Wofür wird sie sich entscheiden? Für die Tofu-Bratwurst, das vegetarische Gyros oder doch das Sojamilch-Schnitzel? Es ist Veggi-Day in Leipzigs Uni-Mensa. Sabine von Schorlemer läuft an dampfenden Töpfen vorbei, ihr Blick schweift über die Salattheke. Die sächsische Wissenschaftsministerin ist unangekündigt hier, auf Einladung der ZEIT . »Ich bin früher gern in Mensen gegangen«, sagt sie. »In Lausanne wurde sogar bedient.« Besonders habe es ihr in Hamburg gefallen. »Dort konnte ich Grünkohl essen.« Mit Pinkel? Von Schorlemer guckt verlegen. »Auch damit.« Dann beschließt sie, doch erst mal nichts zu essen.

Die 53-Jährige sieht ohnehin nicht so aus, als hätte sie ein Faible für Deftiges. Von Schorlemer ist eine zierliche, fast asketisch wirkende Frau mit langen rotblonden Haaren, die sie oft zu einem Dutt verknotet. Vor knapp drei Jahren holte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich ( CDU ) die parteilose Professorin für Völkerrecht in sein Kabinett. Das verlieh der Landesregierung einen Hauch von Welt. Von Schorlemer gehörte der Unesco-Kommission an, sie hat das Auswärtige Amt beraten und kann darüber dozieren, wem die Sterne gehören – die Professorin gab an der TU Dresden Seminare zum Weltraumrecht. Als sie im September 2009 ihr Ministeramt antrat, waren die Erwartungen hoch. Vielleicht zu hoch.

Ihren Studenten, denen sie vor drei Jahren noch geraten hat, in der Studentenvertretung mitzumachen, begegnet sie nun bei Bildungsprotesten. Im Mai demonstrierten Tausende vor dem Sächsischen Landtag gegen die Sparbeschlüsse der Landesregierung und forderten vor allem eines: mehr Geld für Schulen und Universitäten. »Diese Begegnungen sind seltsam, aber ich scheue sie nicht«, sagt von Schorlemer und zögert einige Sekunden lang. »Mein Ressort spart zugunsten von Wissenschaft und Kunst weniger als viele andere. Gesamtstaatlich kommen wir um Kürzungen nicht herum.«

Von Schorlemer klingt überlegt, wenn sie solche Sätze sagt. Es sind Formulierungen, die früher nicht zu ihrem Repertoire gehörten. Die 53-Jährige ist ein Beispiel dafür, was Politik aus Fachleuten macht, welche Möglichkeiten sich Quereinsteigern eröffnen, aber auch, an welche Grenzen sie stoßen.

Ende 2011 hat ihr Ministerium den Hochschulentwicklungsplan vorgelegt. Zur selben Zeit strömten so viele Erstsemester an die Universitäten wie nie zuvor. Dennoch verlangte ihr Haus, dass die Hochschulen bis 2020 mehr als tausend Stellen einsparen. Ein Aufschrei ging durchs Land. Selbst die diplomatische Leipziger Uni-Rektorin Beate Schücking kritisierte in der ZEIT , die Politik könne nicht um mehr Studienanfänger werben und gleichzeitig das Angebot zusammenstreichen. Sie schrieb: »Fasten gilt als gesundheitsförderlich, die bevorstehenden Abbauprozesse gleichen eher Hungerkuren – und die sind schädlich.«

Dabei dürfte von Schorlemer die Not der Unis nachvollziehen können, als Professorin. Aber jetzt ist sie Politikerin. In dieser Rolle musste sie den Grundsatz des schwarz-gelben Kabinetts beherzigen. Dessen Mantra heißt: Sparen – um fast jeden Preis. Und so hat sie den Hochschulentwicklungsplan durchgeboxt. Sie fügte sich in die Zwänge des Amtes. »Manchmal habe ich mich gefragt: Warum tue ich mir das an?«, sagt sie über die Haushaltsverhandlungen. Doch Aufgeben ist nicht ihr Stil.

Und so hat sie in den vergangenen Wochen doch noch einiges für die Hochschulen herausgeholt. Die TU Dresden bleibt von den Sparanstrengungen verschont, da sie inzwischen Exzellenz-Status hat . Weil deutlich mehr Jugendliche ein Studium beginnen, als es die Kultusministerkonferenz prognostiziert hat, wird es sachsenweit zusätzliches Personal geben. »In diesem und im nächsten Jahr schaffen wir 300 Stellen«, sagt von Schorlemer. Weitere 253 Stellen werden entstehen, weil sie die Lehrerausbildung ausbauen will. »Der Eindruck, es bewege sich nichts, ist falsch«, sagt die Ministerin. Sie rutscht nervös auf ihrem Mensa-Stuhl hin und her, holt Statistiken aus einer Mappe, erläutert Zahlen über Zahlen. Schließlich resümiert sie: »Bis einschließlich 2016 werden die Hochschulen nicht weniger, sondern mehr Personal haben als bisher.«

Die härtesten Gegner sitzen in den eigenen Reihen

Sie lächelt wie eine Sphinx. Plötzlich weiß man nicht mehr, wer im Poker gewonnen hat. Der Finanzminister, der sein Spardiktat durchsetzen konnte; oder die Wissenschaftsministerin, die für die kommenden Jahre so viele Ausnahmen erstritt, dass die Hochschulen gerade so über die Runden kommen – auch wenn das Ganze wie ein Flickwerk wirkt. Die meisten der neuen Stellen sind zeitlich befristet, kaum attraktiv für gutes Personal. Und wie in späteren Jahren die Lücken geschlossen werden sollen, weiß auch keiner. »2015 evaluieren wir neu«, sagt von Schorlemer.

»Ihre härtesten Gegner sitzen in den eigenen Reihen«, sagt ein SPD-Mann

In der Mensa beginnt der Stoßbetrieb. Stühle quietschen, Teller klappern. Es riecht nach Pilzragout. Von Schorlemers Pressesprecher hat vorhin von den langen Sitzungen erzählt, die beide an diesem Tag schon hinter sich haben. Doch die Ministerin beherrscht sich. Mal wieder. »Ich bin nicht hungrig«, sagt von Schorlemer. Und als ihr Gegenüber sie verwundert anblickt, fügt sie hinzu: »Aber Sie haben sicher Hunger? Ich habe noch einen Bounty-Riegel in der Handtasche. Für Notfälle. Den könnte ich Ihnen geben.«

Für einen Moment wirkt sie fast mütterlich. Als von Schorlemer noch an der Uni lehrte, tuschelten schon Erstsemester über ihre eigenartige Mischung aus Strenge und spontaner Güte. Als alleinstehende Mutter dreier Kinder, die trotzdem in einer Männerdomäne Karriere gemacht hat, wurde sie von jungen Frauen geradezu bewundert. In der oft so trockenen Juristerei öffnete sie mit Völkerrecht ein Tor zur Welt. Gelegentlich hat von Schorlemer Studenten zu sich nach Hause eingeladen. Und eine Vorlesung begann sie schon mal mit kollektiven Kniebeugen, um die Müdigkeit im Saal abzuschütteln. Vielleicht sollte sie das vor Kabinettssitzungen auch einführen.

Von Schorlemer holt sich aus dem Kühlregal eine Flasche Cola. Wo gibt es Gläser? »Wir haben nur Plastebecher«, entgegnet die Frau an der Kasse unwirsch. Die Ministerin steuert zielstrebig aufs Einweggeschirr zu. Man kann sich vorstellen, dass sie ihren Studenten nah war. Als Politikerin wirkt sie fremd – und unnahbar. Als sie erstmals Studierendenvertreter im Ministerium empfing, gab es nicht einmal ein Wasser. Teilnehmer erinnern sich daran, dass von Schorlemer ihre eigene Flasche auf den Tisch stellte und dies mit dem Satz kommentierte: »Da sehen Sie, wie sehr wir sparen müssen.« Die Studenten schickten ihr danach zu Weihnachten ein Getränkepaket. Mit solidarischen Grüßen.

Von Schorlemers auffälligste Eigenschaft ist ihr Ehrgeiz. Sie ist am strengsten mit sich selber, sie arbeitet noch, wenn anderen die Augen zufallen. Zuletzt hat sie den neuen Doppelhaushalt verhandelt. »Ich habe drei Tage lang Gespräche mit dem Finanzminister geführt«, sagt sie. »Zweimal bin ich erst nach Mitternacht gegangen.« Sie kämpfe wie eine Löwin, heißt das. Aber wie lange hält man das durch in einem Rudel von Wölfen?

Im Wissenschaftsausschuss, so berichten Mitglieder, kämen die kritischsten Fragen oft von jenen, die sie unterstützen sollten – von Politikern der Regierungsparteien CDU und FDP . »Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass die Koalitionspolitiker sie befragen, um sie hereinzulegen«, sagt Gerhard Besier, der für die Linkspartei in dem Gremium sitzt. Trotzdem bemühe sich von Schorlemer immer um sachliche Antworten. Der SPD-Bildungspolitiker Holger Mann bestätigt: »Ihre härtesten Gegner sitzen in den eigenen Reihen, die sich womöglich an ihrer Parteilosigkeit stören.«

Die Opposition hat ein seltsames Verhältnis zu dieser Frau. Offiziell bemängeln SPD , Linke und Grüne ihre Hochschulpolitik. Hinter vorgehaltener Hand jedoch kommt unerwartet viel Lob, vor allem für ihr Fachwissen. Jede personelle Alternative würde die Situation nur verschlechtern, heißt es. Gleich mehreren Politikern der schwarz-gelben Koalition wird nachgesagt, Interesse an von Schorlemers Posten zu haben. Immer wieder fallen die Namen von Andreas Schmalfuß (FDP), Geert Mackenroth und Günther Schneider (beide CDU). 

Im Ministerium steht ihr als Staatssekretär Henry Hasenpflug zur Seite. Der CDU-Mann bezeichnete Langzeitstudenten nach seinem Amtsantritt als »Sozialschmarotzer«. Viele Jahre lang war er Dresdner Regierungspräsident gewesen, und als dieser trieb er den Bau der Waldschlößchenbrücke voran. Von Schorlemer hat die Brücke 2006 als »einzigartigen Akt der kulturellen Selbstverstümmelung« gegeißelt. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie die beiden reibungslos zusammenarbeiten. Aber mit Disziplin ist manches möglich.

Sie fühlte sich zu Unrecht kritisiert

In der Leipziger Mensa haben einige Studenten von Schorlemer jetzt doch erkannt und bitten um ein Foto mit ihr; als sei sie ein Popstar. Später steht das Bild bei Facebook. Zwei Jungs neben einer schmallippig lächelnden Lady, die ihre Arme akkurat an den Körper presst, als stünde sie für einen Staatsempfang stramm. Von Schorlemer kann nicht lässig. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Nicht in dieser Rolle.

Ihr größtes Kommunikationsdesaster erlebte sie im Mai 2011. Damals sollte die Professorin Renate Lieckfeldt Rektorin der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur werden. Doch das Ministerium, so stand es in den Zeitungen, lehnte die Verbeamtung Lieckfeldts und damit ihren Dienstantritt ab – wegen eines früheren Krebsleidens. Das Risiko einer Wiedererkrankung sei zu hoch. War das ein Vorwand?

Damals besetzten Studenten aus Protest das Rektorat, Medien aus ganz Deutschland berichteten. »Mich hat das sehr betroffen gemacht«, sagt von Schorlemer heute. »Das Verfahren war noch völlig offen.« Sie fühlte sich zu Unrecht kritisiert. Zum Zeitpunkt der Proteste stand ihre Entscheidung noch aus. Dennoch ließen sich Mitarbeiter aus dem Ministerium bereits zitieren mit den Worten, die Überprüfung der Unterlagen habe ergeben, dass Frau Lieckfeldt »den Vorschriften für eine Verbeamtung nicht entspricht«. Am Ende zog diese trotzdem ins Rektorat ein. An von Schorlemer blieb der Vorwurf der Unbarmherzigkeit haften – und dass ihr Ministerium versucht habe, dem politisch genehmeren Kandidaten das Amt zu sichern. Ausgerechnet ihr, die noch nicht einmal ein Parteibuch besitzt, wurde parteitaktisches Kalkül unterstellt.

Geht sie bald von der Politik an die Uni zurück? Die Frage lässt sie offen

Manche glauben: Wenn die Ministerin der CDU beiträte, hätte sie es leichter. Von Schorlemer bestreitet das und unterstreicht die Vorteile ihrer jetzigen Situation. »Ich muss mich um keinen Wahlkreis kümmern und kann mich voll auf meine Arbeit konzentrieren.«

Während ihrer knapp bemessenen Freizeit arbeitet sie weiterhin als Wissenschaftlerin. »Für den Sommerurlaub liegt bereits eine Doktorarbeit zum Lesen bereit«, sagt sie. Manchmal gibt sie in Dresden noch Seminare zum Kulturgüterschutz. Was auf den ersten Blick befremdlich wirkt, ist ihr größtes Pfund. Von Schorlemer ist nicht abhängig von der Politik. Sie kann jederzeit auf ihren Lehrstuhl zurückkehren. »Ich bin immer gern Wissenschaftlerin gewesen«, sagt sie.

Stimmt die Vermutung, dass ihre jetzige Amtszeit auch ihre letzte sein wird? Von Schorlemer windet sich. »Diese Frage kommt zu früh, denn wir haben erst die Hälfte der Legislatur, und meine Arbeit erfüllt mich sehr. Wissenschafts- und Kulturpolitik sind jeden Einsatz wert. Andererseits ist die Wissenschaft schnelllebig, dynamisch, und natürlich möchte man nicht unbedingt den Anschluss verlieren.« 

Anderen parteilosen Wissenschaftlern hat der Ausflug in die Politik nicht geschadet. So ist etwa der langjährige Kultusminister von Sachsen-Anhalt , Jan-Hendrik Olbertz , heute Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin. Gut möglich, dass von Schorlemer eine vergleichbare Karriere anstrebt.

Als sie die Mensa verlässt, haben Studenten ein paar eilig gestaltete Transparente aufgehängt. Auf einem steht: »Sabine, die Uni hat auch Hunger«. Über dem »i« in »Sabine« ist ein Herzchen gemalt. »Die Leipziger sind mit ihren Protesten pfiffiger als die Dresdner«, sagt von Schorlemer und lächelt professionell. Jetzt wäre der Moment, um zu den Studenten zu gehen, das Not-Bounty zu teilen und über Politik zu reden. Doch die Ministerin steigt in ihre schwarze Dienstlimousine und braust davon. Man hätte so gern eine Tofu-Bratwurst mit ihr gegessen.