: »La Paloma pfeifen und keine Zähne im Mund.« Ich holte mir manche Platzwunde, weil ich mich mit den Falschen einließ. Noch heute muss ich Verletzungen kurieren.

Diese Zeit war ein Neuanfang. Aber manche Menschen waren unzufrieden; kehrten mir den Rücken, weil ich sie nicht mehr ernähren konnte: Jeder Fünfte fand keine Arbeit. Ich hatte das Gleichgewicht verloren. Dennoch – da gebe ich Dir recht, lieber Robert – waren die neunziger Jahre aufregend. Nicht alles ist uns gelungen, manches war eine Nummer zu groß und verrückt, aber: Das Blut wallte in meinen Adern.

Irgendwann erkannte ich, dass die vielen »wilden Träume«, wie Du sie nennst, zwar gut für mein Selbstbewusstsein waren, andere Städte mich auch staunend anschauten und sich fragten, woher ich die Kraft nehme. Dass aber gleichzeitig immer weniger kleine Leipziger geboren wurden, mein wirtschaftliches Herz noch viel zu schwach schlug und vieles schnell und neumodisch wie »Keksdosen« gebaut wurde… Ja, Du hast recht, es war eine spannende Zeit, in der alles möglich schien, aber tief in mir erkannte ich: Vorwärtskommen braucht mehr.

Manchmal vergleiche ich mich mit Euch Menschen, Ihr braucht zum Leben Luft, Wasser, Nahrung, Liebe. Ja, und ab und an wilde Träume. Stimmt das Gleichgewicht der verschiedenen Faktoren nicht, so geht es Euch nicht gut, schlimmstenfalls werdet Ihr krank. Bei mir ist es ganz ähnlich – auch das Gleichgewicht meiner Bedürfnisse muss stimmen, damit es Euch, Eurer Stadt gut geht. Der Blick zurück in meine lange Geschichte half mir, zu erkennen, dass ich auf manches besonders achtgeben muss: